Kinder Alles nur Doktorspiele?

Nur Spiel oder doch mehr?
Nur Spiel oder doch mehr?
Heidenheim / Karin Fuchs 06.03.2014
Sexualerziehung schon im Kindergarten? Ein Interview mit den Fachfrauen Christine Neubauer und Jutta Dorsch. Die Fachfrauen der Beratungsstelle im Landkreis haben ein Interventions-Schema erarbeitet, wie Eltern und Erzieher bei sexuellen Übergriffen reagieren können.
Wenn der sechsjährige Dennis der vierjährigen Mandy an die Wäsche geht, dann sind Grenzen überschritten: Sexuelle Übergriffe unter Kindern nehmen laut diversen Studien zu. Deshalb wurden über 50 Erzieherinnen aus dem Landkreis bei einem Fachtag der Gruppe „Kiga-Aktiv“ darin eingewiesen, wie sie richtig reagieren können.

Muss man das Thema Sexualität denn jetzt schon im Kindergarten aufgreifen? Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Neubauer: Das ist nicht zu früh. Sexualerziehung wird im Kindergarten zum Thema.

Dorsch: Das ist Prävention. Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen, sie erleben Lust, haben Interesse und Neugier für ihren Körper. Wenn sie das unbefangen ausleben können und dabei Regeln und Grenzen gesetzt werden, trägt das dazu bei, dass Kinder gewaltfrei aufwachsen können.

Ab wann werden die Doktorspiele zum Problem?

Neubauer: Wenn Grenzen anderer Kinder verletzt werden.

Gibt es denn solche Fälle von sexuellen Übergriffen unter Kindern im Landkreis?

Neubauer: Ständig. Es ist nicht so, dass jede Woche einer auftritt. Aber wir halten fortwährend Fortbildungen für Erzieher, wo es darum geht, wie man sexuelle Aktivitäten von sexuellen Übergriffen deutlich unterscheiden kann und wie man Kinder schützt vor Übergriffen. Wir zeigen, wie man einen guten Rahmen schafft für eine gesunde sexuelle Entwicklung.

Wie erkennt man den Unterschied zwischen gesunder sexueller Aktivität und einem sexuellem Übergriff?

Neubauer: Ich erkläre das am besten an Beispielen: Wenn zwei Kinder sich in der Kuschelecke treffen, sich anschauen, wenn es um Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen geht, dann ist das eine sexuelle Aktivität. Wenn es um Grenzverletzung geht, wenn es ein großes Macht- oder Altersgefälle gibt, wenn Kinder gegen ihren Willen berührt werden, wenn Kinder bei einem bestimmten Spiel mitmachen müssen. Wenn Schamgrenzen verletzt werden, zum Beispiel da geht jemand mit aufs Klo und schaut zu, dann sind das sexuelle Übergriffe.

Wie bekommt eine Erzieherin oder ein Elternteil mit, dass so etwas passiert?

Neubauer: Kinder sind da offen. Sie kommen zur Erzieherinnen und sagen: „Ich möchte das nicht mehr, dass der Dennis mein Pipi anfasst.“ Oder: „Ich möchte nicht, dass ich, wenn wir ins Lager gehen, meine Hose ausziehen muss.“

Dorsch: Es geht um Unfreiwilligkeit. Wenn ein Kind sagt, ich lade dich nur zu meinem Geburtstag ein, wenn Du mir dein Pipi zeigst, dann wird ein Druck aufgebaut. Es ist wichtig, dass ein Kind sich dann vertrauensvoll an seine Eltern wenden kann. So etwas braucht Korrektur. Es ist wichtig, dass Kinder merken, dass da was nicht stimmt, und dass sie merken, dass ihre Bezugspersonen das ernst nehmen.

Neubauer: Da sind wir beim Thema Sexualerziehung. Wenn das Kind eine Sprache dafür hat, dann kann es davon berichten.

Ist es eine andere Sprache als unter Erwachsenen?

Neubauer: Es gibt wunderschöne Materialien, wo man mit Kindern schön über Sexualität sprechen kann. Immer altersgerecht und vor allem wertegebunden. Es ist spannend, mal dem nachzugehen, was ein dreijähriges Kind weiß, welche Worte hat es. Es ist wichtig, dass jedes Kind Worte für Sexualität hat. Früher war das doch so, die Aufklärung ging von oben nach unten. Da haben die Kinder die Aufklärung untereinander weitergegeben. Das war wenig wertschätzend, es ging um Techniken. Der Beziehungsaspekt jedoch ist viel zu kurz gekommen. Heute haben wir die Möglichkeit, das Wertschätzende von Anfang an mit einfließen zu lassen. Was man in diesem frühen Stadium gut macht, wird später Früchte tragen.

