Interview Bundestagswahl: Waren die Menschen früher politischer als heute?

Im Interview spricht der 43-jährige Jörg Siegmund (links), Wissenschaftlicher Assistent an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, über die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen und regionale Unterschiede. Die höchsten Beteiligungen bei Bundestagswahlen gab es in den 1970er-Jahren (im Bild die Auszählung im Kreis 1976), als nur etwa jeder Zehnte nicht abstimmte.
Im Interview spricht der 43-jährige Jörg Siegmund (links), Wissenschaftlicher Assistent an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, über die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen und regionale Unterschiede. Die höchsten Beteiligungen bei Bundestagswahlen gab es in den 1970er-Jahren (im Bild die Auszählung im Kreis 1976), als nur etwa jeder Zehnte nicht abstimmte. © Foto: privat/Archiv
Heidenheim / Marc Hosinner 15.08.2017
Jörg Siegmund von der Akademie für politische Bildung in Tutzing gibt im Interview nicht nur auf diese Frage eine Antwort.

Seine Kreuze bei der Wahl zum Deutschen Bundestag zu machen, ist wie bei anderen Wahlen in der Bundesrepublik keine Pflicht – aber ein Recht. Wenn es darum geht, die Abgeordneten mit Arbeitsplatz im Reichstagsgebäude in Berlin zu bestimmen, ist die Beteiligung der Wahlberechtigten immer noch deutlich höher als bei Abstimmungen wie etwa das Europaparlament.

Allerdings gibt es im innerdeutschen Vergleich viele Unterschiede hinsichtlich der Wahlbeteiligung. Darüber, sowie über das politische Interesse der Deutschen, spricht im Interview Jörg Siegmund von der Akademie für politische Bildung im bayerischen Tutzing. Er beschäftigt sich dort unter anderem mit den Themen Demokratie- und Wahlforschung, arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und ist Assistent der Direktorin.

Bei der Bundestagswahl 2013 lag die Beteiligung im Wahlkreis Aalen-Heidenheim bei 73,1 Prozent? Was sagt Ihnen diese Zahl.

Jörg Siegmund: Mit einer Wahlbeteiligung von 73,1 Prozent lag der Wahlkreis Aalen-Heidenheim deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 71,5 Prozent. Unter allen 299 Wahlkreisen, die es bundesweit gibt, kommt Aalen-Heidenheim damit auf den respektablen 106. Platz. Den Spitzenplatz nahm der Wahlkreis Berlin-Steglitz-Zehlendorf mit 79,8 Prozent ein, Schlusslicht war der Wahlkreis Harz mit 58,9 Prozent. Allerdings gibt es große Unterschiede bei der Wahlbeteiligung zwischen den alten und den neuen Ländern. Betrachtet man nur die alten Länder, sind 73,1 Prozent Wahlberechtigte, die von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen, eher gehobener Durchschnitt. In Baden-Württemberg war die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 unter allen Ländern sogar am höchsten. Sie lag im Schnitt bei 74,3 Prozent. Betrachtet man also nur die Wahlkreise in Baden-Württemberg, war die Wahlbeteiligung im Wahlkreis Aalen-Heidenheim unterdurchschnittlich.

In den 1970er Jahren ging nur jeder Zehnte nicht zur Wahl. Warum machen heute viel weniger Bürger von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Sind die Menschen heutzutage viel unpolitischer?

Siegmund: Die im langjährigen Vergleich sinkende Wahlbeteiligung hat nichts damit zu tun, dass die Menschen heutzutage grundsätzlich unpolitischer wären als früher. Im Gegenteil. Das politische Interesse der Bevölkerung, das zum Beispiel vom Institut für Demoskopie Allensbach am Bodensee in Befragungen erhoben wird, hat im Vergleich zu früheren Jahrzehnten leicht zugenommen. Heute stehen den Menschen aber mehr Möglichkeiten zur Verfügung, sich politisch zu engagieren, und vor allem auf der lokalen Ebene machen viele davon auch regen Gebrauch. Den Effekt, dass gut ausgebaute Beteiligungsrechte jenseits der Wahlen zu einer sinkenden Wahlbeteiligung führen, kennen wir übrigens auch aus der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie. Hinzu kommen weitere Gründe, weswegen heute weniger Menschen als früher zur Wahl gehen: Aus Sicht vieler Wahlberechtigten fehlen in Deutschland zum Beispiel spannende Alternativen in den Wahlprogrammen der Parteien. Häufig wird die Politik bei den Bürgern auch als machtlos wahrgenommen. All dies fördert die Wahlbeteiligung natürlich nicht. Wenn man genau hinschaut, sieht man aber auch: Seit die Alternative für Deutschland an den Wahlen teilnimmt, steigt die Beteiligung bei Abstimmungen auf unterschiedlichen Ebenen wieder, weil es Wähler gibt, die in den Forderungen dieser Partei eine programmatische Alternative sehen.

