Kommentar Blumenwiesen in Heidenheim: „Mehr als Kosmetik“

© Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / Michael Brendel 21.06.2018
In Heidenheim soll es mehr Blumenwiesen geben - auch um dem Insektensterben entgegenzuwirken. Das ist gut so, ein Kommentar von Michael Brendel.

Was war das früher ein Surren, Brummen, Zirpen! Die Luft schien im Sommer vor lauter Insekten förmlich zu vibrieren. Die Tierchen sorgten freilich nicht nur für romantisch verklärte Hintergrundmusik, sondern auch für gewaltige Verärgerung, wenn sie auf der Terrasse über den Sonntagskuchen herfielen oder denjenigen in die Hand stachen, der genau das verhindern wollte.

Mittlerweile ist es aber merklich ruhiger geworden um die vermeintlichen Plagegeister. Und das ist mehr als ein bloßes Gefühl, wie Zählungen des Naturschutzbundes jetzt zum wiederholten Male belegen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob die Zahl der Insekten binnen weniger Jahre um 60, 70 oder sogar noch mehr Prozent gesunken ist. An der Brisanz ändert sich dadurch nämlich nichts. Denn die Natur gerät an einer äußerst sensiblen Stelle mehr und mehr aus den Fugen.

Wer's nicht glaubt, sollte sich mal diese Frage stellen: Würde er sich notgedrungen ein Beispiel an China nehmen und an Obstbäumen die Blüten von Hand bestäuben, weil die Wildbienen und ihre fleißigen Kollegen ausgefallen sind? Klar: Das Obst kommt vom Markt oder aus dem Supermarkt. Aber wo ist es zuvor gewachsen? Eben!

Der Ursachen des Problems gibt es viele, doch eines ist gewiss: Wenn Hecken und Wiesen überall durch kurzgeschorene Rasenflächen verdrängt werden, keine Blüte mehr das uniforme Bild stört, dann sind die Tage der Insekten gezählt. Was also tun? In seinem kleinen Gärtchen kann jeder Einzelne gegensteuern, indem er mit Stauden, Blumen und Kräutern für Vielfalt sorgt. Deshalb summt, brummt und zirpt es dort meist auch erheblich stärker als auf den in der Regel deutlich uniformer gestalteten öffentlichen Flächen.

Auch dort gibt es noch reichlich Luft nach oben, was die Abkehr von der grünen Einöde angeht. Verkehrsinseln, Straßenränder, Parks: Vielerorts bietet sich die Möglichkeit, aus besenrein wieder naturbelassen zu machen. Deshalb ist es ohne Wenn und Aber zu begrüßen, dass die Stadt dem Antrag der SPD folgt, dem Insektensterben mit weiteren Blumenwiesen zu begegnen.

Nicht jeder wird sich zwar auf Anhieb der Argumentationskette vom kleinen Eckchen für die Brennnessel bis zum Erhalt ganzer Ökosysteme anschließen. Man kann sich der Überzeugung ja aber auch in kleinen Schritten nähern. Indem man sich zum Beispiel als Erstes davon überzeugt, wie gefällig ein paar Blüteninseln den öffentlichen Raum mitten in der Stadt plötzlich erscheinen lassen.

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