Heidenheim Pogromnacht in Heidenheim: als die Hilferufe verhallten

Heidenheim / Alfred Hoffmann 09.11.2018
1938: In der Nacht vom 9. auf den 10. November hatten Juden im gesamten Deutschen Reich mit gewalttätigen Angriffen zu kämpfen. Auch in Heidenheim gab es Betroffene.

Der Horror brach über die Familie des Viehhändlers Liebmann Vollweiler unvermittelt am frühen Morgen des 10. November herein, eine Viertelstunde vor 5 Uhr, als ein Mob von SA-Leuten vor ihrem Haus in der Wilhelmstraße 11 auftauchte, mit Holzprügeln und Steinen systematisch sämtliche Fenster einzuschlagen und einzuwerfen begann und spätestens das Klirren des zersplitternden Glases sie aus dem Schlaf riss. Man versuchte die abgeschlossene Tür aufzubrechen, sie hielt stand, man drang durchs zerstörte Fenster ein. Die Wohnung, sie bot keinen Schutz mehr, die Familie sah sich ausgeliefert. Das Wohnzimmer wurde vollständig verwüstet, Stühle, Schränke, Klavier, Porzellan und Glas, Bilder, Lampen, nichts blieb heil, und auch im angrenzenden „Mittelzimmer“ noch so manches, die anderen Räume wenigstens blieben unangetastet. Dazu der Lärm, das Gebrüll, bei dem sich der Begründer der Volksschauspiele, Ratsherr und stellvertretende Bürgermeister Gustav Müller besonders hervortat („Wo ist der Sauhund?!“). Vollweiler wurde schwer misshandelt, sie schrien verzweifelt aus den Fenstern um Hilfe, die Rufe verhallten, woher sollte sie kommen.

Ungehört aber verhallten die Rufe nicht, eine Menge Leute hatte sich inzwischen zusätzlich eingefunden, die meisten wohl einfach neugierig, was da „los“ war, nicht wenige aber auch sehr bereit, sich an dem Krawall nachträglich noch zu beteiligen. Einer stürzte immerhin in die nicht weit entfernte Polizeiwache in der Schnaitheimer Straße: „Kommt schnell mit zu Vollweiler, sonst schlagen sie alles tot!“ Der Wachhabende lachte ihn aus und riet ihm heimzugehen. Man hatte offensichtlich seine Anweisungen und ließ sich Zeit.

Als sich dann schließlich doch ein Polizeimeister in die Wilhelmstraße bemühte, hatte sich die Menge bereits verlaufen bzw. war zu Metzgers, Hauptstraße 36, weitergezogen. Vollweiler, berichtete der Polizist nach dem Krieg, sei ihm „sehr zerschlagen“ entgegengekommen. „Sehen Sie, was sie mit uns gemacht haben“, sagte er. In seinem zerrissenen Nachthemd und mit blutbeflecktem Oberkörper stand er da, hilflos inmitten der angerichteten Verwüstung, der Boden mit Scherben übersät, die Vorhänge heruntergerissen.

Metzgers hatten das Glück, dass ihre Wohnräume im ersten Stock lagen und deswegen nicht so leicht zu stürmen waren. Kurz vor 5 Uhr begann hier der Radau. Mit Holzscheiten aus einem auf der Straße liegenden Haufen und Steinen, die eine Nachbarin in ihrer Schürze eilfertig aus der Hinteren Gasse herbeischleppte, wurden die großen Schaufensterscheiben des Textil-Ladens im Erdgeschoss und die Fenster im darüber liegenden Wohnbereich eingeschmissen, wobei sich besagte Nachbarin auch selbst nach Kräften beteiligte. Eine Leiter wurde angeschleppt und angelehnt. Darauf, in die Wohnung einzusteigen, verzichtete man dann doch, aber mehrere große Steinbrocken, die ins Schlafzimmer des Sohns, Wilhelm, geschleudert wurden und auf seinem Bett landeten, hätte ihn ohne Weiteres töten können, hätte er denn drin gelegen. (Er besuchte aber seit Neuestem die jüdische Schule in Ulm und kam nur noch am Wochenende heim – die Horst-Wessel-Oberschule, an der er lange Klassenbester gewesen war, hatte er im Oktober verlassen müssen.)

Hier waren es nicht das Ehepaar Metzger – das verharrte, muss man annehmen, gelähmt vor Angst im Dunkeln, während man unten an der Haustür rüttelte und Schmähungen und Drohungen hinaufschrie –, sondern die „arische“ Mieterin im oberen Stockwerk, die aus dem Fenster nach der Polizei rief. Von unten kam höhnisch zurück: „Wir brauchen keine Polizei!“ Man fühlte sich sehr sicher.

