Heidenheim Arztsitze sollen der Klinik Geld bringen

Heidenheim / Silja Kummer 31.07.2018
Die Heidenheimer Klinik will ein Medizinisches Versorgungszentrum gründen, um Geld für ambulante Behandlungen abrechnen zu können. Die Kreisärzteschaft fürchtet um die hausärztliche Versorgung, falls die Klink Hausarztsitze aufkauft.

Angegliedert an das Klinikum soll ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) entstehen, in dem Patienten ambulant behandelt werden. Dafür braucht es eine neue Gesellschaft. Mit der Gründung hat der Kreistag jetzt den Geschäftsführer des Klinikums Udo Lavendel beauftragt. Diese Gesellschaft, die als gemeinnützige GmbH und 100-prozentige Tochter des Klinikums firmieren soll, kann dann Kassenarztsitze erwerben.

„Der Gesetzgeber hat 2009 die Möglichkeit geschaffen, dass niedergelassene Ärzte und Kliniken zusammenarbeiten“, erläutert Udo Lavendel. Ohnehin übernehme die Zentrale Notaufnahme (ZNA) schon einen Teil der ambulanten Versorgung, die Zahlen dort würden drastisch steigen. Die ZNA im Bettenhaus C sei geplant gewesen für 15 000 Patienten, momentan würden rund 33 000 Patienten jährlich behandelt. Von diesen werden nur 60 Prozent tatsächlich stationär aufgenommen. Das Problem dabei: Die Klinik erhält für die ambulant behandelten Patienten lediglich eine Begutachtungspauschale, die laut Udo Lavendel nur ein Drittel der Kosten decke, die tatsächlich entstehen. Dadurch sorge die ZNA für einen Verlust von 1,5 Millionen Euro pro Jahr.

Neuland für den Landkreis

„Das medizinische Versorgungszentrum ist Neuland für den Landkreis“, sagt Landrat Thomas Reinhardt. Jedoch hätten alle Kliniken im Umland bereits solche Einrichtungen, „wir müssen diese Lücke endlich schließen.“ Ziel soll es sein, einerseits die ambulante Versorgung im Landkreis zu verbessern, andererseits aber auch, Erlöse mit der ambulanten Behandlung für das Klinikum zu erzielen. „Wir werden damit aber keine Gewinne machen“, sagt Udo Lavendel.

Das MVZ soll auch mit organisatorischen Änderungen einhergehen: Die Notfallpraxis, die ebenfalls im Klinikgebäude beheimatet ist, soll mit der Zentralen Notaufnahme vereint werden, so dass nicht mehr der Patient entscheiden muss, wo er hingeht, sondern diese Entscheidung aufgrund der medizinischen Notwendigkeit vom Arzt getroffen werden kann.

Rein praktisch muss das Klinikum für das MVZ kassenärztliche Sitze aufkaufen und zwar drei Jahre, bevor der Arzt, der den Sitz innehat, seine Praxis aufgibt. Der Arzt muss dann noch drei Jahre als Angestellter des MVZ arbeiten. Dies sei räumlich sowohl in dessen Praxis als auch am Klinikum denkbar, erläutert Lavendel.

Offener Dialog mit Ärzten

„Es gibt einen offenen Dialog der niedergelassenen Ärzte mit der Klinikleitung“, sagt Dr. Jörg Sandfort, Vorsitzender der Kreisärzteschaft, zum Thema MVZ. Grundsätzlich werde es von niedergelassenen Ärzten kritisch gesehen, wenn Kliniken sich in die ambulante Versorgung einmischen. „Andererseits könnte es auch ein Baustein für die ambulante Versorgung sein, wenn man es richtig macht“, so der Steinheimer Arzt.

Aus Sicht der niedergelassenen Ärzte sei es nicht erwünscht, wenn die Klinik Hausarztsitze aufkaufe, um die Versorgung in der ZNA zu finanzieren. „Dann werden mit unseren Arztsitzen die Probleme des Klinikums gelöst“, so Sandfort. Kein Problem habe man dagegen mit Facharztpraxen, die in Form eines MVZ organisiert seien.

Die Notfallpraxis in den Räumen des Klinikums werde derzeit von einem Verein betrieben, den die niedergelassenen Ärzte gegründet haben, um die Versorgung außerhalb der Öffnungszeiten ihrer Praxen zu gewährleisten. „Wir überlegen aber durchaus, den Betrieb an die kassenärztliche Vereinigung abzugeben“, sagt Sandfort. Diese hätte auch Interesse daran, eine Ein-Tresen-Lösung für die Zentrale Notaufnahme des Klinikums und die Notfallpraxis zu finden.

So arbeiten Medizinische Versorgungszentren

Seit 2003 gibt es die Möglichkeit, ambulante medizinische Leistungen in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) anzubieten. Dort können beliebig viele zugelassene Ärzte oder Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis arbeiten, was in den herkömmlichen Praxen nur eingeschränkt erlaubt ist. In der DDR gab es ein ähnliches Modell, Haus- und Fachärzte waren fast ausschließlich in Polikliniken tätig. Diese Einrichtungen wurden im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands nahezu vollständig abgeschafft.

Eigentlich zielte die Einführung der MVZ nicht nicht auf den Krankenhausbereich ab, bewirkte jedoch, dass Krankenhäusern verstärkt die Möglichkeit geboten wurde, ambulante Behandlungen durchzuführen, was sonst nicht ihre Aufgabe ist.

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