Heidenheim / Manfred Allenhöfer  Uhr
Das Stück „Kohlhiesels Töchter“ feierte als „komödiantisches Singspiel“ Erstaufführung im Naturtheater. Und der anwesende Komponist, der Hannoveraner Sascha Alexander Sokolov, war einer der ersten, die sich nach zweieinviertel Stunden von ihren Sitzen erhoben und stehend applaudierten.

Die gezeigte Fassung fand viel Zustimmung bei den Premierenzuschauern; und viele taten es dem Komponisten gleich und klatschten und jubelten hernach im Stehen. Die Inszenierung von Klaus Gröner, Erfolgsregisseur im Naturtheater seit „Piroschka“ zwei Jahre davor, wird wieder ihr Publikum finden und großen Zulauf erfahren, da braucht man kein Hellseher zu sein.

Aber das Stück wird, auch das ist vorhersehbar, polarisieren: Nicht jeder wird sich dieses „komödiantische Singspiel“ überhaupt ansehen wollen. Die Banalität seines Geschehens und die Aufgekratzheit bei der Darstellung dieses inhaltlichen Nichts wird nicht jedes Naturtheater-Freundes Sache sein.

Ein bestens geöltes Theatermaschinchen

Aber Theater, das die Ansichten des Publikums teilt, muss ja nicht das Schlechteste sein. Und zu erleben ist bei „Kohlhiesels Töchter“ immerhin ein bestens geöltes Theatermaschinchen, dem man durchaus attestieren kann, zwar kein Gesamtkunst-, aber doch immerhin ein kunterbuntes Gesamtszenenwerk zu präsentieren, das eine ganze Menge aufbietet: Theater, Musical, Schlager, Parodien, Tanz, Pyrotechnik und einiges mehr – und das vor der fantastischen Kulisse des Areals gleich neben dem Klinikum.

Insofern hat Klaus Gröner die Erwartungen, die sich auch in rekordträchtigen Vorverkaufszahlen niederschlugen, nicht nur erfüllt, sondern eigentlich noch übertroffen. Er bietet (netto) zwei Stunden Unterhaltung – pur, und das darf man durchaus auch im eigentlichen Wortsinn verstehen.

Gröner, der ja auch selber schon einige Erfahrungen als Entertainer gesammelt hat, kam vor Beginn der Premiere auch selber auf die Bühne, nach der Begrüßung durch die Naturtheater-Vorsitzende Helga Banz. Und man glaubt ihm ohne Weiteres, dass er „ein Jahr lang täglich“ an dem gearbeitet hat, was jetzt seine Vollendung erfahren hat,

"Warum macht man das?"

„Warum macht man das?“, war seine berechtigte Frage. Und seine Antwort war so effektsicher wie die ganze Aufführung: „Man tut's nur für einen Augenblick – jetzt!“ Mit der Premiere „hat nun das Publikum zu befinden“. Und das wird, wenig gewagte Prognose, ganz überwiegend fast schon frenetisch zustimmen.

Gröner konnte nicht nur den mit ihm lange schon kooperierenden Komponisten Sokolov begrüßen, sondern zugleich auch den Verfasser der Bühnenfassung, Jörg Doppelreiter, der seine Textbearbeitung des fünffach verfilmten Stoffes vor 15 Jahren auf einer Freilichtbühne erstaufgeführt hat.

Die Geschichte der beiden ungleichen Schwestern, bei der man durchaus Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ im nebulösen Hintergrund wetterleuchten sehen kann, stammt von dem 1884 in Hamburg geborenen Hanns (eigentlich Jean) Kräly, der seine Vorlage bereits 1920 mit dem legendären Ernst Lubitsch verfilmte, mit dem er später in Hollywood durchaus respektable Produktionen realisierte.

Weitere vier Male wurde der Stoff danach verfilmt; am bekanntesten wurde die 1962 von Axel von Ambesser verantwortete Produktion mit der doppelt besetzenden Lilo Pulver und weiteren bekannten Spielern wie deren Ehemann Helmut Schmid und Dietmar Schönherr. „Die göttliche Lilo“ animierte auch Doppelreiter zu seiner Bühnenfassung, die Gröner jetzt reichlich und reichhaltig veränderte.

Überschaubar und rasch erzählte Gechichte

Die Geschichte ist überschaubar und rasch erzählt: Gastwirt Anton Kohlhiesel hat zwei Töchter, zu deren Erbe auch „mehrere hundert Hektar Land“ gehören. Zwei gute Partien also. Die eine, Liesel, ist wohlgeraten und kann sich vor Verehren kaum retten; die andere, Susi, ein „rechter Besen“. Doch es war der letzte Willen der Mutter, dass jene nicht vor dieser verehelicht werden dürfe. Das ist für den Witwer und beide Töchter bindend; und so geht's halt darum, wie man die eine, irgendwie, an irgendeinen willigen Mann bringen kann.

Wichtiges Transmissionsglied zu potenziellen Freiern ist die Anzeigenberaterin des „Dorfanzeigers“, die den revuehaften Reigen eröffnet mit einer Liebeserklärung an das Medium Zeitung, bei dem einem dort beschäftigten Journalisten schon mal das Herz aufgeht: „Da hat man so was Wunderbares erfunden wie eine Zeitung“. Und die dann durchaus immer wieder erlittene Erfahrung beschreibt: „Was passiert? Es guckt keiner rein!“ Gültig dennoch, das sei nicht verschwiegen: „Die Zeitung versüßt Dir den Morgen!“

Eine Doppelannonce im „Dorfanzeiger“ bringt Kellner- wie Freieraspiranten zum Ausschank. Doch zunächst kann es, bei diesen wie jenen, keiner der ruppigen Susi recht machen. Stattdessen kommen zwei vertraute Mannen zum Zuge: Student Peter, der die Wohlgeratene beim Studium kennen- und liebengelernt hat, und Bauer Toni, der der Widerspenstigen an Deftigkeit nicht nachsteht. Bauerntrampel kriegt Bauerndepp – das ist der Kern des Finales. Emanzipatorisch braucht man das nicht zu finden.