Ein Dreher, der um 5 Uhr auf dem Weg zur Arbeit bei Voith die Hauptstraße hinunterging, sagte zu einem der beteiligten SA-Leute, den er kannte, was sie denn hier für einen Blödsinn machten, worauf der ihm zur Antwort gab, er solle weitergehen, sonst schlage er ihm mit dem Holzscheit über den Kopf. Dieser Arbeiter war der Einzige, der Einspruch erhob. Zwei Zeugen sagten später aus, auf der anderen Straßenseite sei Polizeirat Köhl vorbeigegangen, als man noch zugange war, ohne zu reagieren.

Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei.

Siebzig Jahre später erinnerte sich eine Frau, wie sie als kleines Mädchen auf dem Weg zur Schule morgens vorbeikam und verdutzt stehen blieb, als sie die zerborstenen Glasscheiben sah. Es seien mehr Leute auf der Straße gewesen als sonst, die hätten aber eher betreten geschwiegen.

Die ganze Aktion hatte insgesamt nicht mehr als eine halbe Stunde gedauert, von 4.45 bis 5.15 Uhr, vergleichsweise spät. Der dritten jüdischen Familie, die damals noch in Heidenheim lebte, Jontofsohns, geschah in dieser Nacht nichts. Jontofsohn hatte sein Optikergeschäft bereits 1935 aufgeben müssen. Seither lebte man eher im Verborgenen, abseits in Schnaitheim, zur Miete, und wäre schon dadurch geschützt gewesen, denn „arischer“ Besitz war tabu.

In manchen Orten kamen die Täter von außen, z. B. in Oberdorf/Ipf, wo der örtliche SA-Führer sich weigerte, die Synagoge anzuzünden oder in Göppingen, wo sie von SA-Leuten aus Geislingen in Brand gesteckt wurde; in Heidenheim waren es durchweg Einheimische, teils sogar aus enger Nachbarschaft.

Am vorangegangenen Abend hatte auf dem Platz bei der Herbert-Norkus-Schule, der heutigen Musikschule, die übliche Gedenkfeier für die „Gefallenen des 9. November“ stattgefunden, die dieses Mal, am 15. Jahrestag, noch etwas pathetischer ausgefallen war als sonst, mit Schweigemarsch und Fahnensprüchen und Landsknechtstrommeln, mit dem Lied vom guten Kameraden und markigen Worten des Kreisleiters („Das Kennzeichen unserer Zeit ist Härte“, aber: „Wir wissen, dass wir nicht mehr Amboss sind, sondern Hammer.“), die Szenerie in das flackernde Licht der Fackeln und Pylone getaucht: eine düstere, aufwühlende Mischung aus Todeskult und Drohung. Irgendwelche Anzeichen dafür, dass es in dieser Nacht gegen die Juden gehen sollte, hatte es aber nicht gegeben, Kreisleiter Maier hatte in seiner Rede den Anschlag des „jüdischen Mordbuben in Paris“ und den Tod v. Raths nur nebenbei erwähnt, als weiteres Beispiel für die zahlreichen „Blutopfer der Bewegung“. Nach dem „geschlossenen Abmarsch zum Haus der NSDAP“, dem Sitz der Kreisleitung und des SA-Sturms, wo „die Fahnen wieder feierlich eingebracht wurden“, hatte sich die Versammlung aufgelöst, und jeder war seines Weges gegangen. Weder war SA-Alarmbereitschaft angesetzt, noch, wie man später glaubhaft aussagte, intern Stimmung gegen die Juden gemacht worden.

Anführer des Mobs war der Führer des Heidenheimer SA-Sturms, Hanns Burkhardt, ein Voith-Ingenieur, der allgemein als rücksichtsloser Mensch und „grober Klotz“ bekannt und gefürchtet war, ein „alter Kämpfer“ reinsten Wassers, denn bei der SA war er schon 1923 gewesen, bevor die Hitler-Bewegung wegen des Münchner Putsches dann vorübergehend verboten wurde. 1930 wieder eingetreten, wurde er 1934 zum SA-Hauptsturmführer befördert.

Vor der Spruchkammer sagte er 1946 aus, er sei in den Morgenstunden des 10. November auf dem Alarmwege geweckt worden, er habe sich sofort auf seinem Dienstzimmer einzufinden. Dort habe ein schriftlich protokollierter Telefonanruf der SA-Standarte Geislingen vorgelegen, worin Richtlinien für die „Judenaktion“ aufgeführt waren. Er hatte zu melden, wie viele Fenster und wie viele Möbel zerstört wurden. Plünderungen waren untersagt. Bei seinem Eintreffen im Dienstzimmer habe er fünf bis sieben Angehörige seines Sturms vorgefunden. (An die Namen konnte er sich selbstverständlich nicht mehr erinnern.) Er habe sie instruiert und los ging's.

