Heidenheim / Michael Brendel Auch auf den innerstädtischen Verbindungen kommen die Umgangsformen immer häufiger unter die Räder.

Eigentlich müsste eine Kernaussage der jüngst vorgestellten Kriminalstatistik beruhigen: In Baden-Württemberg ist im vergangenen Jahr die Zahl der registrierten Straftaten zurückgegangen. Gleichzeitig ist aber nicht zu bestreiten, dass der Ton in der Gesellschaft rauer wird. Diese Erfahrung machen auch Busfahrer immer wieder.

Schauplatz eines besonders extremen Beispiels ist vor wenigen Tagen die Zentrale Omnibushaltestelle an der Marienstraße. An einem Wochentag sieht ein Busfahrer kurz nach 22 Uhr seiner letzten Tour entgegen. Als zwei Männer zusteigen und ihre Tickets mit einem 50-Euro-Schein bezahlen wollen, bittet er sie, diesen zuvor in einem nahegelegenen Imbiss wechseln zu lassen, da er nicht herausgeben kann und sie eine Gutschrift nicht akzeptieren.

„Du stirbst“

„Betont langsam“, so beschreibt der Fahrer die Situation später, kommt das Duo der Aufforderung nach. Es beschleunigt seine Schritte erst etwas, als der Chauffeur hupt, weil die fahrplanmäßige Abfahrtszeit bereits verstrichen ist. Was dann folgt, schockiert den Mann hinterm Steuer bis heute: „Einer von den beiden legt einen 5-Euro-Schein hin und sagt: „Du stirbst. Du stirbst hier im Bus.“

Von dem halben Dutzend Personen, die bereits im Bus sitzen, steigen daraufhin zwei wieder aus, weil sie sich der spannungsgeladenen Situation entziehen wollen. Derweil spricht der Fahrer – aus Angst um seine Kinder erstattet er keine Anzeige und will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – den etwa 40-Jährigen auf seine Motivation an, ihn derart zu bedrohen. Anschließend lässt er über die Leitstelle der Heidenheimer Verkehrsgesellschaft (HVG) die Polizei informieren. Die ist schnell mit zwei Streifenwagen vor Ort und nimmt den aggressiven Fahrgast zur Feststellung seiner Identität mit.

Wieder auf freiem Fuß

Anschließend wird er wieder auf freien Fuß gesetzt, „weil sich das Verhalten nicht als Bedrohung im strafrechtlichen Sinn bestätigt hat“, so ein Sprecher des Ulmer Polizeipräsidiums auf Anfrage. Für eine derartige Einstufung gebe es hohe Hürden.

Bemerkenswert: Unmittelbar vor dem Eintreffen der Polizei an der ZOH verlässt ein ebenfalls etwa 40 Jahre alter Mann aus freien Stücken den Bus. Er ist dem Fahrer zufolge in der Vergangenheit schon mehrfach mit bereits abgelaufenen Tickets aufgefallen. Diesmal ist er zwar im Besitz einer gültigen Monatskarte, weigert sich aber zunächst beharrlich, sie vorzuzeigen.

Situation wieder beruhigt

Nachdem sich die Situation wieder beruhigt hat, absolviert der Busfahrer die letzte Schleife des Tages Richtung Hansegisreute. Beruhigt nimmt er zur Kenntnis, dass ein Gast länger als nötig sitzen bleibt, damit er nach dem Vorkommnis nicht alleine unterwegs sein muss.

Ein Angsthase sei er zwar nicht, lässt der Fahrer einen Blick in sein Seelenleben zu, gleichwohl trägt er jetzt stets ein Pfefferspray bei sich, „obwohl ich mich immer dagegen gewehrt hatte“. Seit zwei Jahrzehnten schon ist er im Personennahverkehr tätig, eine vergleichbare Zunahme der Aggressionen wie in den vergangenen beiden Jahren hat er dabei nie festgestellt: „Es ist wirklich ein Grauen, auch wenn’s bisher noch keine Handgreiflichkeiten gegeben hat.“ Dabei würden nicht einmal alle Vorfälle bekannt: „Meistens reden nur die Fahrer untereinander und unterstützen sich an Ort und Stelle.“

Scheinbar endlose Dispute

HVG-Betriebsleiter Daniel Walther beobachtet ebenfalls eine Verrohung der Sitten. Vor einigen Jahren noch seien ein paar Kraftausdrücke gefallen, anschließend hätten sich die Gemüter dann aber auch rasch wieder beruhigt. Heute hingegen gingen Dispute scheinbar endlos weiter, zudem seien sie mit erheblich mehr Groll und Erregung verbunden.

Stellt sich die Frage, wie die HVG und andere Busunternehmen ihre Mitarbeiter auf vergleichbare Ausnahmesituationen vorbereiten. „Deeskalierende Maßnahmen“ lautet Walther zufolge das Mittel der Wahl. Ganz konkret könne das bedeuten, „links aus dem Fenster rausschauen, die Emotionen runterfahren und sich dann wieder der Situation stellen“.

Nachdem die Berufsgenossenschaft unlängst Fahrdienstleiter über Formen der Deeskalation in Kenntnis gesetzt hatte, baute die HVG das Thema postwendend in eine Weiterbildung für ihre Fahrer ein. Mit der 58 Busse umfassenden Flotte des Unternehmens sind regelmäßig 78 Männer und zwei Frauen unterwegs. Sie legen dabei pro Jahr rund 750 000 Kilometer allein im Heidenheimer Stadtbusverkehr zurück.

Bei aller Klage über die wachsenden Konflikte verschweigt der bedrohte Fahrer im Übrigen eine aus seiner Sicht positive Entwicklung nicht, die manchen vielleicht überraschen mag: „Die Menschen zeigen heute mehr Zivilcourage als früher.“ Mittlerweile werde beispielsweise nicht mehr kommentarlos weggesehen, wenn jemand seine schmutzigen Schuhe auf einem Sitz ablege.

Weniger Vandalismus dank Sicherheitsdienst – und Smartphone

Alkohol und Aggressionen gehen oftmals Hand in Hand. So erfahrungsgemäß auch auf der Nachtlinie nach Giengen, die die HVG regelmäßig von Freitag auf Samstag bedient. Auf ihren Wunsch und mit finanzieller Unterstützung des Landkreises als Aufgabenträger sind deshalb seit einigen Jahren stets mindestens zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes mit an Bord, nachdem ein Fahrer attackiert worden war. Frauen sitzen bei diesen Fahrten nicht am Steuer.

Ohne Sicherheitsdienst kommt unterdessen die Nachtlinie Richtung Gerstetten aus, obwohl es auch in diesem Fall wiederholt Klagen wegen Sachbeschädigungen sowie Rauchen und Alkoholgenuss im Bus gab. Nach Einschätzung von HVG-Betriebsleiter Daniel Walther hatte ein im örtlichen Mitteilungsblatt veröffentlichter Appell Erfolg, sich angemessen zu verhalten, da andernfalls eine Einstellung der nächtlichen Verbindung drohe.

Einen vierstelligen Betrag muss die HVG jährlich in die Hand nehmen, um die Folgen mutwilliger Sachbeschädigungen in ihren Bussen zu beseitigen. Gleichwohl hat der Vandalismus laut Walther abgenommen. Seine überraschende Erklärung: Heute seien viele Kinder und Jugendliche während der Fahrt durchweg mit ihrem Smartphone beschäftigt, während sie früher aus Langeweile allerhand angestellt hätten. bren