Heidenheim / Silja Kummer  Uhr
Ein ehemaliger Mitarbeiter des Konzerns Andritz berichtet von Bestechungsgeldern, die bei einem Wasserkraftprojekt in Venezuela geflossen sein sollen. Voith war damals zusammen mit Andritz tätig.

Schwere Vorwürfe erhebt ein ehemaliger Mitarbeiter des österreichischen Konzerns Andritz: Um den Auftrag für die Erneuerung des Wasserkraftwerks Guri in Venezuela zu bekommen, sollen von Andritz Bestechungsgelder bezahlt worden sein. Das berichten heute internationale Medien, deren Recherchen koordiniert wurden durch das Recherchezentrum Correctiv.

Pikant könnte dies auch für die Heidenheimer Firma Voith sein. Denn sie war bei genau diesem Projekt bis 2016 in einem Konsortium zusammen mit Andritz in Venezuela tätig.

Der ehemalige Andritz-Geschäftsführer in Mexiko, Carlos Sousa, behauptet, die Geschäftsführung von Voith Hydro habe über die Geschäftspraktiken Bescheid gewusst. Wenn dies zuträfe, würde es gegen den Verhaltenskodex von Voith verstoßen, in dem es unter anderem heißt: „Voith toleriert keinerlei Form von Korruption oder Bestechung.“

Forderung nach mehr Geld

Schon seit 2008 war Voith im derzeit politisch instabilen Venezuela tätig, um das Wasserkraftwerk am Guri-See zu modernisieren. Auftraggeber war der staatliche Energieversorger Edelca. Es handelt sich laut Angaben aus der Firmenzeitschrift „Voith Report“ um das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt, das theoretisch 70 Prozent des Strombedarfs in Venezuela abdecken könnte. Das Kraftwerk ist also zentral für die Infrastruktur des Landes.

Der deutsch-spanische Geschäftsmann Carlos Sousa, der 2009 bei Andritz als Geschäftsführer der mexikanischen Tochter einstieg, traf im Rahmen seiner Tätigkeit auf zwei Geschäftsleute aus Venezuela. Beide hatten Verträge mit Andritz als Berater für das Guri-Projekt.

Aus Deutschland angereiste Andritz-Manager sollen mit den beiden Beratern verhandelt haben, weil diese mehr Geld wollten als ursprünglich vereinbart. Der Auftrag für die Erneuerung der Erregungsstationen, die Andritz lieferte, belief sich auf rund 30 Millionen US-Dollar, sagt Sousa. Die brasilianische Voith Hydro Ltda. steuerte die mechanischen Komponenten, insbesondere die Turbinen, bei.

Verträge nicht im Büro lassen

Die Verträge mit den beiden Beratern, die Sousa den Recherchepartnern vorgelegt hat, sollte er laut einem der Andritz-Manager zu Hause aufbewahren, nicht im Büro: „So machen wir das in Deutschland auch. Falls mal eine Prüfung kommt“, lautete die Begründung.

Drei Millionen US-Dollar sollen die beiden Berater laut den Verträgen erhalten haben, unter anderem um Andritz „bei der Zollabfertigung der Ausrüstung“ zu helfen. Carlos Sousa nennt zwar keine Namen, sagt aber, dass das Geld an Regierungsangehörige weitergeleitet werden sollte. Mit dem, was in den Verträgen stand, hätten die Zahlungen nichts zu tun gehabt: Die beiden Berater hätten „überhaupt keine Struktur gehabt, die definierten Leistungen zu erbringen.“

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(Die Reportage in voller Länge ist online zu sehen auf Factum TV ab Mittwoch, 10. April, ab 23.15 Uhr)

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Da es im Laufe des Projekts immer wieder zu Stillständen kam, weil der Kunde Edelca nicht pünktlich bezahlte, reiste Carlos Sousa 2011 nach Ravensburg zu Andritz Hydro. Dort soll ein Treffen stattgefunden haben, an dem laut Carlos Sousa auch eine Führungskraft von Voith Hydro aus Heidenheim teilnahm. Ein großer Bestandteil der Diskussionen habe sich darum gedreht, ob die Berater Geld bekommen sollten, um den staatlichen Energieversorger in Venezuela zur Zahlung zu bewegen, so Sousa.

„Die reine Präsenz und die offene Diskussion mit Voith Hydro als Konsortialpartner zeigte, dass hier als Basis ein Agreement diente“, beschreibt der Ex-Geschäftsführer. Diese Übereinkunft sei abgesegnet gewesen von der Leitung beider Unternehmen und strategisch wichtig, um in Venezuela Erfolg zu haben.

Ein Treffen mit der Compliance-Abteilung und Anwälten

Später sei er noch einmal aufgefordert worden, über seine mexikanische Niederlassung Zahlungen an Berater abzuwickeln, sagt Carlos Sousa. Weil er sich weigerte, habe er bei Andritz gehen müssen.

Offiziell wurden ihm im März 2012 Unregelmäßigkeiten in seiner Geschäftsführung vorgeworfen, es kam zur Trennung. Er habe sich daraufhin an mögliche Verantwortlichen im Andritz-Konzern gewendet. Im Herbst 2014 wurde Sousa eingeladen, an einem Treffen mit einem Anwalt und der Compliance-Abteilung von Andritz, die sich um solche Regelverstöße kümmert, teilzunehmen. Die Firma habe versprochen, die Kontrollmaßnahmen zu verschärfen und den Vorwürfen nachzugehen.