Die Aktion bei Vollweiler habe nur „etwa zwei Minuten“ gedauert. Etwas anderes als die Fenster einzuschlagen hätten sie nicht getan. Als sie unterwegs zu Metzger schon ein Stück von der Wohnung des Vollweiler entfernt gewesen seien, habe ihn einer seiner Leute darauf aufmerksam gemacht, dass ja der junge Vollweiler (Justin) auch in der Nähe wohne (Wilhelmstr. 11/1), er habe aber erwidert, ihre Arbeit reiche hier aus, und sie seien weitergezogen. Wenig später hätten sie die Hilferufe Vollweilers gehört. Wer nach ihrem Fortgang noch weiter „gegen Vollweiler eingeschritten“ sei, wisse er nicht; „soweit er sich entsinne“, sei es von seinen Leuten niemand gewesen, da sie gemeinsam zu Metzger gegangen seien.

Die Standarte sei hinterher „mit der Ausführung des Befehls nicht ganz einverstanden“ gewesen, da er nur die Zertrümmerung der Fensterscheiben habe melden können und „nicht weiter gegen die Juden eingeschritten war“. Aber die Sache sei ihm sowieso höchst unangenehm gewesen, weswegen er, weit davon entfernt, über den Rahmen des ihm Anbefohlenen hinauszugehen, nicht einmal das durchgeführt habe, was man von ihm verlangt hatte.

Burkhardt hätte demnach lediglich eine lästige Pflichtaufgabe erledigt, die er möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Wie weit dies von der Wahrheit entfernt ist, ist schwer abzuschätzen. Klar sollte sein, dass seine Gruppe stärker war als die angegebenen fünf bis sieben Mann. Dem oben zitierten Polizeimeister, der von 4 Uhr an Streifendienst hatte, war schon im Vorfeld aufgefallen, dass mehr als sonst auf den Straßen los war, dass insbesondere SA-Leute auf dem Fahrrad unterwegs waren. Auf der Hand liegt jedenfalls zweierlei:

- einmal, dass hier kein „Volkszorn“, wie in der offiziellen Rhetorik und auch im „Grenzboten“ für Heidenheim behauptet, spontan hochkochte, sondern dass die Aktion sachlich und kühl aus einer Zentrale heraus initiiert und gesteuert war;

- zweitens, dass andererseits aber auch nicht nur Burkhardts SA am Werk war. Nachdem die Randale einmal ausgelöst war, gesellten sich alsbald noch andere hinzu, und nicht nur mehr oder weniger entsetzte Zuschauer. Freilich äußerte sich hier nicht ein „heiliger Zorn“ (Grenzbote), sondern Niedertracht und auftrumpfende Destruktivität, der „Radau-Antisemitismus“ der kleinen Spießer, die die Gelegenheit nutzten, an den Juden wohlfeil ihr Mütchen zu kühlen. Später wollte es natürlich keiner gewesen sein. Manche sind bis heute hartnäckig als Beteiligte im Gespräch, die sich nach 1945 vermittels eines fadenscheinigen Alibis oder „Persilscheins“ reinzuwaschen vermochten. Mancher mochte im Krieg auch gefallen sein.

Dass man zuerst zu Vollweiler ging, war aus verschiedenen Gründen naheliegend: nicht nur, weil sein Haus tatsächlich näher lag, es war auch taktisch klüger, denn das Polizeiamt war nicht weit, und man konnte ein unnötiges und peinliches Zusammentreffen besser vermeiden, wenn man den Überraschungseffekt für sich hatte und sich von ihm wegbewegte; zudem war „Viehjud“ Vollweiler für die Nazis schon immer das größere Hassobjekt gewesen, und seine Wohnverhältnisse waren allseits bekannt. Im Fall Metzgers war das nicht so, was – drittens – auch zeigt, wie wenig vorbereitet das Ganze war. Burkhardt musste bei einem Parteigenossen in der Hinteren Gasse erst klingeln, um zu erfahren, wo genau Familie Metzger ihre Wohnräume habe.

