Streit Contra Zeitumstellung: "Ich muss nicht zum Arzt. Aber ich leide."

HZ-Readktionsleiter Hendrik Rupp könnte sofort auf die Zeitumstellung verzichten.
HZ-Readktionsleiter Hendrik Rupp könnte sofort auf die Zeitumstellung verzichten.
Heidenheim / 26.03.2016
In der Nacht zum Ostersonntag wird wieder auf die Sommerzeit umgestellt. Nur um eine Stunde, aber es ist eine Stunde, unter der manche leiden. Was muss weg – Zeitumstellung oder Gejammer? HZ-Redaktionsleiter Hendrik Rupp findet: die Zeitumstellung.

Vielleicht sollte man das gleich zu Beginn sagen: Es geht mir nicht um eine Stunde weniger Schlaf. Der vielleicht kindischste (und darum in Radiosendern unweigerlich angeführte) Aspekt der Zeitumstellung ist ja die „kürzere“ oder „längere“ Nacht. Ich weiß nicht, ob außer mir alle Menschen in Klöstern oder Haftanstalten leben, aber ich gehe immer mal wieder früher oder später ins Bett, muss früher aufstehen oder kann länger im Bett bleiben. An solchen Tagen schlafe ich eine Stunde länger oder kürzer. Manchmal sogar zwei! Und ich überlebe es.

Nein, es geht nicht um länger schlafen, sondern darum, dass jemand an der Uhr dreht, aber nicht an der Welt. Wenn wir in der kommenden Nacht um zwei Uhr früh die Uhren vorstellen (auch so ein Schwachsinn: Steht eigentlich wirklich jemand nachts auf dafür? Bleibt man länger wach? Bilden sich Nachtwachen unter besorgten Anwohnern?), wenn wir also die Uhren vorstellen, dann ist das dem Planeten, seiner Rotation und der Umlaufbahn um unseren Stern völlig schnuppe. Die Sonne hat keine Uhr. Nicht mal eine Sonnenuhr.

Mir aber ist es nicht schnuppe. Ich leide. Es tut nicht weh und ich muss nicht zum Arzt, es geht auch nach einigen Wochen vorbei. Aber es dauert nun mal, ehe ich überwunden habe, dass Himmel und Uhrzeit nicht mehr zusammenpassen.

Ich muss das erklären. Jahraus, jahrein erlebe ich Menschen um mich, die offensichtlich absolut keinerlei Zeitgefühl haben. „Was, ist schon sechs!“ entfährt ihnen, wenn man zwei Stunden im Besprechungsraum saß und weder auf die Uhr noch aufs Handy schaute. Haben sie nicht dauernd aus dem Fenster geschaut? Doch, aber diese Menschen scheinen nur Tag oder Nacht trennen zu können.

Mir geht es anders: Man sieht auch bei bedecktem Himmel ungefähr, woher das Licht kommt. Man sieht es sogar bei Nebel, zumindest, solange man nördlich von Herbrechtingen bleibt. Und dieses Licht sagt einem so ungefähr, wie spät es ist. Nicht auf die Minute genau, aber man spürt eben, ob es nun 15 oder 17 Uhr ist.

Und dann kommt die Zeitumstellung, und die gefühlte Zeit und die Uhrzeit stimmen nicht mehr. Wie sich das anfühlt? Vielleicht wie ein Jetlag, doch Jetlags habe ich nicht (man ist ja nicht immer eine Mimose). Nein, vielleicht wie einer jener Tage als Kind, an denen man krank war und einen ungewohnten Mittagsschlaf nahm. Danach wachte man auf und plötzlich gab es Abendessen. Der Tag stimmte nicht mehr, in einer verstörenden Weise.

Sicher ist das schwer zu erklären für jemanden, der kein Zeitgefühl empfindet. Doch selbst denen, die die Zeitumstellung nicht in den Knochen spüren, sei die Frage gestellt: Was bringt sie denn?

Stromverbrauch war einst das Motto. Wir wissen, dass das großer Mumpitz ist. Dass wir heute viel weniger Strom verbrauchen als 1980, liegt an moderneren Geräten und dem Abschied von Omis Nachtspeicheröfen. Und wir wissen auch, dass wir uns heute nicht mehr spontan auf das Bärenfell werfen, wenn draußen vor der Höhle die Sonne sinkt. Wir schalten dann das Licht an.

Nein, es sind offensichtlich Schichtpläne aus dem Mittelalter, welche die Zeitumsteller antreiben. Stehen wir mit dem ersten Hahnenschrei auf und wanken zur Fron aufs Feld? Die Schule beginnt im Winter trotz Zeitumstellung zu nachtschwarzer Stunde, und abends muss man umso früher wieder das Licht anschalten. Da wir nicht nach der Sonne leben, wird unser Tag im Winter zwar kürzer, unser Tagesablauf aber nicht. Wir sind keine Winterschläfer. Wozu also das Geschubse um eine Stunde?

Morgen Abend wird es wieder eine Stunde länger hell sein. Das finden alle schön und ich auch, denn so bleibt es zu der Zeit länger hell, an der wir zumindest potenziell Feierabend haben. Wenn es wärmer ist, können wir im Biergarten sitzen. Oder wir können ohne Stirnlampe durch den Wald laufen. All das zu Zeiten, die wir tatsächlich nützen können. Trotz Sommerzeitverschiebung wird die Sonne im Hochsommer wieder um halb sechs aufgehen. Und dann? Tanzen die Menschen durch die Natur? Ach wo, sie bleiben liegen und ziehen die Vorhänge zu. Es wird ausreichend früh hell, schon jetzt. Aber es könnte immer noch ein bissel länger hell bleiben.

Nein, die Zeitumstellung könnte man sich sparen. Freilich nicht in die Richtung aktueller Online-Petitionen, in denen es um die richtige, biologisch-dynamische oder keltisch-druidische Zeit geht und in denen man offensichtlich kein! Wort! ohne! Ausrufezeichen!!! schreiben darf.

Nein, ich würde kommende Nacht gerne die Uhr umstellen und mich dann daran gewöhnen. Einmal noch. Und dann nie wieder.

Hier geht's zur Gegenrede von HZ-Sportredakteur Thomas Jentscher. Der sieht das alles nicht so eng.

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