Heidenheim COPD: Wie man mit der schweren Lungenkrankheit lebt

Schwer chronisch krank, aber trotzdem sehr positiv gestimmt ist der frühere Suchtberater Heinz Banzhaf.
Schwer chronisch krank, aber trotzdem sehr positiv gestimmt ist der frühere Suchtberater Heinz Banzhaf. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Manuela Wolf 17.01.2018
Heinz Banzhaf leidet unter COPD, einer schweren Lungenkrankheit. Dies hat seine Einstellung zum Leben verändert, er hat sich aber auch auf den Tod vorbereitet.

Heinz Banzhaf ist nicht mehr der Alte. Seine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung mit Emphysem, kurz COPD, nimmt ihm Luft und Kraft. Der Alltag ist beschwerlich geworden.

Für die paar Meter vom Parkplatz in die Schloss Arkaden braucht er eine gefühlte Ewigkeit. Ohne sein Sauerstoffgerät geht er nicht mehr aus dem Haus. Trotzdem will der 67-Jährige nicht jammern, nicht aufgeben. Als bewusst zufrieden alkoholfrei lebender Mensch und nach über 30 Jahren Sucht- und Sozialberatung weiß er: Man kann an Krisen zerbrechen. Muss man aber nicht. Im Interview spricht er über körperlichen Zerfall, die Sonnenliege in seinem Garten und warum er auf der grünen Wiese begraben werden will.

Herr Banzhaf, wie geht es Ihnen im Moment?

Banzhaf: In den letzten Jahren hatte ich Schwierigkeiten, mich selbst zu organisieren. Wenn man es nicht mehr gebacken bekommt, Dinge zu erledigen, die man sich vorgenommen hat, erzeugt das Frust. Da geht jegliche Freude verloren. Man stellt das Leben in Frage. Du bist nicht mehr der Hans Dampf in allen Gassen, sondern pfeifst aus dem letzten Loch. Seit dem Eingriff Ende November im Lungenkompetenzzentrum Gauting verflüchtigt sich meine Tagesmüdigkeit. Meine Grundstimmung ist gut, und ich muss aufpassen, dass ich nicht schon wieder übermütig werde.

Was war das für ein Eingriff?

Eine bronchoskopische Untersuchung. Spiralen, sogenannte Coils, raffen den schwergeschädigten Lungenbereich zusammen. Er wird dadurch im Volumen reduziert, damit der noch funktionierende Teil leistungsfähiger wird. Geplant war, 8, 10 oder 12 Coils einzusetzen. 14 sind es geworden, das sagt alles.

Dem Tod so nah: Welche Gedanken gehen einem da durch den Kopf?

Ich hatte natürlich Ängste vor Komplikationen oder dass ich aus der Narkose nicht mehr erwache. Aber diese Maßnahme war für mich eine Chance, meine derzeitige – nicht befriedigende – Situation zu verbessern und meine Restlebenserwartung zu verlängern. Im Vorfeld dachte ich: Wenn du dich dafür entscheidest, hast du eine 50-prozentige Chance auf Veränderung, machst du nichts, bedeutet das zu 100 Prozent Stillstand. In den letzten vier Jahren ist es kontinuierlich bergab gegangen. Ich konnte mir anhand von Durchschnittswerten ausrechnen, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Nun plane ich wieder mittel- und langfristig. Wer weiß, welche neuen Behandlungsmethoden es gibt in zwei, drei Jahren.

Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem die Diagnose COPD bestätigt wurde?

Ich saß da wie ein begossener Pudel. Vieles, was ich wahrgenommen, aber nicht richtig zugeordnet hatte, hat sich plötzlich erklärt. Ich dachte: Du brauchst Dich nicht wundern. Du hast dich selbst vernachlässigt und mit deiner Gesundheit Schindluder getrieben. 33 Jahre stark geraucht. Nun musst du die Verantwortung dafür übernehmen. Damit steht die Frage des Todes natürlich schneller zur Diskussion als ich mir das vorgestellt hatte. Ich kann verstehen, dass sich kranke Menschen häufig selbst aufgeben.

Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden.

Ich bin einen ähnlichen Weg vor 36 Jahren schon einmal gegangen: raus aus der Alkoholabhängigkeit, zurück ins Leben. Meine Therapie-Erfahrungen sind mir dabei zu Gute gekommen. Nicht in Panik und Hoffnungslosigkeit verfallen, sondern sich selbst zugestehen, dass man schwach und krank sein darf. Wichtig war, dass ich mir Unterstützung geholt habe. Ich habe das Gespräch mit meinem Hausarzt gesucht und mich ausgiebig über COPD informiert. Nicht-Wissen macht hilflos. Und ich habe in meiner Selbsthilfegruppe darüber gesprochen, was mich belastet. Es braucht Austausch mit Leuten, die dich in deinem momentanen Zustand verstehen. Familie und Freunde sind damit oft überfordert.

Haben Sie Vorkehrungen für den Tag X getroffen?

