Heidenheim / Michael Brendel Ein Demonstrationszug durch die Fußgängerzone war am Freitagvormittag der Auftakt zum Tag der Menschen mit Behinderungen.

Sinnbildlicher Höhepunkt der Veranstaltung war Drafi Deutschers unvergesslicher Gassenhauer: „Marmor, Stein und Eisen bricht“ schallte es über den Willy-Brandt-Platz, und so mancher, der zunächst aus voller Kehle mitsang, schwang spontan sogar das Tanzbein. Treffender hätte sich nicht ausdrücken lassen, dass im Leben so manches daneben geht, der Einsatz für die eigenen Überzeugungen, Wünsche und Pläne aber bestehen bleibt.

Genau darum ging es beim Tag der Menschen mit Behinderungen. „Mission Inklusion: Die Zukunft beginnt mit Dir!“ war er überschrieben, und Winfried Bendig, der Leiter der Königin-Olga-Schule, machte Mut, auf diesem Weg der kleinen Schritte nicht den Schwung zu verlieren.

Wahlrecht für Behinderte

Beifall gab’s, als Bendig darauf aufmerksam machte, dass nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Behinderte mit einer gerichtlich bestellten Betreuung künftig an Wahlen teilnehmen dürften, nachdem sie bisher pauschal davon ausgeschlossen gewesen seien.

In der UN-Behindertenrechtskonvention ist ein solches Wahlrecht für Menschen mit Behinderungen vorgesehen, und diese Vereinbarung ist immerhin schon 2008 in Kraft getreten. Die „Mission Inklusion“ sei also keine „Mission Impossible“, sagte Bendig, allerdings gebe es noch viel zu tun. Als Beispiele nannte er die fehlende Barrierefreiheit in vielen Kinos, Museen und Arztpraxen, behindertengerecht ausgestattete Toiletten und die hohe Arbeitslosenquote bei den Betroffenen.

Probleme vermeiden

Allen Entscheidungsträgern gab Bendig einen Hinweis mit auf den Weg: Inklusion beginne bei den Jüngsten. Wenn sie unabhängig von Herkunft und Fähigkeiten zusammen aufwüchsen, führe die Vielfalt des Alltags dazu, dass viele Probleme erst gar nicht entstünden.

Matthias Heisler, im Rathaus Leiter des Fachbereichs Familie, Bildung und Sport, machte schon in seiner Begrüßung („Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Freundinnen und Freunde“) deutlich, dass sich alle angesprochen fühlen sollten.

Die Stadtverwaltung vertritt Heisler zufolge die Ansicht, dass Menschen mit Behinderung die Gesellschaft bereichern, „denn sie zeigen, dass man anders und trotzdem gut sein kann“. Es sei nicht die Regel, gleich zu sein, und Vielfalt sei völlig normal. Niemand dürfe deshalb wegen einer Behinderung benachteiligt werden. Und die Stadt wolle ihre Unterstützung dafür ständig verbessern, dass Behinderte ihre Ziele erreichen könnten.

Alle habe gleiche Rechte

Laut Heisler gibt es bei der Pflicht, besagte UN-Konvention umzusetzen, drei Punkte besonders zu beachten: Jeder Mensch ist einmalig und wichtig, ungeachtet dessen, ob er eine Behinderung hat; jeder Mensch soll über sein Leben selbst bestimmen können; alle Menschen habe die gleichen Rechte.

Der kommunalen Behindertenbeauftragten Iris Mack war daran gelegen, ausstehende Verbesserungen anzumahnen. In Gesetzen stehe viel geschrieben. In keinem aber finde sich die Vorgabe: „Seid nett und anständig zu behinderten Menschen.“ Ihre Forderung: „Wenn ein junger Mensch mit Behinderung sagt, er wolle dieses oder jenes werden, dann sollte man ihn bei der Umsetzung unterstützen und nicht gleich sagen, das wird eh nichts.“

150 Teilnehmer

Begonnen hatte der Aktionstag mit einem Demonstrationszug durch die Fußgängerzone. Rund 150 Teilnehmer machten lautstark auf ihre Anliegen aufmerksam, musikalisch unterstützt durch Helene Fischer, Sportfreunde Stiller und Andreas Gabalier aus der Konserve. Und ihre grünen T-Shirts und Basecaps durften als Ausdruck der Hoffnung gedeutet werden, dass bis in einem Jahr der eine oder andere Wunsch Wirklichkeit geworden ist.

Wunsch und Wirklichkeit

Der Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung wurde 1992 von der Interessenvertretung „Selbstbestimmt Leben in Deutschland“ angestoßen. Unter einem übergreifenden thematischen Dach organisieren die teilnehmenden Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe alljährlich Veranstaltungen, die dem Ziel dienen, die Kluft zwischen dem im Grundgesetz verankerten Anspruch auf Gleichberechtigung aller Menschen und der Lebenswirklichkeit zu überwinden.

Beteiligt waren gestern neben der Landkreisverwaltung auch Stiftung Haus Lindenhof, Samariter-Stiftung, Werkstatt am Bahnhof, Verein für therapeutisches Reiten, Freunde schaffen Freude, Haus der Familie, HWW, Lebenshilfe und Nikolauspflege. bren