Heidenheim Arbeitsgemeinschaft Inklusion: Hilfe kommt auf Augenhöhe

Den Gang durch den Dschungel der Institutionen und Behörden hat sie selbst miterlebt. Den will Sarah Majer anderen Betroffenen mit ihrer Beratung ersparen. Ebenso wichtig ist ihr die Selbstbestimmung, die das Teilhabegesetz ermöglicht.
Den Gang durch den Dschungel der Institutionen und Behörden hat sie selbst miterlebt. Den will Sarah Majer anderen Betroffenen mit ihrer Beratung ersparen. Ebenso wichtig ist ihr die Selbstbestimmung, die das Teilhabegesetz ermöglicht. © Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / Karin Fuchs 27.06.2018
Sie ist körperbehindert und berät seit Kurzem andere Menschen mit Behinderung.

Sarah Majer ist seit Mai Beraterin bei der Arbeitsgemeinschaft Integration, Gemeinsam leben – gemeinsam lernen. Das Land hat den Verein Anfang des Jahres dazu auserkoren, eine von bundesweit insgesamt 400 neuen, unabhängigen Beratungsstellen für Behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen einzurichten. Gemeinsam mit Birgit Blankenhorn-Hafner, die schon seit dem Jahr 2011 bei der Arbeitsgemeinschaft beschäftigt ist und seit 2014 Eltern mit Wunsch nach einem inklusiven Bildungsweg berät, baut Majer das Angebot auf, das eine Antwort auf das neue Bundesteilhabegesetz ist.

Frau Majer, Ihr Job ist ganz neu. Banale Frage: Was machen Sie hier genau?

Sarah Majer: Wir bauen eine neue Beratungsform auf. Die nennt sich ergänzende unabhängige Teilhabeberatung, kurz EUTB. Wir unterstützen und beraten bundesweit alle Menschen mit Behinderungen, und Menschen mit drohender Behinderung und deren Angehörige zu allen Fragen zur Rehabilitation und Teilhabe. Und Fragen hat man als Betroffener einige, doch für jede Frage und jedes Problem ist eine andere Behörde zuständig. Im Dschungel der Paragrafen und Ansprechpartner den Überblick zu behalten, ist schwierig und gerade in Krisensituationen nicht einfach. Ich denke, dass die EUTB dabei eine große Hilfe sein wird.

Was stimmt Sie so optimistisch?

Das Besondere an der Beratung ist nicht nur die Unabhängigkeit von Institutionen, sondern auch der vom Bund geförderte Peer-to–Peer-Gedanke. Das heißt, Betroffene beraten andere Betroffene. Aufgrund einer angeborenen Mobilitätseinschränkung und damit anerkannter Schwerbehinderung kann ich einen ganz anderen Zugang zu Betroffenen herstellen.

Weil Sie Ähnliches schon mal selbst erlebt haben?

Genau. Die teilweise negativen Erfahrungen bei Antragstellungen, die Vorgänge und die Widrigkeiten habe ich selbst mitmachen dürfen. Also ich kann auf Augenhöhe beraten und weiß, wovon ich spreche.

Hatten Sie schon einen Fall, dass jemand Ihre Beratung in Anspruch genommen hat?

Ja. Dabei ging es überwiegend um Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben. Darüber, welche Möglichkeiten jemand hat, der plötzlich mit einer Behinderung konfrontiert ist. Um umfassend beraten zu können, spielt Netzwerkarbeit eine bedeutende Rolle. Der Betroffene erfährt die richtigen Adressen und Ansprechpartner aus einer Hand und spart sich damit viele Absagen und Ärgernisse bei der Frage nach Zuständigkeiten. Denn man glaubt nicht, wie oft man einen Weg oder Anruf umsonst macht.

Aber diese Beratung könnte doch jeder andere auch machen, also jemand im Landratsamt zum Beispiel. Was ist der Unterschied zu Ihnen?

Die EUTB orientiert sich ganz an den individuellen Bedürfnissen der Ratsuchenden und ist unabhängig von den Kostenträgern, wie etwa den Krankenkassen oder der Pflegeversicherung. Es kommen bei einer Behinderung oft viele Dinge zusammen. Nehmen wir als Beispiel einen Familienvater nach einem Schlaganfall, der verständlicherweise viele Ängste und Nöte hat, wie es nun weitergehen soll. Er möchte weiterarbeiten, doch welche Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben hat er nun? Braucht er Hilfen am Arbeitsplatz, vielleicht sogar eine Assistenz? Natürlich möchte er auch weiterhin zu Hause wohnen. Bei welchem Leistungsträger erhält er welche Hilfen? Wie und wo ist der Antrag zu stellen? All diese Fragen können wir in vertrauensvoller Atmosphäre besprechen und sind dabei unabhängig von Trägern, die Leistungen bezahlen oder Leistungen erbringen. Doch ich sehe uns nicht als Konkurrenz zu bestehenden Beratungsstrukturen. Vielmehr möchten wir mit unserer Arbeit ergänzend tätig werden. Uns ist wichtig, dass die Betroffenen ihre Entscheidungen selbstbestimmt treffen können.

