Heidenheim Ampeln in Heidenheim: Wie funktioniert die grüne Welle?

Heidenheim / Catrin Weykopf 08.07.2018
In der Heidenheimer Innenstadt gibt es tatsächlich eine grüne Welle. Sie zu erwischen, ist nicht einfach – es muss vieles zusammenkommen, damit sie funktioniert.

Wann, bitte, hat man in dieser Stadt grün? An Ampeln herrscht offensichtlich kein Mangel, nur grün wollen sie nie anzeigen, oder? Immer nur steht man, sieht rot, und wartet – so scheint es jedenfalls.

Der Mann, der weiß, wann man in Heidenheim ungehindert fahren kann, heißt Gerhard Horlacher. Horlacher ist der Chef im Bauamt und kennt Heidenheims Straßen wie kein zweiter – außer vielleicht noch wie Verkehrsplaner Mario Böck. Zusammen sind sie die Herren über Rot und Grün in Heidenheim. Wer fährt und wer wartet, das liegt in ihrer Hand. Und diese Hand muss feinfühlig sein – das wird klar, wenn man sich anschaut, worin die Herausforderung in Heidenheim besteht.

Zwei Hauptschlagadern: Die B 19 und die B 466

Schon ein laienhafter Blick auf den Stadtplan offenbart: Heidenheim besteht verkehrstechnisch aus zwei Hauptschlagadern: der B 466 und der B 19. Solange der Verkehr auf diesen fließt, funktioniert auch der Rest. Doch kommt es zum Stillstand, ist kurz darauf die ganze Stadt verstopft. In der Innenstadt droht der Kollaps dabei noch schneller, denn hier gibt es kaum Umfahrungsmöglichkeiten. Wer von West nach Ost durch die Stadt will – oder umgekehrt – der muss nahezu zwangsläufig die Olga- oder die Clichystraße, also die B 466, benutzen.

Insgesamt 23 000 Fahrzeuge befahren täglich diese wichtige Ost-West-Achse. Dazu kommen Stadtbusse, Fahrradfahrer und Fußgänger. Sie alle sind in dem vergleichsweise kurzen Abschnitt zwischen Heckentalkreuzung und Schillerkreisel unterwegs. 13 Auto- und mehrere Fußgängerampeln säumen diesen Weg. Und keiner will davor warten. Also: Wann hat man freie Fahrt und wann nicht?

Programmiert ist das System so, dass es auf Olga- und Clichystraße eine grüne Welle gibt. Verkehrsplaner Mario Böck erklärt: Wer zum Beispiel vom Schiller-Gymnasium her kommt und beim Römermuseum Grün bekommt, der kann – theoretisch – bis ganz zur Heckentalkreuzung durchfahren. Aber nur theoretisch. Denn langes Grün gibt es nur, wenn man konstant 50 km/h fährt, wenn nicht grade die Busse von der Zentralen Omnibushaltestelle losfahren, wenn nicht gerade die Fußgängerampel an den Schloss-Arkaden dazwischenfunkt und wenn nicht gerade ein parkender Bierlaster eine Spur verstellt. Dann nämlich ist es aus. Dann nämlich steht man an jeder einzelnen Ampel – bis hinaus in die Weststadt. Das weiß auch Böck. Aber Böck sagt: „Es geht nicht anders.“

Grüne Welle hat nur, wer auf der B 466 fährt – am besten klappt’s von Ost nach West.
Grüne Welle hat nur, wer auf der B 466 fährt – am besten klappt’s von Ost nach West. © Foto: Grafik: Simone Künzer

Noch schlechter sieht es für diejenigen aus, die von einer der Seitenstraßen einbiegen – also von der Bergstraße, von der Schnaitheimer Straße oder von der Ploucquetstraße (wenn diese nicht wie derzeit gesperrt ist). Denn: Wer von der Seite her auf die Hauptachsen einbiegt, der hat niemals grüne Welle. So funktioniert das System. Oder anders gesagt: So muss es sein, damit es funktioniert.

Maximal 54 Sekunden Grün

Ein weiteres Detail im großen Ganzen: die Umlaufzeiten. So heißt der Zeitabschnitt, der zwischen einem Rot und dem nächsten Rot ein und derselben Ampel liegt. Wenn wenig Verkehr ist, springen die Ampeln schneller auf gelb, grün und wieder rot um.

Wenn viel Verkehr ist, dauern die Phasen länger. Am meisten los ist unter der Woche am zwischen 16 und 18 Uhr. Dann wollen bis zu 1 100 Autos pro Stunde und Hauptverkehrsrichtung durch die Stadt. Für die Ampeln heißt das: Möglichst viel Grün anzeigen, damit die Blechkarawane möglichst schnell rauskommt. Böcks Ampeln an den beiden Hauptstraßen schalten dann in einem 90-Sekunden-Umlauf. Das bedeutet: Zwischen einem Rot und dem nächsten liegen 90 Sekunden. Dazwischen ist 54 Sekunden lang Grün.

Fußgänger haben Vorrang

54 Sekunden – mehr geht nicht, sonst bricht wiederum der Verkehr in den Nebenstraßen zusammen. Denn während die Autos auf der Olga- oder Clichystraße fahren dürfen, müssen ja die in allen Einmündungen warten. Je länger sie aber warten, desto länger werden die Autoschlangen und je länger die Autoschlangen, desto größer die Gefahr, dass Kreuzungen zugestellt werden. So viel zu den Autos. Jetzt zu den Fußgängern: Die Fußgänger, die bei den Schloss-Arkaden über die Straße wollen, haben Vorrang.

Das Gleiche gilt in der Gegenrichtung am Eugen-Jaekle-Platz. Böck nennt den Vorgang, wenn Menschen die Straße überqueren müssen, „Einwurf“. Und der Einwurf an diesen beiden Stellen muss häufig stattfinden, weil sich dort innerhalb kürzester Zeit die meisten Fußgänger „aufstellen“, wie Böck sagt. „Aufgestellte“ Fußgänger wiederum haben Verkehrsplaner nicht so gern. Denn je mehr Menschen an einem Ort warten, desto größer die Gefahr, dass die Traube in die Straße hineinragt. Und Sicherheit geht immer vor.

Ein Knöpfchen hält alle an

Nicht nur die Fußgänger aber bringen die Welle zum Halten. Auch die Busse stören den Ablauf. Immer dann nämlich, wenn es am zentralen Busbahnhof zum „Rendezvous“ kommt, wie Horlacher es nennt, also wenn alle Linien zeitgleich losfahren. Wenn das passiert, dann haben sie Vorfahrt. Immer.

Doch wie funktioniert das nun wieder? An dieser Stelle kommt tatsächlich ein Knöpfchen ins Spiel. Ein mächtiges Knöpfchen, das – einmal gedrückt – alle Autos und Fußgänger anhält und dafür all die bevorzugt, die in den Bussen sitzen. Im Klartext: Alle außer den Bussen bekommen Rot. Bis alle Ampeln danach wieder so schalten, dass die grüne Welle funktioniert, dauert es bis zu 180 Sekunden. 180 Sekunden – das macht drei Minuten. Eigentlich keine so lange Zeit. Doch Böck weiß es besser: „Im Auto fühlt sich das an wie eine Ewigkeit.“

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