Am Morgen wurden Arthur Metzger und Vollweilers Söhne Justin und Werner festgenommen und zwei Tage darauf in einem Sammeltransport nach Dachau verbracht. In einem Blitzfernschreiben Heydrichs, das noch in der Nacht um 1.20 Uhr an die Staatspolizeileitstellen gegangen war, war angeordnet worden, dass „gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters, insbesondere wohlhabende“, festzunehmen seien. (Reichsweit wurden an die 30 000 Juden nach Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen verschleppt. Sie kamen in der Regel erst nach Auswanderungserklärungen wieder frei. Sinn des Verfahrens war wohl der, möglichst schnell an ihr Vermögen zu gelangen.)

Dass Liebmann Vollweiler mit seinen 63 Jahren davon nicht betroffen war, hatte er u. U. Köhl zu verdanken, der der Familie später anscheinend auch bei der Auswanderung in die USA half. Aber zwei Wochen musste er dann doch noch ins Gefängnis, in Heidenheim und Stuttgart.

Die übrigen männlichen Juden, die sich noch in Heidenheim aufhielten, wurden verschont, sei's aufgrund ihrer Jugend (Viktor Vollweiler und Wilhelm Metzger waren noch keine 18), sei's, weil Heydrichs Kriterien auch sonst nicht auf sie zutrafen: So ließ man den 65-jährigen, völlig verarmten Hugo Jontofsohn und seinen 27-jährigen, aber psychisch labilen Sohn Hans vorläufig in Ruhe.

Was die Betroffenen in dieser Nacht durchlebten, muss in ihrem Gemüt tiefe Spuren hinterlassen haben. Ihr Alltag war bis dahin gewiss zunehmend beschwerlich geworden, sie wurden ausgegrenzt, diffamiert und schikaniert, wo es nur ging, aber jetzt war eine Schwelle überschritten, der letzte Rest innerer Sicherheit dahin. Ilse Wolf geb. Vollweiler, die bereit zur Auswanderung nach Argentinien, wenige Tage zuvor mit ihrer Familie aus Pforzheim für die letzte Zeit nach Heidenheim übersiedelt war: „In den Nächten bis zu unserer Ausreise konnten wir nicht mehr schlafen.“ (Diese Ausreise war zehn Wochen später.) Metzgers, denen es nicht gelang, sich ein Ausreisevisum zu besorgen, konnten vielleicht nie mehr ruhig schlafen.

Für die Schäden mussten die Juden selbst aufkommen, die fälligen Versicherungsleistungen wurden vom Staat beschlagnahmt. Tagelang boten die provisorisch mit Karton gesicherten Fenster nur unzureichend Schutz gegen die Kälte. Kreishandwerksmeister Oscar Speth schrieb am 10. November an die hiesigen Glasermeister, es werde erwartet, dass sich keiner dazu hergebe, die „für Juden in letzter Zeit entstandenen (!) Fensterschäden zu beheben“. Glaser Adolf Keller kassierte einen Verweis, weil er Vollweilers 34 zerstörte Fenster trotzdem herrichtete, ohne eine Genehmigung dafür abzuwarten.

Die beiden Vollweiler-Söhne kehrten am 8. Dezember aus der „Schutzhaft“ in Dachau zurück (eine Haftentschädigung erhielten sie nach 1945 nicht, weil sie keine 30 Tage im KZ waren), Arthur Metzger, sehr abgemagert, am 17. Jeden Tag sei er geschlagen worden, sagte er bitter, er, der im Krieg für Deutschland gekämpft und seinen Sohn nach Kaiser und König benannt hatte. Im Schaufenster hatte er sein EK II ausgelegt gehabt, um seinen Patriotismus zu beweisen. Am 10. November war es unter Scherben verschwunden.

Das Geschäft hatte Metzger schon vor der „Kristallnacht“ in einem Vertrag, der zum 1. Januar 1939 wirksam wurde, an einen „arischen“ Textilhändler verpachtet. Während seiner Abwesenheit waren hinter seinem Rücken jedoch schon die restlichen Bestände aus dem Warenlager an die Heidenheimer Kaufleute der Branche verkauft worden, und zwar durch einen aus ihrer Mitte heraus bestellten „Treuhänder des Einzelhandels“: Die Konkurrenz durfte sich bedienen. „Auf seinen späteren Protest gegen diesen Vorgang drohte ihm einer dieser Enteignungsgruppe mit sofortiger erneuten Verhaftung.“ (Arthurs Bruder Samuel Metzger, 1950) In welchem Ausmaß (und ob überhaupt) der Erlös aus dem Zwangsverkauf ihm zugutekam, ist nicht bekannt.