Wie unterscheidet sich das von der bisherigen Arbeit des Vereins, Sie haben doch bisher schon weitergeholfen?

Der Verein unterstützt im Rahmen eines Aktion-Mensch-Projektes seit 2014 Eltern, die mit ihren Kindern einen inklusiven Bildungsweg gehen möchten. Zudem machen wir Schulbegleitung für Kinder in Schulen und auch in Kindergärten und schicken Inklusionsfachkräfte in die Einrichtungen. Meine Beratung umfasst alle Altersgruppen und Lebensbereiche.

Sie machen also so eine Art Pionierarbeit. Ihre Beratung in dieser Form gab es bisher nicht.

Das ist nicht ganz richtig. Es gab gemeinsame Servicestellen, die aber zum Beispiel bei der Rentenversicherung angesiedelt waren. Mit dem neuen Bundesteilhabegesetz werden diese spätestens bis zum 31. Dezember dieses Jahres abgeschafft. Es wird aber weiterhin Ansprechstellen bei jedem Reha-Träger geben. Wir sehen unsere Aufgabe als eine Art Lotsenfunktion, es geht um Beratung, die das gesamte Spektrum des Bundesteilhabegesetzes abdecken sollte. Es geht dabei um Wohnen, persönliches Budget, Arbeit, Bildung, Übergang Schule und Beruf, Ausbildung, Ansprüche im Falle einer Pflegebedürftigkeit, Anerkennung der Schwerbehinderung, und so weiter.

Wie erfahren die Leute denn von Ihnen?

Die Reha-Träger wie das Landratsamt, das Arbeitsamt, eine Krankenkasse, sind per Gesetz dazu verpflichtet, auf uns hinzuweisen. Wir sind verpflichtet, statistisch zu erfassen, woher die Leute zu uns kommen. Wir werden uns natürlich auch bei den betroffenen Stellen vorstellen.

Warum haben Sie sich um diese Stelle beworben?

Ich habe die Stellenausschreibung gesehen und wusste: Das ist die Chance, etwas zu bewirken. Mir selbst ging es leider oft so, dass ich mit Problemen und Fragen allein dastand. Bei Behörden fehlte mir oft das Menschliche. Man wird leider zu oft von einer Stelle zur nächsten weiterverwiesen. Nicht jeder hat in der gesundheitlichen Verfassung dann noch die Kraft und Stärke, sich damit auseinanderzusetzen. Dann den Menschen abzuholen, ihn ermutigen, auch weiterhin einen selbstbestimmten Weg zu gehen, darin liegt meine große Stärke.

Zur Person und zum Verein

Sarah Majer hat an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Deutsch, Geschichte und Geografie studiert und ist Grund- und Hauptschullehrerin. Vor ihrer jetzigen Position war sie Bildungsbegleiterin bei einem Bildungsträger. Im Fokus standen unter anderem sozial benachteiligte Jugendliche, die keine Ausbildung gefunden haben. Auch hier ging es um Netzwerkarbeit. Die 33-Jährige wohnt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Oggenhausen.

Die Arbeitsgemeinschaft Inklusion erhält vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine finanzielle Unterstützung. Im Anfang des Jahres veröffentlichten Förderbescheid wurden 130 000 Euro zugesichert. Bewilligt wurde eine 0,9-Prozent-Stelle.

Ziel ist es, Menschen mit Behinderung aus dem institutionellen Fürsorgesystem herauszuführen. Das Beratungsangebot wird vorerst bis Ende 2022 gefördert. Parallel dazu gibt es eine wissenschaftliche Untersuchung, die zeigen soll, ob das System hilfreich für Menschen mit Behinderung ist. Ist das der Fall, könnte die Finanzierung fortgesetzt werden, vorausgesetzt der Bundestag stimmt zu.

Sprechzeiten der Beratungsstelle sind am Dienstag und Donnerstag von 9 bis 15 Uhr, am Mittwoch von 14 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 07321.9248522). Das Büro befindet sich an der Bergstraße 52.

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