Holzschnittartige Inszenierung geschaffen

Gröner hat eine sehr holzschnittartige Inszenierung geschaffen, deren Reiz zu einem guten Teil in ihrer schwäbischen Derbheit liegt. Wenn Susi da einen Freier als „Heckabeerabronzer“ charakterisiert, sind ihr kräftige Lacher sicher. Viele schwäbische Kraftausdrücke fallen da – und gefallen.

Und dann ist da noch ein Humor implantiert, der Lacher evoziert, etwa wenn auf ein landsmannschaftlich eingefordertes „Grüß Gott“ die Entgegnung folgt: „Dann grüßen wir ihn halt“. Besonders originell sind solche Scherze nicht.

Vier Akteure stehen im Mittelpunkt. Am besten gefallen Max Zumstein als fädenspinnender Student Peter und Stefanie Zembsch als herrlich augenrollende und schwäbisch deftig schimpfende Wirtstochter Susi, die ihr einleitend brachiales „Raus! Raus!“ selbst dem Publikum entgegen schleudert. Da zwinkert die Inszenierung, was ansonsten eher selten ist, schon auch mal mit den Augen.

Daneben fällt ein wenig ab, als wohlgeratene Liesel, Anne Sophie Pfisterer, die sich mit ihrem Hochdeutsch redlich müht, ein Gegengewicht zur dominierenden Krawallschwester zu schaffen, sowie Markus Kübler als tölpelhafter Bauernbursche Toni.

Dieses Quartett ist auch nur einfach besetzt; und differenzierende Charakterdarstellung mag man am ehesten Max Zumstein attestieren, der an der Seite Gröners auch die Regieassistenz und weitere Aufgaben übernommen hatte.

Differenzierendes Agieren braucht man nicht erwarten

Differenzierendes, auch Amateuren durchaus mögliches charaktersensibles Agieren braucht man in dieser Inszenierung eher nicht erwarten. Gröner reichen spielerische Typen, die meist ziemlich holzschnittartig ausfallen. Aber das kommt an.

Auch die Darsteller links und rechts des dominierenden Quartetts glänzen nicht mit ausgefeiltem Spiel. Beispielhaft genannt sei Tobias Göttl als Freier, von dem man auch schon sehr viel anspruchsvollere Darstellungen gesehen hat. Gefallen konnte hingegen, in einer Nebenrolle, Anke Rißmann-Eckle als Bürgermeisterin und Christian Horn als achternbuschhafter „Zecher“, den man auch für sein Bühnenbild nicht genügend loben kann.

Gröner setzt auf Effekte; das hält er durch und platziert es sehr gekonnt. Er hat ein Dutzend Lieder betextet, die für einen ganz eigenen Duktus der Inszenierung sorgen. Er hat mit viel Sorgfalt die Szenen farbig durchgestaltet, neben Gesang auch Tanz und manches mehr integriert; sogar ein alter Traktor rollt wirkungsvoll auf die Bühne, der die vier Hauptakteure nach dem kräftigen Schlussapplaus auch effektverstärkend wieder aus dem Naturtheater transportiert.

Es kommen die altbekannten Lieder wie „Jedes Töpfchen find't sein Deckelchen“ oder „Die Susi, nimm Du sie“. Die neuen Lieder sind effektbewusst bis zum Viergesang, manchmal musicalartig, manchmal schlagermäßig. Ein schöner Running-Gag ist der singende Auftritt des Jungfrauenvereins, der immer kleiner wird und schließlich solistisch auftritt – auch hier merkt man die ansonsten eher seltene Ironie.

Es wird eine beeindruckende Show geboten

Klaus Gröner hat viel Sorgfalt auf szenische Details verwandt und auf Effekte, die bis zum finalen Funkenregen samt schlusspunktsetzendem „Päng“ reichen. Doch wer so sehr auf Wirkung setzt, versäumt womöglich die Ausgestaltung dessen, was Theater doch eigentlich ausmacht: Die Charakterisierung von Figuren, die auf der Bühne ein womöglich überraschendes Geschehen erzählen. Bei „Kohlhiesels Töchter“ wird eine (durchaus beeindruckende) Show geboten, die differenzierende Charakterbildung nicht benötigt.

Stellvertretend mögen da die drei Bunnies genannt sein, die durchaus farben-, kostüm- und beinfreudig das Geschehen revuehaft hinterlegen. Sie sind exemplarisch für den Entertainmentanspruch der Gröner'schen Inszenierung, die, auch in den Liedern, den Charme des Gröner'schen „Piroschka“-Erstlings vor zwei Jahren kaum entwickeln können.

Geboten wird im Naturtheater 2013 eine deftige, auf starke Unterhaltsamkeit setzende und durchgehend sehr wirkungsbewusste Inszenierung. Man kann seinen rezeptiven Spaß daran ausleben – aber nicht jeder wird das wollen. Ziemlich erfolgversprechend ist das gleichwohl.