Hilfe Beratung für psychisch Kranke auf Augenhöhe

„Man wird nur gesund, wenn man hart daran arbeitet“: Claudia Flämisch berät psychisch kranke Patienten.
„Man wird nur gesund, wenn man hart daran arbeitet“: Claudia Flämisch berät psychisch kranke Patienten. © Foto: Markus Brandhuber
Silja Kummer 21.06.2016
Claudia Flämisch ist Peer-to-Peer-Beraterin im Klinikum und damit eine erfahrene Ansprechpartnerin für psychisch Kranke und deren Angehörige.

Mit jemandem sprechen, der eigene Erfahrungen teilt: Man weiß, wie gut das tun kann. Claudia Flämisch bietet solche Gespräche für psychisch kranke Patienten, Ex-Patienten und Angehörige im Klinikum Heidenheim an. Peer-to-Peer-Beratung nennt sich das, was bedeutet, dass etwas unter Gleichgestellten stattfindet. Flämisch leidet selbst seit 18 Jahren an einer schweren Psychose. Heute geht es ihr vergleichsweise gut. Sie kann zwar nicht mehr erwerbstätig sein, engagiert sich aber in der Nachbarschaftshilfe, geht putzen und ist nun seit gut einem Jahr Peer-to-Peer-Beraterin im Klinikum. 1998 war sie dort zum ersten Mal als Patientin, mit einer akuten Psychose. Flämischs Kinder waren damals vier und sechs Jahre alt, die Sekretärin wollte sich von ihrem Mann trennen, hatte eine schwierige Zeit erlebt. „Ich bin regelrecht kollabiert“, sagt sie.

Es folgten mehrere Klinikaufenthalte, auch im darauf folgenden Jahr. Dann machte ihre Krankheit eine Pause, sie wurde geschieden. 2006 musste sie wieder in die Psychiatrie, bis 2011 erlebte sie wiederholte Schübe.

Bei ihr wurde eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Dies bedeutet, dass die Patienten sowohl depressive (niedergeschlagene) als auch manische (unnatürlich hochgestimmte) Phasen, darüber hinaus aber auch wahnhafte Symptome erleben. Auch aus den Inhalten ihres Wahns konnte die heute 49-Jährige Erkenntnisse gewinnen, „darin kamen meine Ängste und Sehnsüchte zum Ausdruck.“ Bis es soweit war, dass sie ihre Krankheit annehmen und verstehen konnte, hat es viele Jahre gedauert. Dabei will sie jetzt gerne anderen Patienten helfen.

„Man wird nicht alleine von Medikamenten gesund, man muss es auch wollen und hart an sich arbeiten.“ Claudia Flämisch darf so etwas sagen, sie hat es selbst erlebt. „Ich habe für mich einen Weg gefunden, mich mit der Vergangenheit auszusöhnen, in der Gegenwart zu leben und mir einen Alltag aufzubauen, der mir guttut“, sagt sie. Patienten, die in ihre Beratungsstunde kommen, sind davon meist noch weit entfernt. Sie haben oft viel Redebedarf, fragen sich, warum gerade sie von der Krankheit getroffen werden oder sorgen sich um ihre Kinder. Claudia Flämisch weiß, dass sie keine Therapeutin ist. „Nicht immer habe ich Antworten auf die Frage der Klienten, manchmal sagen sie auch, dass ich ihnen nicht helfen könne“, erzählt sie. Solche Situationen gehen ihr sehr nahe, dann ist sie froh, dass sie einmal im Monat eine Supervision erfährt, bei der sie ihre Erlebnisse reflektieren kann.

Die Gespräche bei Claudia Flämisch sind stets vertraulich, auch das Pflegepersonal erfährt nichts von ihren Inhalten. Nur eine Ausnahme gibt es: „Wenn jemand Suizidabsichten äußert.“ Denn auch diese Situation, dass man überhaupt keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht, ist ihr nicht fremd. Aber sie hat einen Weg aus ihr heraus gefunden.

Die Peer-to-Peer-Beratung findet in der psychiatrischen Klinik statt, Anmeldung über die Station 41, Tel. 07321.33-2541.