Juden waren seit dem 1. Januar 1939 durch Gesetz vom 12. November sowieso endgültig aus dem Geschäftsleben ausgeschaltet. In Zukunft lebte man von der Substanz, so man hatte. Für Vollweiler und Metzger griff noch die von Göring am selben 12. November den deutschen Juden in ihrer Gesamtheit auferlegte „Sühneleistung“ für die „feindselige Haltung“, welche sie „gegenüber dem deutschen Volk und Reich, die auch vor feigen Mordtaten nicht zurückschreckt“ angeblich eingenommen hatten. Von Jontofsohns war nichts zu holen. Sie bezahlten später mit ihrem Leben. Soweit ersichtlich, wurden für die Vorgänge in der Pogromnacht in Heidenheim nur zwei der Täter, bei denen sich wirklich nichts abstreiten ließ, zur Rechenschaft gezogen.

Zu sechs Monaten Arbeitslager verurteilt

Das war zum einen die Frau mit der Schürze, eine gewisse Käthe Ehmer. Im Gespräch mit einem Bekannten hatte sie sich tags danach lachend gebrüstet: „Den Juden haben wir es aber richtig besorgt.“ Sie sei anschließend noch zur Wohnung von Vollweiler gegangen, aber hier sei (leider) schon alles ruhig gewesen. Ihr Spruchkammerverfahren war 1947 zunächst eingestellt worden. Nachdem aber die Vorgänge um die „Judenaktion“ („Kristallnacht“ sagte damals hier keiner) etwas genauer bekannt wurden, wurde es neu aufgenommen, und sie wurde im Februar 1949 als „Belastete“ zu sechs Monaten Arbeitslager und einem Verlust von 20 Prozent ihres Vermögens verurteilt. In der Berufung wurde dieser Spruch im November 1949 im Grundsatz bestätigt, jedoch das Strafmaß herabgesetzt auf 90 Tage Sonderarbeit (von der sie dann aus gesundheitlichen Gründen freigestellt wurde) und 10 Prozent Vermögensverlust.

Burkhardt wurde im Februar 1947 in die Kategorie I, „Hauptschuldiger“, eingereiht, Strafmaß: sieben Jahre Arbeitslager, Einzug des Vermögens, Berufsbeschränkungen, er sollte zu „nicht anderen als gewöhnlichen Arbeiten“ mehr eingestellt werden dürfen. Immerhin hatte er als Einziger der infrage Kommenden ein Wort des Bedauerns über „die Vorgänge der damaligen Zeit“ gefunden und hinzugefügt: „Zu meiner wenigstens teilweisen Entschuldigung darf ich aber bemerken, dass die Gruppe, bei der ich beteiligt war, sich aufgrund meines Einwirkens auf die Zerstörung von Fensterscheiben beschränkte, nicht plünderte, nicht in die Wohnungen eindrang und dort Schäden anrichtete und auch die jüdischen Bewohner nicht belästigte.“

In der allfälligen Berufung wurden im Dezember 1947 lediglich die sieben Jahre Lagerhaft auf fünf herabgesetzt; für die Ausschreitungen sei Burkhardt trotz verschiedener Umstände, die zu seinen Gunsten sprächen, letztlich doch verantwortlich. Er habe sich aktiv daran beteiligt und zum Beispiel ja auch nicht verhindert, dass Vollweiler misshandelt wurde, obwohl er seine Hilferufe hörte.

Aus dem Interniertenlager in Ludwigsburg wurde Burkhardt am 12. April 1949 entlassen. 1952 hob die Zentralspruchkammer in Stuttgart in einem Wiederaufnahmeverfahren alle Entscheidungen auf. Die „Judenaktion“ wurde in der Begründung gar nicht mehr erwähnt. Im Wiederaufnahmeantrag hatte sich Burkhardts Schuld vollends und ohne Rückstände verflüchtigt: „Er hat nur einen ihm gegebenen Befehl befolgt, sich dabei aber sogar widersätzlich benommen.“ Und: „Falls der Betroffene bei der Aktion in dieser Nacht nicht beteiligt gewesen wäre, wäre sicher mehr Unheil geschehen.“ Alfred Hoffmann

Info: In der Reichskristallnacht, auch Reichspogromnacht genannt, vom 9. auf den 10. November 1938 kam es im gesamten Deutschen Reich zu Gewaltausschreitungen gegen Juden. Menschen wurden ermordet oder in den Suizid getrieben, zudem Synagogen, Versammlungsräume, Wohnungen, Geschäfte und Friedhöfe zerstört. Die Ausschreitungen waren vom nationalsozialistischen Regime organisiert und gelenkt und gelten als Übergang von der Diskriminierung der Juden hin zu deren systematischer Verfolgung. Als Anlass für die Ausschreitungen wurde der Tot des Legionrats der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan angeführt.

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