Heidenheim Ausstellung im Türmle: Die Summe der Teile

Zeigt beim Kunstverein Porträts ohne Menschen: Sarah Zagefka.
Zeigt beim Kunstverein Porträts ohne Menschen: Sarah Zagefka. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Marita Kasischke 12.11.2018
Sarah Zagefka zeigt im „Türmle“ beim Heidenheimer Kunstverein Porträts ohne Menschen und stellt dabei doch den Menschen in den Mittelpunkt.

Mit Sarah Zagefkas Augen die Welt zu sehen, muss eine neue Erfahrung sein: An Räumen erkenne man die Persönlichkeit des Bewohners deutlicher als am Bewohner selbst, dem allenfalls der Moment und die letzten 24 Stunden, die zu diesem geführt haben, anzusehen sei. Das ist einer ihrer Standpunkte, und zumindest einen kleinen Einblick in ihre Sicht der Dinge gibt ihre Ausstellung „Die Summe der Teile“ im Türmle, die am Samstag eröffnet wurde.

Gleich vorneweg: Es sind viele Teile, die hier insgesamt im Bild stecken und damit eine Summe ergeben. Viele kleine Teile, die in ihrer Detailliertheit verblüffen. Zu sehen sind „Porträts ohne Menschen“, die aber den Menschen nie außen vor lassen. Sarah Zagefkas Werke zeigen Räume, Plätze, Straßen, die den Betrachter zur Entdeckung der Welt des Bewohners auffordern, ja geradezu magisch anziehen. Wenn etwa ein Wohnzimmer gezeigt wird, in dem sich der Plattenteller gerade zu drehen scheint und in der Fülle der Plattenhüllen Vertrautes aufscheint, dann entsteht der Eindruck, der Bewohner sei nur mal eben aus dem Zimmer gegangen und könne jeden Augenblick zurückkehren.

Scharfer Blick

Schaufenster, die vor Konsumprodukten strotzen, nicht vage angedeutet, sehr konkret und sehr dechiffrierbar für den Betrachter, der sich der Lust der Entdeckung nicht entziehen kann. Dem scharfem Auge der Künstlerin entgeht auch nicht das kleinste Blütenblatt, das im Fenster einer Bar liegen blieb, auch dann, wenn es im Zusammenspiel mit tausend anderen ein farbenfrohes Abbild eines Verkaufsstandes in Indien zeigt, der nur darauf zu warten scheint, bis Inderinnen ihren Bedarf an Blumenschmuck decken.

Auch ihr eigenes Zimmer stellt Sarah Zagefka dar, und das Auge des Betrachters, durch den blickfangenden Wandschmuck „Jetzt“ ins Bild gezogen, wandert über Buchrücken zu Etiketten auf Putzmitteln, von Küchenutensilien auf Schmuck von Mikrowelle zum berühmten Micky-Maus-Telefon vergangener Zeiten, filigran und fast schon fotografisch genau.

Der bayerische Löwe, der in ihrer Wahlheimat München allüberall anzutreffen ist, übt auf die in Münster aufgewachsene Künstlerin eine große Faszination aus, so dass auch er als Motiv in der Ausstellung auftaucht – mächtig, fast schon mächtiger als die Residenz dahinter lässt ihn Sarah Zagefka in der ungewöhnlichen Perspektive erscheinen, im Übrigen eines der wenigen Großformate dieser Ausstellung. Gezeigt werden vornehmlich Bilder, die auch vom Format her eher Fotocharakter haben. Das kleine Format und die Fülle von Objekten darauf bilden einen reizvollen Gegensatz, der den Betrachter zum Verweilen einlädt.

Hopper ohne Einsamkeit

„Edward Hopper ohne Einsamkeit“, so beschrieb der Vorsitzende des Kunstvereins Heidenheim, Dr. Franz Eibach, in seiner Eröffnungsrede Sarah Zagefkas Werke. Tatsächlich erinnern die menschenleeren Räume, die Sarah Zagefka auf Leinwand und Holz bannt, an den amerikanischen Maler, im Unterschied dazu aber hat die Verlassenheit der Räume bei Zagefka nicht die Trostlosigkeit und Melancholie Hoppers, sondern bleibt bei einer realitätsnahen Darstellung, die vornehmlich Sachlichkeit ausstrahlt.

Ganz ohne Emotionen aber macht es auch Sarah Zagefka nicht: Ihr fein ausgewogenes Spiel mit Licht und Schatten, geborgenheitsspendendem Lichteinfall und zuweilen hellen Strahlen macht auch den Betrachter für kurze Zeit zum Bewohner und hüllt ihn mit Behaglichkeit ein. Die 30 Besucher der Vernissage wurden jedenfalls nicht müde, immer wieder ganz genau hinzusehen und sich an den vielen Details und an der Summe der Teile zu erbauen.

Bis 14. Dezember

Die Ausstellung im Türmle ist bis 14. Dezember zu sehen und kann dienstags und freitags von 16 bis 18 Uhr sowie mittwochs und samstags von 11 bis 13 Uhr besichtigt werden. Am Samstag, 17. November, führt ab 11.30 Uhr Dr. Franz Eibach durch die Schau.

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