Ist es ein Unterschied zwischen Mädchen und Jungs? Sind Mädchen öfter betroffen in ihren Fällen?

Neubauer: Mädchen sind prinzipiell öfter von Übergriffen betroffen.

Dorsch: Jungs merken durch die geschlechtspezifische Erziehung, dass sie mit sexualisierter Sprache Druck und Macht aufbauen. Das entspricht immer noch mehr diesem männlichen Rollenverständnis. Da geht es nicht an erster Stelle um Sexualität, sondern es geht um Macht und Dominanz.

Neubauer: Jungs spüren sehr genau, wann sie Macht haben. Wenn sie Mädchen zum Beispiel beschimpfen mit Hure oder Schlampe. Das wirkt verletzend.

Dorsch: Da denkt man, die wissen doch gar nicht, was das heißt. Aber sie sehen, was ihre Worte bewirken. Wir sind für eine wertschätzende, schöne Sprache für Sexualität, die nicht abwertend ist.

Was kann die Erzieherin tun in so einem Fall, wenn das Kind kommt und sagt, es wird belästigt?

Neubauer: Dann geht die Erzieherin am besten nach unserem Interventionsschema vor. Das heißt, dieses Kind muss man wirklich ernst nehmen, nicht abtun und nicht sagen: „Du folgst ja auch nicht immer.“ Sondern das Kind geht vor. Man muss das Kind trösten und ihm die Sicherheit geben: Ich kümmere mich darum. Und das Kind ermutigen: „Melde dich wieder, wenn so etwa passiert.“ Wenn das Kind in einer solchen Situation keine Hilfe bekommt, dann passiert etwas ganz Negatives: Es wird beim nächsten Mal nichts mehr sagen. Und damit ist es gefährdet für weitere Übergriffe.

Dorsch: Wenn das Kind dadurch meint, es sei erlaubt, wenn jemand über die Grenzen geht, dann glaubt das Kind, es müsse Unerlaubtes einfach Erdulden.

Und wie geht man mit dem Kind um, das die Übergriffe gemacht hat?

Neubauer:
Man signalisiert ihm ganz deutlich, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Es ist wichtig, dass es um das Verhalten geht und nicht darum, dass das Kind als Kind abgewertet wird. Und dieses Kind muss Grenzen gesetzt bekommen. In diesem Zusammenhang muss ich etwas Grundsätzliches zu Tätern sagen: Man hat festgestellt, dass die meisten erwachsenen Täter auch schon früher auffällig waren. Und da sind eben keine Grenzen gesetzt worden. Wenn jemand die Erfahrung macht: Ich kann mir Dinge herausnehmen und das wird nicht geklärt, dann geht das weiter. Es ist also eine gute Prävention, schon im Kindergarten auf diese missachtende Sexualität zu achten. Letztendlich ist Prävention in diesem Bereich Kinderschutz.

Das Kind geht nicht zur Erzieherin, sondern geht heim zur Mama und berichtet. Was raten Sie Eltern?

Neubauer:
Sofort Kontakt mit der Erzieherin aufnehmen. Nicht auf Elternebene mit anderen Eltern diskutieren. Und es ist wichtig, dass die Eltern dem Kind signalisieren, dass man sich darum kümmert.

Dorsch: Und man soll das Kind darin bestärken, dass es richtig war, es zu erzählen, und es nichts mit petzen zu tun hat.

Neubauer: Das ist eine Erfahrung fürs Leben: Wenn ein Kind merkt, ihm wird geholfen, dann wird es sich das nächste Mal wieder an einen Erwachsenen wenden.

Zurückkommend auf die Anfangsfrage: Wie erfahren Sie von den Übergriffen hier im Landkreis?

Neubauer: Wir erfahren direkt von der Beratungsstelle für sexuelle Gewalt davon. Manchmal rufen auch Erzieherinnen an und berichten, dass bei ihnen etwas passiert sei und sie es nicht einschätzen können.

Dorsch: Wir selbst intervenieren nicht, sondern wir bieten den Workshop an für Fachleute. Unser Job ist es, einen Leitfaden zu geben, wie man mit solchen Fällen umgeht.

Hat die Zahl der Fälle zugenommen oder liegt es daran, dass es die Beratung gibt?

Dorsch:
Die Fälle sexueller Übergriffe unter Kindern nehmen zu. Es kann schon sein, dass es daran liegt, dass es offener thematisiert wird. Vielleicht ist früher mehr unter den Tisch gekehrt worden. Das wissen wir nicht.

Mit Jutta Dorsch und Christine Neubauer sprach Karin Fuchs
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