Ich denke, das sollte jeder Mensch mit Erreichen der Volljährigkeit tun. Denn wenn ich nicht zu meiner Zeit festhalte, wie ich es auf keinen Fall haben will, dann wird das medizinisch Mögliche gemacht. Oder Angehörige müssen Entscheidungen treffen. Das wollte ich niemandem aufbürden. Ich habe meinen Sohn aus zweiter Ehe gefragt, ob er sich um alles Organisatorische kümmern würde. Dass er ja gesagt hat, hat mich sehr gefreut. Er hat alle nötigen Schlüssel, und in einem Notfall-Ordner sind sämtliche Vollmachten, eine Patientenverfügung plus Wertevorstellung und die Kontaktdaten der Leute, die benachrichtigt werden sollen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist nicht leicht, die Frage, was danach kommt, kann niemand beantworten. Aber zu wissen, dass Dinge geregelt sind, beruhigt.

Gibt es Regelungen für Ihre Beerdigung?

Sarg Fichte schlicht, grüne Wiese. Ich möchte nach meinem Tod niemandem zur Last fallen. Ich habe ganz bewusst einen Rahmen vorgegeben, der meinen engen Lebensbegleitern Gestaltungsspielraum lässt. Ich denke, dass die mich nicht einfach ohne Trauerrede und dergleichen verscharren werden.

Wie hat die Krankheit Ihren Alltag verändert?

Die Wertigkeiten ändern sich. Ich habe gemerkt, dass ich sehr gut auf sehr vieles verzichten kann, zum Beispiel auf endlose Diskussionen um Nichts. Was ich tue, muss Sinn und Spaß machen. Zeit wird kostbarer. Ich mag das Zwanghafte nicht mehr. Ich will den „Endspurt“ so gestalten, wie ich es gerne möchte, und Zeit mit Menschen verbringen, die mir wichtig sind. Im letzten halben Jahr habe ich in allen Bereichen bewusst Kürzungen vorgenommen. Ich habe meine Tagesstruktur an meine verminderte Leistungsfähigkeit angepasst: kleinere Portionen, weniger Projekte.

Wie kommen Sie mit den körperlichen Veränderungen zurecht?

Ich war noch nie dick. Aber jetzt wiege ich nur noch 52 Kilo. Das merke ich. Meine geschwächte Lunge zieht viele Kalorien, Ich habe nur noch wenig Kraft für normale Dinge. Wenn ich länger auf dem Sofa sitze und ein Buch lese, kann es vorkommen, dass ich davon Muskelkater in den Armen bekomme. Das geringe Gewicht verursacht Kreislaufprobleme und auch Identifikationsprobleme. Im Spiegel sehe ich mich so, wie mich die Leute von außen sehen: Kleppergestell! Bin das wirklich noch ich? Ende Januar kriegt die linke Lungenhälfte Coils. Dann werde ich wieder mit dem Muskelaufbau beginnen.

Seit über 35 Jahre engagieren Sie sich in der Suchtselbsthilfe im Landkreis Heidenheim und auch landes- und bundeweit. Haben Sie Ihre Ehrenämter aus gesundheitlichen Gründen inzwischen abgegeben?

Ich bin umgeben von Menschen, die mich tragen und stützen. Dasselbe gilt für mein ehrenamtliches Engagement bei den Guttemplern: Es gibt mir Halt und füllt meine Zeit mit sinnvollen Aufgaben. Ich habe mich aus Gremienarbeiten und Aufgaben zurückgezogen und nehme nicht mehr so viele Termine an wie früher. Verknüpfe vermehrt Freizeit mit Ehrenamt. Ich fahre nach einem Seminar nicht sofort wieder nach Hause und hocke mich in die Bude. Ich gehe unter die Leute oder setze mich mit einer Decke auf die Liege in meinem Garten in die Sonne – und genieße.

Sie werden einen Ratgeber schreiben für Menschen, die an COPD erkrankt sind oder mit dieser Krankheit im persönlichen oder beruflichen Umfeld zu tun haben. In dem Buch finden sich neben praktischen Tipps auch eigene Erfahrungen und Gedanken wieder.

Ich möchte Menschen dazu ermutigen, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. Damit leben statt dagegen ankämpfen. Ehrlich zu sich selbst sein. Auf die Kompetenz der Ärzte vertrauen. Krankheiten und deren Folgen werden leider noch immer tabuisiert. Stichwort Sexualität. Natürlich ist ein Nachlassen im Alter und mit Diagnosen wie COPD, Diabetes oder Herzschwäche normal. Aber wenn man einen verständnisvollen Partner hat, ist so vieles machbar. Auch hier ändert sich die Wertigkeit. Sexuelle Höchstleistungen und reine Lustbefriedigung werden ersetzt durch tiefe emotionale Verbundenheit.

Denken Sie viel über den Sinn des Lebens nach?

Ich war schon immer Grenzgänger, Kämpfernatur, Abenteurer. Es hat einen ganz eigenen Reiz nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Wichtig ist mir, dass ich sinnvoll gelebt und mein Leben auch sinnvoll abgeschlossen habe, dass ich wertgeschätzt wurde von meinen Mitmenschen. Die Zeit des Saufens mit ihren Eintrübungen gehört da sicherlich nicht dazu. Ich lebe im Hier und Heute und überlege abends ganz bewusst: Was war gut an dem Tag, was nicht? Unterm Strich muss Fakt sein, dass es sich rentiert hat, diesen Tag zu leben. Sonst weiß ich nicht, wofür ich am nächsten Morgen aufstehen sollte.

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