Heidenheim Amerikanische Schrottautos: Landratsamt warnt vor Betrug

Sehen aus wie neu, sind aber Schrott: Autos mit einem sogenannten „Salvage Title“.
Sehen aus wie neu, sind aber Schrott: Autos mit einem sogenannten „Salvage Title“. © Foto: Montage
Heidenheim / Hendrik Rupp 24.06.2018
Das Landratsamt warnt vor einer neuen Masche: Als Totalschaden abgeschriebene US-Fahrzeuge werden in Osteuropa wieder „aufpoliert“ und dann in Heidenheim verkauft – trotz hoher Risiken.

Ein Schnäppchen war der Audi schon: Zwei Jahre alt, wenige Kilometer, weit unter dem üblichen Preis, mit teurer Sonderausstattung. Gut, das Radio funktionierte nicht und das Navi auch nicht und die Bediensprache müsse man noch einstellen, sagte der Verkäufer. Der Käufer aus einer Kreisgemeinde griff zu und freute sich.

Aber nicht lange: Mit der Bediensprache wurde es nichts, bald gaben andere Funktionen den Geist auf, nach weniger als zwei Wochen streikte der ganze Wagen. In der Werkstatt fand man unter der Haube Spuren, die nichts Gutes verhießen: Schweißnähte durch die gesamte Bodengruppe, hastig eingebastelte Provisorien: Der glänzende Wagen war nichts anderes als ein getarntes Wrack, ein Jahr zuvor war er nach einem schweren Unfall in den USA zum Totalschaden erklärt worden.

Betrug im großen Stil

Kein Einzelfall, wie man bei der Kfz-Zulassungsstelle im Landratsamt weiß: „Die Fälle kommen inzwischen in einem regelmäßigen Rhythmus“, sagt Renate Bergmann, Leiterin der Zulassungsstelle: Im großen Stil werden Autowracks aus den USA in Osteuropa aufgehübscht, irgendwie zusammengeschweißt und dann als mängelfreie Fahrzeuge verkauft.

„Es geht um die sogenannten Salvage Titles“, sagt Gerd Heideker, Fachbereichsleiter Straßenverkehr im Landratsamt: In den USA werden diese für Fahrzeuge ausgestellt, die nicht mehr fahrtüchtig sind. Wegen Unfall- oder Feuerschäden, auch nach Wasserschäden bei Überschwemmungen.

Über 20 Prozent aller in den Vorjahren nach Europa überführten US-Fahrzeuge trugen diesen „Salvage Title“ – jedes fünfte US-Fahrzeug, dass nach Europa kam, ist also ein betrügerisch aufgemöbeltes Wrack.

„Der Ablauf folgt immer dem gleichen Schema“, erklärt Heideker: Im großen Stil werden US-Wracks nach Europa verschifft, dann notdürftig geflickt und aufgehübscht: „Das passiert meist im Baltikum, in Litauen zum Beispiel, aber auch Georgien holt auf“.

Der Anteil ist je nach Marke gewaltig: Laut dem US-Portal „Carfax“, das die Fahrgestellnummern von US-Fahrzeugen mit Salvage Titles abgleicht, waren zuletzt 46 Prozent aller aus den USA importierten Audis getarnte Wracks, 43 Prozent aller VW und 35 Prozent aller Toyota. Mercedes liegt mit „nur“ 14 Prozent etwas sicherer. „Es geht hier eher um neuwertigere und hochpreisige Fahrzeuge“, erklärt Renate Bergmann – sonst würde sich das Flickschustern nicht einmal in Billiglohnländern rentieren.

Teils lebensgefährlich

Wer einen ehemaligen Salvage-Title erwirbt, riskiert viel: Oft werden im Baltikum aus zwei Wracks eines gebastelt, man kombiniert Wagen mit Front- und Heckschaden. Doch wer eine Bodengruppe einmal zersägt und dann wieder zusammen schweißt, riskiert strukturelle Schwächen, die bei einem Unfall lebensgefährlich werden können. Nicht zimperlich sind die illegalen Schrauber auch bei der Elektronik: Wenn ein Steuergerät nicht will, werden ABS oder Bremsassistenten eben ausgeschaltet – auch das kann im Notfall lebensgefährlich sein.

Beim Landratsamt stellt man sich auf die neue Herausforderung ein: „Wir werden in Zukunft Kfz-Ingenieure bestellen, um verdächtige Autos zu prüfen“, so Gerd Heideker. Denn auch wenn ein Wrack noch so schön glänzt, darf es eigentlich nicht mehr zugelassen werden.

Vorsicht beim Autokauf: Wrack oder nicht?

Um sicher zu sein, dass ein zum Verkauf stehendes Fahrzeug kein betrügerisch aufpoliertes US-Wrack ist, hilft ein Vergleich der FIN/VIN-Nummer, landläufig auch Fahrgestellnummer genannt.

Das US-Portal „Carfax“ hat Zugriff auf die FIN/VIN-Nummern aller US-Fahrzeuge mit „Salvage Titles“. Das gebührenpflichtige Portal bietet unter carfax.eu seine Dienste an.

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