Heidenheim Alt ist nur ein Wort

Gruppenbild ohne Sopranistin: die „Lautten Compagney“ und Flötist Stefan Temmingh in der Pauluskirche.
Gruppenbild ohne Sopranistin: die „Lautten Compagney“ und Flötist Stefan Temmingh in der Pauluskirche. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 16.07.2018
Die überragende Sopranistin Dorothee Mields, der virtuose Blockflötist Stefan Temmingh und die „Lautten Compagney“ aus Berlin boten ein formidables Konzert mit Barockmusik.

Alte Musik, neue Technik. Dass so etwas ohne weiteres Hand in Hand gehen kann, war am Sonntagnachmittag in der Pauluskirche zu erleben. Denn statt Noten transportierte Stefan Temmingh ein Notebook auf die Bühne. Da hat man die Hände frei, was für einen Blockflötisten kein ganz kleiner Nachteil sein kann. Und blättern kann man im digitalen Zeitalter auch mit den Füßen. Insofern erinnerte der Südafrikaner ein wenig an einen, freilich unverkabelten Rock-Gitarristen, der durch sicheres Drauftreten seine Effektgeräte bedient.

Allerhöchstens von gestern

Ein Vergleich, der am Ende gar nicht so weit hergeholt ist, wie man vielleicht meinen könnte. Denn die Rede soll ja von Barockmusik sein. Und was die betrifft, ist alt eigentlich nur ein Wort, da sie in einem musikalischen Zeitalter, in dem mitunter nichts als der Groove zählt, eben nicht wie aus dem 18.Jahrhundert klingt, sondern allerhöchstens wie von gestern. Ist es doch gerade mal 50 Jahre her, dass der melodisch und rhythmisch ebenso unmittelbar wirkende, zwar weniger kunstvoll angelegte, dafür emotional noch ein wenig direkter und selbstverständlich deutlich lauter angelegte stilistische Wiedergänger der Barockmusik en vogue war. Wir reden vom Blues-Rock und Rock der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre, eine überdies, wie es immer so schön hieß, in ihrer Art auch „tanzbare“ Musik; ein Attribut, von dem gerade die Barocker viele Lieder singen könnten.

Und auch Stefan Temmingh „tanzte“ mit weit ausholenden Schritten nach rechts zum beständigen Groove der neunköpfigen „Lautten Compagney“ mit Chef Wolfgang Katschner an der Theorbe. Über das technische Können und das blinde musikalische Verständnis dieser Truppe von Weltformat muss man keine Worte mehr verlieren. Die 300 Besucher in der Pauluskirche genossen ein spielfreudig und durchaus auch mit leichter Hand serviertes Programm, das drei Komponisten hochleben ließ: Bach, Telemann und Vivaldi. Wobei von Letzterem das hier wohl nach G arrangierte berühmte Konzert für Flautino und Streicher in C aufgerufen wurde, mit dem der in diesem Konzert auf Höchstniveau vielbeschäftigte Stefan Temmingh dann sehr spektakulär regelrecht Schlitten fuhr.

Sehr interessant auch Johann Sebastian Bachs von den musikalischen Gegensätzen und den überdeutlich unterschiedlich behandelten Solo- und Tuttibeiträgen lebendes Konzert für Cembalo in A, BWV 1055, mit dem Daniel Trumbull aus den Reihen der Compagney solistisch einen höchst gelungen gemeisterten Schritt nach vorn trat.

Taufrischer Sopran

Die „Konkurrenz“ an diesem Sonntagnachmittag in der Pauluskirche war also herausragend. Und dennoch darf eine Teilnehmerin als überragend geschildert werden: die Sopranistin Dorothee Mields. Besser kann man Bach – etwa das pastoral angehauchte „Schafe können sicher weiden“ oder das Sonnenschein auch an einem Regentag transportierende „Weichet nur, betrübte Schatten“ – nicht singen. Dorothee Mields' gerader, und dennoch, was nicht selbstverständlich, sondern eher besonders ist, Sinnlichkeit atmender Sopran klingt in allen Lagen taufrisch, ansatzlos und bis in die kleinsten Verästelungen von Koloraturen, Verzierungen und Melismen hinein betörend flexibel. Eine gesangliche Offenbarung. Dreimal Telemann – unter anderem „Brecht, ihr müden Augen“ aus der an selber Stelle vor Jahresfrist gereichten „Brockes-Passion“ – gab's oben drauf. Und das Ende vom Lied würden die Zuhörer blind unterschreiben: „Seid beglückt“ aus Bachs Kantate „O holder Tag, erwünschte Zeit“.

Das passt, selbst wenn man am Ausgang tatsächlich den Schirm aufspannen muss. Doch das Wetter geht, aber dieses Konzert bleibt. Nicht zuletzt, weil es in summa so gespielt wurde, wie man Barockmusik spielen muss. Für den Hörer fühlt sich das an wie fliegen. Nur dass man dabei nicht waagrecht in der Luft liegt, sondern wacker in verschiedenen Tempi ausschreitet, aber nicht abstürzen kann, weil jemand unter einem gewissermaßen im Gleichschritt einen mitfliegenden Teppich knüpft.

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