Im Dezember 2014 beschrieb Sousa die Vorgänge noch einmal detailliert in einem Brief an den Aufsichtsratsvorsitzenden von Andritz, den Wiener Wirtschaftsprofessor Christian Nowotny. Dieser wiederum sicherte zu, das Schreiben an die Compliance-Abteilung weiterzuleiten, die sich dann mit ihm in Verbindung setzen würde. Seither hat Sousa nichts mehr von Andritz gehört.

Der Darstellung von Carlos Sousa widersprechen sowohl Voith und Andritz entschieden. Allerdings sagt Dr. Michael Buchbauer, Kommunikationschef von Andritz, dass die Schilderungen des ehemaligen Geschäftsführers innerhalb der Firma bekannt seien. Diese hätten „unmittelbar nach deren Eingang zu einer vom Vorstand der Andritz AG angeordneten umfassenden Compliance-Untersuchung durch die interne Revision unter Einbindung externer Anwälte geführt.“

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Jedoch hätte diese Untersuchung keine stichhaltigen Beweise für unzulässige Zahlungen ergeben. Carlos Sousa hätte die Vorhaltungen über Bestechung stets mit finanziellen Forderungen verbunden, denen Andritz jedoch nicht nachgekommen sei.

Voith: Verträge nicht bekannt

Für Voith scheint die Geschichte von Carlos Sousa neu zu sein: Die Verträge mit den venezolanischen Beratern seien bei Voith nicht bekannt, sagt Lars Rosumek, Chef der Firmenkommunikation bei Voith. Ob Voith selbst Verträge mit den beiden Männern in Venezuela abgeschlossen hat, kann er nicht sagen: „Da der von Ihnen angesprochene Vorgang bereits über zehn Jahre zurückliegt und viele der damals verantwortlichen Personen, vor allem bei unserer brasilianischen Tochtergesellschaft Voith Hydro Ltda., die auf Voith Hydro-Seite dieses Projekt durchgeführt hat, nicht mehr bei Voith beschäftigt sind, ist es uns in der Kürze der von Ihnen gesetzten Frist von zwei Arbeitstagen nicht möglich, hierauf zu antworten.“

Jedoch sei die Beauftragung von Beratern ein in zahlreichen Märkten, in denen Voith tätig ist, übliches Vorgehen. Für diese Zusammenarbeit würden sehr strenge Maßstäbe gelten. Auch würde vor Vertragsabschluss eine ausführliche Hintergrundprüfung des Vertragspartners erfolgen.

Mit Verhaltenskodex unvereinbar

Auf die Frage, ob das Vorgehen von Andritz mit Voith Hydro abgestimmt war, sagt Rosumek: „Wir können grundsätzlich nicht für andere Unternehmen sprechen und haben keinerlei Kenntnisse über derartige Vorgehensweisen.“ Ein solches Vorgehen sei auch mit dem Verhaltenskodex unvereinbar. Verstöße einzelner Mitarbeiter würden konsequent verfolgt. Dazu gebe es ein Compliance Management System, das extern auditiert worden sei. Dr. Hubert Lienhard, der bis vor Kurzem Vorstandsvorsitzender von Voith war, hat eine Anfrage der HZ zu dieser Bestechungsthematik nicht beantwortet.

Ein Branchen-Insider bestätigt jedoch, dass der Großanlagenbau sehr anfällig für Bestechung sei: „Es ist ein notorisch schwieriger Markt.“ Beraterverträge seien dabei das kritische Thema, hier gelte es immer zu prüfen, ob hinter den Summen, die Beratern bezahlt werden, auch reale Leistungen stehen. „Hubert Lienhard hat immer betont, Voith wolle keinen einzigen Euro, der nicht mit ehrlichen Mitteln verdient wurde“, so der Voith-Kenner.

Weiterführende Artikel zum Thema gibt es auf www.correctiv.org und addendum.org

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Voith: Schon mehrmals mit Andritz zusammengearbeitet

Als Konsortium bezeichnet man die Zusammenarbeit von verschiedenen Firmen für ein bestimmtes Projekt. Konsortien mit Andritz gab es bei Voith mehrere: Beide Firmen waren am DSI State Hydraulic Works beteiligt, das das 2007 eingeweihte Wasserkraftwerk Boreka im Norden der Türkei baute. Ebenfalls im Konsortium zusammen mit Andritz wurde 2007 das rumänische Wasserkraftwerk Ipotesti instandgesetzt. Ein Großauftrag für das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt, Belo Monte in Brasilien, gewann Voith Hydro ebenfalls im Konsortium mit Andritz und Alstom. Das Auftragsvolumen von Voith lag dabei bei 443 Millionen Euro.

Die Strukturen in den Ländern, in denen Voith mit Wasserkraftwerken tätig ist, sind oft schwierig: Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex (CPI-Ranking), das die Organisation „Transparency International“ herausgibt, lag Venezuela 2018 auf Platz 168 von 180 und gehört damit weltweit zu den Ländern, das am stärksten mit Korruption assoziiert wird. Brasilien liegt auf Platz 105, die Türkei auf Platz 78. Aber selbst das zu Europa gehörende Rumänien auf Platz 61 weist ein hohes Korruptionsniveau (Punktwert unter 50) auf.