Kohl, Schröder, Merkel: Seit den 1980ern gab es nur diese drei Kanzler. Spielt dies für die Wahlbeteiligung eine Rolle?

Dass es seit den 1980ern nur drei Kanzler gab, hat auf die Wahlbeteiligung keinen großen Einfluss. Es ist eher so: Wenn die Wahlberechtigten vermuten, dass der Wahlausgang ungewiss ist – wozu auch die Frage gehört, wer der nächste Kanzler sein wird – fällt die Wahlbeteiligung höher aus, als wenn vermeintlich alles schon vor der Wahl feststeht. Entscheidend für die niedrige Beteiligung bei den zurückliegenden Wahlen war also unter anderem, dass die Herausforderer nicht als wirkliche Alternativen zum jeweiligen Kanzler beziehungsweise zur Kanzlerin wahrgenommen wurden.

Gibt es in Bezug auf die Wahlbeteiligung Unterschiede bei Männern und Frauen, Jungen und Alten, bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, bei Land und Stadt?

Die Wahlbeteiligung unterscheidet sich zum Teil erheblich in verschiedenen sozialen Gruppen. Besonders auffällig ist zum Beispiel das Wahlverhalten nach dem Alter: Laut der repräsentativen Wahlstatistik nahmen bei der Bundestagswahl 2013 nur 60,3 Prozent der 21- bis 24-Jährigen an der Wahl teil. Bei den Älteren ist das anders. Unter den 60- bis 69-Jährigen waren es 79,8 Prozent. Ein weiterer auffälliger Unterschied ergibt sich beim Vergleich der deutschen Länder. In allen alten Ländern mit Ausnahme Bremens lag die Wahlbeteiligung 2013 über derjenigen in den neuen Bundesländern. Demgegenüber sind zum Beispiel die Unterschiede zwischen den Geschlechtern weit weniger gravierend.

Unterscheidet sich die Beteiligung an Wahlen – speziell an Bundestagswahlen – in Deutschland von der in Nachbarländern?

Deutschland hat im internationalen Vergleich immer noch eine sehr hohe Wahlbeteiligung auf Bundesebene. An der ersten Runde der französischen Parlamentswahl nahmen im Juni 2017 etwa nur 48,7 Prozent der Wahlberechtigten teil, bei der Schweizer Nationalratswahl waren es 2015 ganze 48,4 Prozent. In Österreich betrug die Wahlbeteiligung bei der Nationalratswahl 2013 hingegen 74,4 Prozent. Natürlich ist die Wahlbeteiligung in den Staaten besonders hoch, in denen es eine Wahlpflicht gibt – zum Beispiel in Australien, wo 2016 gut 91 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgaben.

Wie fällt Ihre Prognose hinsichtlich der Wahlbeteiligung für kommenden September aus?

Bei aller Unwägbarkeit: Sollten nicht noch unvorhergesehene Ereignisse vor Ende September auftreten, dürfte die Wahlbeteiligung geringfügig über der von 2013 liegen. Die Alternative für Deutschland kann sicherlich einige frühere Nichtwähler mobilisieren, und auch anderen Parteien versuchen gezielt, unter den Nichtwählern neue Unterstützer zu gewinnen. Allzu große Veränderungen bei der Wahlbeteiligung gegenüber 2013 sehe ich aber nicht.

Beteiligung im Wahlkreis

Der Kreis Heidenheim ist seit dem Jahr 1965 Teil des Wahlkreises Aalen-Heidenheim, von 1949 bis 1965 gehörte der Landkreis zum Wahlkreis Ulm (Stadt Ulm, Landkreis Ulm und Landkreis Heidenheim)

Im Wahlkreis Aalen-Heidenheim gaben bei der jüngsten Bundestagswahl im Jahr 2013 73,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Bei der Wahl zum Bundestag im Jahr 2009 lag die Wahlbeteiligung vor Ort bei 70,3 Prozent.

Die geringste Beteiligung gab es im Jahr 1949 bei den ersten Wahlen zum Deutschen Bundestag. Im Wahlkreis, zu dem Heidenheim gehörte, steckten 68,7 Prozent der Wahlberechtigten Stimmzettel in die Urnen. Die Beteiligung unter dem Bundeswert (78,5 Prozent). Es war die erste freie Wahl auf deutschem Boden seit November 1932. Die Beteiligung im Bund galt auch als Zustimmung des Wahlvolkes zum Grundgesetz.

Die bislang höchste Wahlbeteiligung wurde 1972 verzeichnet. Im Wahlkreis gingen 91,9 Prozent der Wahlberechtigten zur Stimmabgabe, Deutschlandweit 91,1 Prozent. Es war die erste vorgezogene Bundestagswahl in der Bundesrepublik und endete mit dem größten Erfolg für die SPD in ihrer Geschichte.

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