Heidenheim / Erwin Bachmann  Uhr
Mehr als zwei Jahre nach der Ermordung Maria Bögerls rückt plötzlich ein bereits kurz nach der Entführung bei der Polizei eingegangener anonymer Brief ins Zentrum der Öffentlichkeitsfahndung. Der Inhalt des Schreibens deutet auf mehrere Täter hin, die aus der nordöstlich Heidenheims angrenzenden Region stammen.

Mit dieser im Rahmen der jüngsten ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“ gemachten Mitteilung nimmt der ungelöste Mordfall zwar keine Wende, aber doch erstmals etwas konkreter anmutende Formen an. Wie bereits gestern berichtet, hatte das anonyme Schreiben die Sonderkommission „Flagge“ bereits am 18. Mai 2010 und damit sechs Tage nach der Entführung Maria Bögerls erreicht. Schon damals waren die Inhalte dieses Briefes überprüft worden, doch war es nicht gelungen, den Hinweisgeber zu ermitteln, der jetzt dringend gebeten wird, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Unbeantwortet bleibt, warum dieser Gang in die Öffentlichkeiterst jetzt, mehr als zwei Jahre nach dem Tatgeschehen angetreten worden ist.

Ein Grund könnte sein, dass sich die in dem Schreiben geäußerten Verdachtsmomente im Zuge der Ermittlungen mehr und mehr verdichtet haben. Klar ist, dass der Hinweisgeber den Kriminalisten „ein konkretes Wissen um das Tatgeschehen“ mitgeteilt hat, wie dies Hans Buth, Pressesprecher der Landespolizeidirektion in Stuttgart gestern gegenüber unserer Zeitung formulierte. Soko-Chef Volker Zaiß geht aufgrund dieser Fingerzeige inzwischen davon aus, dass an dem Entführungs- und Mordfall mehrere Täter beteiligt waren und grenzt darüber hinaus auch das Gebiet ein, aus dem der Täter und seine Komplizen stammen. Wie der in Stuttgart beheimatete Chefermittler am Mittwochabend nach der Ausstrahlung der filmischen Rekonstruktion mitteilte, geht man aktuell von der Möglichkeit aus, dass die Gesuchten aus der Region nordöstlich von Heidenheim stammen oder sich regelmäßig dort aufhalten können – „vielleicht leben sie sogar in einem der Orte“. Genannt wurden Neresheim, Elchingen, Nattheim, Auernheim und Nördlingen. Auf die gestern gestellte Frage, wie konkret diese Angaben sind, teilte der LPD-Sprecher mit, dass die erwähnten Orte als geographische Anhaltspunkte für die Beschreibung jenes Raumes zu verstehen seien, in dem sich die Täter mutmaßlich bewegt hätten. Gestützt wird die These von der Herkunft der Täter durch den Hinweis, dass der Entführer in dem einzigen mit dem damaligen Sparkassen-Chef Thomas Bögerl geführten Telefonat „Härtsfelder Dialekt“ gesprochen hat– worunter nach Angaben jene lokale Mundart zu verstehen sei, die „typisch für die Landschaft da oben“ sei.

Die Polizei vermutet den Tippgeber im Umfeld der Täter, mehr noch, geht sogar davon aus, dass der Briefschreiber den Täter kennt. Nicht auszuschließen, dass sich der so zu einer Schlüsselfigur der Ermittlungen gewordene Unbekannte selbst strafbar gemacht hat oder aber Angst vor Repressalien seitens Tatbeteiligter hat, weshalb ihm ausdrücklich angeboten worden ist, über das neu eingeführte, völlige Anonymität versprechende Hinweis-Aufnahmesystem mit der Polizei Kontakt aufzunehmen.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand war das Schicksal Maria Bögerls bereits mit Beginn der Entführung besiegelt. So sind sich die Kriminalisten sicher, dass der oder die Täter von Anfang an vor hatten, die 54-Jährige zu töten. Außerdem glauben sie, dass die Tat von langer Hand geplant war und die Gattin des damaligen Heidenheimer Sparkassen-Chefs Thomas Bögerl schon längere Zeit vor der Entführung in ihrer Schnaitheimer Wohnung beobachtet worden ist. Einen Anhaltspunkt für eine mögliche Observation stellt ein weißes Auto dar, das bei einem Aufenthalt Maria Bögerls am 2. März 2010 in Stuttgart aufgetaucht ist. In diesem Zusammenhang wird jene Taxifahrerin gesucht, die Bögerl an diesem Vormittag vom Hauptbahnhof in die Hölderlinstraße – offenbar zu einem Arztbesuch – gefahren und dabei vielleicht Beobachtungen gemacht hat.

Bis zum gestrigen Nachmittag zählte man bei der Soko„Flagge“ um die 250 neue Hinweise, die aufgrund der Fernsehsendung eingegangen sind,über deren Qualität aber noch nichts Genaues gesagt werden kann. Bei der Landespolizeidirektion spricht man nach einer ersten Bestandsaufnahme von einer Reihe konkreter Ermittlungsansätze, denen jetzt nachgegangen werden müsse. So haben sich mehrere Menschen mit Informationen über die bis heutenicht aufgetauchte Tatwaffe gemeldet, wahrscheinlich ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge. Weitere Hinweise kreisen um die sichergestellte Handschließe, mit der das Opfer gefesselt worden war. Ein Anrufer verwies darauf, dass vor zehn bis zwölf Jahren in einer Heidenheimer Diskothek eine Handschellen-Messe stattgefunden habe. Bisher weiß die Polizei nichts über die Herkunft und Geschichte dieses gebrauchten Plagiats mit dem Herstellernamen „Bianchi“.