Heidenheim Buch über die Gießerei: Die Stille nach dem letzten Guss

Buch, Musik, Gedächtnisprotokoll: Die Erinnerung an die Gießerei wurde auf vielerlei Art und Weise wachgerufen.
Buch, Musik, Gedächtnisprotokoll: Die Erinnerung an die Gießerei wurde auf vielerlei Art und Weise wachgerufen. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Marita Kasischke 05.12.2018
Wie ein Hörspiel wurde das Ende der Heidenheimer Gießerei und seine Folgen in der Stadtbibliothek präsentiert. Mit dabei waren viele der ehemaligen Mitarbeiter.

Steh auf, wenn Du am Boden bist“ haben sie gesungen, die Arbeiter der Gießerei, damals im Sommer 2013, bei der letzten Kundgebung vor dem ultimativ letzten Guss am 9. August.

„Der letzte Guss“ heißt auch der Wort- und Bildband, der am Dienstagabend im Margarete-Hannsmann-Saal der Stadtbibliothek vorgestellt wurde. Die Präsentation geriet fast zum Familientreffen der früheren Beschäftigten: Rund 170 Menschen drängten sich im Saal, der die Erinnerungen an die über 100 Jahre alte Wirkungsstätte greifbar machte.

So haben es die Mitarbeiter erlebt

Dafür sorgten die Bilder, die über die Leinwand gingen, Motive, eingefangen in Fotos von Joachim E. Röttgers, die eindrucksvoll vermittelten, was die Mitarbeiter erlebt haben: die Hitze bei der Arbeit, die sprühenden Funken, aber auch die gespenstisch leere Fabrikhalle nach dem letzten Guss, die Stille, die sich einstellte nach all den dröhnenden Hammerschlägen, die Trostlosigkeit angesichts des zu vernichtenden Inventars, der Abriss der Halle, der gleichsam Industriegeschichte niederriss und Existenzen in Frage stellte, Perspektiven zunichte machte.

Das Buch befasst sich aber nicht nur mit dem „Danach“ für Halle, Werkzeug und Einrichtung, sondern vor allem mit dem „Danach“ für die Beschäftigten, die das Ende dieser Ära fassungslos zurückließ, ja sogar Tränen in die Augen trieb, Tränen der Trauer, der Ohnmacht, des Zorns.

Dr. Rolf Siedler, Betriebsseelsorger der IG Metall, hat exemplarisch fünf frühere Mitarbeiter befragt über ihre Zeit nach der Schließung des Betriebs, die Zeit des Am-Boden-Seins, die Zeit des Wiederaufstehens, und er hat all das formuliert auf eine einfühlsame Weise, die doch die Persönlichkeit des Einzelnen wiedergibt.

Vorgetragen wurden die Worte an diesem Abend von Anne Klöcker und Philipp Dürschmied, beides Schauspieler am Theater der Stadt Aalen, die die Erinnerungen gewissermaßen zum Hörspiel gerieten ließen und so die zahlreichen Zuhörer nicht nur aufmerksam bei der Stange hielten, sondern auch zu berühren verstanden. Besonders eindringlich wurden diese Erinnerungen durch die Kombination aus Wort und Bild: Wohl jeder der Zuhörer war dadurch in die Lage versetzt, zu verstehen, was seinerzeit in der Belegschaft vorging.

Die kühlen Rechner haben sich verzockt

Da war die Rede von den „kühlen Rechnern“, die sich „verzockt“ hatten und die außer „kumpelhaftem Du“ und schönem Gerede von „Champions League des Handwerks“ dem Untergang nichts entgegensetzen konnten.

Von dem Wunsch, Ratschläge von Arbeitern und Betriebsrat hätten Gehör und Umsetzung erfahren, aber eben auch von der Schwierigkeit, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Von der bitteren Erfahrung, nach fast einem halben Jahrhundert engagierter Leistung von Behörden als Nummer unter vielen abgeurteilt zu werden – die Insolvenz als Zäsur im eigenen Leben, in der Familie, im Freundeskreis.

In allen Erinnerungen kam aber auch zum Ausdruck, welche Kameradschaft, welcher Zusammenhalt das Miteinander in der Gießerei geprägt hat, der Stolz auf das Handwerk und die gemeinsame Leistung.

Alle stehen auf

Mit „Ain't no sunshine“ nahm dieser Abend seinen Auftakt, und besser wäre das Gefühl des Abgrunds musikalisch wohl nicht zu umschreiben gewesen.

Die Band Unterbrecher-Syndikat mit Norbert Botschek, Markus Braun, Matthias Kehrle und Dr. Rolf Siedler sorgte auch im Verlauf des Abends für stimmige Untermalung, an deren Ende das Lied stand, das für die ehemaligen Mitarbeiter zum Sinnbild des letzten Gusses geworden ist: „Steh auf, wenn Du am Boden bist“ sangen sie, und keiner im Publikum blieb sitzen, alle standen auf und sangen mit, und es war spürbar: Die Schwierigkeiten, die die Geschehnisse von vor fünf Jahren mit sich brachten, mögen überwunden sein, die Erinnerungen aber bleiben frisch.

Über den Bildband

„Der letzte Guss“, 128 Seiten, ist erschienen im Einhorn-Verlag, Schwäbisch Gmünd, kostet 19,80 Euro und ist im Pressehaus erhältlich. Autoren sind Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler und Fotograf Joachim E. Röttgers.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel