Heidenheim / Brigitte Malisi  Uhr
Fünf junge Flüchtlinge, ohne Hab und Gut. Das klingt aktuell, doch diese Geschichte beginnt vor 30 Jahren. Damals stießen die Fünf auf Wilma Hansen, und die resolute Lehrerin wurde für sie zu einer zweiten „Mama“. Wilma Hansen hat viel Zeit und Herzblut investiert – und dafür eine Großfamilie mit inzwischen 14 Enkeln bekommen.

Wenn man mit Wilma Hansen in ihren Fotoalben blättert, dann sieht es darin genauso aus, wie bei jeder anderen Familie: Fotos von prunkvollen Hochzeiten, von Taufen, Familienfesten und Geburtstagen. Dazwischen Erinnerungen an Familienausflüge und Urlaube. Die Fotos sind aber auch die Dokumentation einer gelungenen Integration.

Heute sieht es Wilma Hansen als eine Art Fügung an, dass sie den fünf jungen Vietnamesen damals begegnet ist, kaum, dass diese im Übergangswohnheim an der Walther-Wolf Straße eingezogen waren. Es sei der pure Zufall gewesen, dass der damalige Pfarrer der Mariengemeinde Keller Wilma Hansen zur Betreuung der 32 katholischen Flüchtlinge losschickte.

Ihr selbst ging es damals gerade nach einer schlimmen Erkrankung wieder einigermaßen gut. In den Schuldienst konnte sie aber nicht mehr zurückkehren und so erschien das dem Pfarrer wohl eine gute Idee zu sein. Er sollte recht behalten. Schnell fühlte sich Wilma Hansen für ihre Schützlinge verantwortlich, besorgte erst einmal warme Kleidung für den bitterkalten Winter auf der Alb und lud die Flüchtlinge in die Kirchengemeinde ein. Eine Dolmetscherin half bei der ersten Verständigung, doch in Kursen lernten vor allem die jungen Vietnamesen schnell Deutsch.

Die meisten von ihnen waren als Familien gekommen und konnten sich in der ersten schweren Zeit in einem fremden Land Halt geben. Doch fünf junge Leute, zwischen sechzehn und 24 Jahre alt, waren ganz auf sich allein gestellt. Sie stammten aus zwei Familien aus dem gleichen Dorf. Sie waren enteignet worden, wer nicht spurte, kam ins Gefängnis. Als die Situation für sie immer untragbarer wurde, entschlossen sich die jungen Leute zu einer waghalsigen Flucht.

Zusammen mit knapp 40 weiteren Menschen legte das kleine Fischerboot am 24. September 1984 an der südvietnamesischen Küste ab. Nach drei Tagen waren Trinkwasser und Essen aufgebraucht und hätte nicht am vierten Tag der Odyssee ein deutsches Handelsschiff die Flüchtlinge an Bord genommen, hätten sie wohl nicht überlebt.

Das Schiff brachte sie zunächst nach Hongkong, wo die Menschen drei Monate in einem Lager verbringen mussten, ehe sie nach Deutschland gebracht wurden und über Tübingen schließlich nach Heidenheim kamen.

Anfangs sei für beide Seiten alles sehr fremd gewesen, erinnert sich Wilma Hansen. Sie bemühte sich, die Kultur ihrer Schützlinge besser zu verstehen, doch Missverständnisse habe es immer wieder gegeben. So habe sie sich erst einmal geärgert, dass die Vietnamesen Verabredungen einfach nicht einhielten, bis sie schließlich verstanden habe, dass es für sie als unhöflich gegolten hätte, irgendetwas abzulehnen. Statt dessen lächelten sie etwas unbestimmt aber freundlich und Wilma Hansen interpretierte das als Zusage.

Nach und nach fanden die Familienväter Arbeit und damit auch eigene Wohnungen. Als Kontingentflüchtlinge hatten sie das Glück, nicht erst langwierige Verfahren abwarten zu müssen.

Die fünf jungen Leute wurden erst einmal auf verschiedene Schulen geschickt. Die Realschullehrerin Hansen unterstützte mit Nachhilfe und besuchte Elternabende. Schließlich erreichte eines der Mädchen sogar einen Realschulabschluss. Doch die Bemühungen um Ausbildungsplätze für ihre Schützlinge ließen Wilma Hansen fast verzweifeln. Die Vorbehalte gegen die fremdländisch aussehenden Menschen seien sehr groß gewesen. Nicht selten erfuhren die jungen Leute puren Rassismus und das machte Wilma Hansen sehr zornig.

Die jungen Männer fanden schließlich Ausbildungen, die beiden Mädchen jedoch mussten sich ihren Lebensunterhalt in der Fabrik verdienen. Doch die jungen Leute akzeptierten die Situation und freuten sich über die erste eigene gemeinsame Wohnung, für die Wilma Hansen Möbel und Hausrat zusammentrug. Für die jungen Flüchtlinge war sie längst eine zweite „Mama“ und sie nannten sie auch so.

Dennoch vergaßen die jungen Vietnamesen nie ihre Familien in der Heimat. Das wenige Geld, das sie verdienten, schickten sie zum großen Teil in ihre Heimat. Und in den folgenden Jahren kamen auch Familienangehörige im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland. Wilma Hansens Familie wurde immer größer. Doch nicht alle kamen hier zurecht – einige kehrten später wieder nach Vietnam zurück.

Die fünf aber, für die Wilma Hansen zur „Mama“ wurde, haben alle ihren Weg gemacht und hier eine zweite Heimat gefunden. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt, haben längst Familien gegründet und wohnen – ganz schwäbisch- in eigenen Häusern. Zwei der ehemaligen Flüchtlinge, die damals schon ein Paar waren, haben geheiratet. Nun ist die zweite Generation auf dem allerbesten Weg. Die größeren Kinder besuchen das Gymnasium und zwei Mädchen sind gerade ins Studium gestartet.

Alle ihrer 14 Enkelkinder spielen ein Instrument. Darauf ist die ehemalige Musiklehrerin und begeisterte Organistin besonders stolz. Denn für die Kultur in der Familie ist Oma Wilma zuständig.