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United Tribuns
Heidenheim / Maximilian Haller Das ehemalige Mitglied der rockerähnlichen Gruppierung war unter anderem wegen Drogenhandels und Urkundenfälschung angeklagt. Vor Gericht präsentierte er sich als geläuterter Mann.

Noch vor Verhandlungsbeginn wird deutlich, dass es sich bei dem 28-Jährigen, der später den Saal betreten wird, um keinen gewöhnlichen Angeklagten handelt: Mehrere Polizeibeamte bewachen den Eingang zum Heidenheimer Amtsgericht, an einer Sicherheitsschleuse werden Taschen kontrolliert. Bei dem Angeklagten handelt es sich um den ehemaligen Vizepräsidenten der rockerähnlichen Gruppierung United Tribuns. Vor Gericht musste er sich am Montag wegen Drogenhandels, Fahrens ohne Führerschein sowie Urkundenfälschung verantworten.

Das hohe Sicherheitsaufgebot galt dem eigenen Schutz des 28-Jährigen. Im Oktober vergangenen Jahres sagte er vor dem Landgericht Ellwangen als Kronzeuge gegen den Ex-Chef der Tribuns, Cihan O., aus. Dieser wurde mitunter dank der Aussagen des nun Angeklagten wegen Drogenhandels, Betrug und Geldfälschung zu vier Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Auf Koks und viel zu schnell

Dem ehemaligen Vizepräsidenten der United Tribuns selbst wurde vorgeworfen, 15 000 Euro Falschgeld von Cihan O. erhalten zu haben mit dem Auftrag, dafür drei Kilo Marihuana zu kaufen. Zudem fuhr er in insgesamt sieben Fällen ohne Führerschein. In einem dieser Fälle war er unter Kokaineinfluss mit überhöhter Geschwindigkeit durch eine Baustelle gefahren – dummerweise überholte er dabei eine Polizeistreife, die in Zivil unterwegs war und ihn schließlich stellte.

Direkt zu Beginn der Verhandlung räumte der Angeklagte die Vorwürfe in vollem Umfang ein. Die Taten habe er in einem früheren Lebensabschnitt begangen, den er nun hinter sich gelassen habe. Inzwischen habe der Ex-Vizechef mit allen rockerähnlichen Gruppierungen gebrochen und konzentriere sich ganz auf seine Therapie.

Dem stand entgegen, dass die Drogenfahrt des Angeklagten nur zwei Wochen nach dessen Aussage vor dem Landgericht Ellwangen stattfand – schon damals behauptete der 28-Jährige, seine kriminelle Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Im Amtsgericht erklärte er den Rückfall so, dass er von Cihan O.s Bruder bedroht, verleumdet und angezeigt worden sei. Durch den hohen Druck sei er in seine Sucht zurückgefallen.

Ein geläuterter Mann?

„Die Situation ist schwierig“, fasste der Erste Staatsanwalt Dr. Jürgen Hermann den Prozess zusammen. Auf der einen Seite habe sich der Angeklagte geständig gezeigt und maßgeblich zur Aufklärung des Falls Cihan O. beigetragen. Auf der anderen Seite stehe das Vorstrafenregister des 28-Jährigen, zu dem unter anderem Sachbeschädigung, Hehlerei und Körperverletzung zählen, sowie die Autofahrt unter Kokaineinfluss. „Ich habe das überhaupt nicht verstanden“, sagte Hermann kopfschüttelnd. Den ursprünglichen Gedanken, für eine Bewährungsstrafe zu plädieren, habe er verworfen, nachdem er von der Drogenfahrt erfahren habe. Der Staatsanwalt forderte deshalb zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe sowie eine Geldstrafe in Höhe von 2500 Euro.

Rechtsanwalt Franz Wittl sprach von einem „außergewöhnlichen Fall“. Sein Mandant habe trotz des enormen Drucks, den er als Aussteiger aus der rockerähnlichen Gruppierung erfahren habe, zu seiner Aussage gestanden und diese auch vor dem Landgericht in Anwesenheit seines früheren Freundes und Tribuns-Vorgesetzten Cihan O. wiederholt. Zudem sei der 28-Jährige aufgrund von Vorfällen in der Vergangenheit psychisch krank und tablettenabhängig. Wittl sah daher eine Bewährungsstrafe als angemessen an.

Eine allerletzte Chance

„Die Entscheidung war in Ihrem Fall überhaupt nicht leicht“, sagte der Vorsitzende Richter Rainer Feil mit Blick auf den Angeklagten. Letztlich lautete das Urteil zwei Jahre Freiheitsstrafe, diese können jedoch auf drei Jahre zur Bewährung ausgelegt werden. Zusätzlich muss der Ex-Vizechef 2500 Euro Strafe zahlen und ihm darf anderthalb Jahre lang kein neuer Führerschein ausgestellt werden. Nur ganz knapp entging der 28-Jährige damit einer Gefängnisstrafe. Ausschlaggebend sei laut Feil gewesen, dass der Angeklagte es mit seinem Lebenswandel ernst meine. „So ein Bruch funktioniert nicht von einem Moment auf den anderen“, erklärte Feil. Rückfälle wie die Drogenfahrt dürften dabei aber nie wieder vorkommen.

Rockerkriminalität in Heidenheim:

Ein Gespräch mit dem jahrelangen Polizeihauptkomissar Camillo Quattrone gibt es hier im Podcast „Unterm Dach“ der Heidenheimer Zeitung.

Opfer der Schießerei vom April 2016

Der Bruder des Angeklagten war selbst einmal Vizepräsident des Heidenheimer Chapters der United Tribuns. Bei einer Schießerei mit der rivalisierenden Gruppierung Black Jackets im April 2016 in der Clichystraße wurde er durch Schüsse tödlich verletzt. Den Angeklagten selbst traf ein Bauchschuss. Er lag im Anschluss eine Woche lang im Koma und musste sich in den folgenden Monaten mehrere Operationen unterziehen.

Der Vorfall habe ihn schwer traumatisiert, sagte der 28-Jährige vor Gericht aus. Seither habe er immer wieder Panikattacken und sei als Folge dessen von dem im ärztlich verschriebenen Medikament Lyrica abhängig. Seine Tablettensucht wolle er nun in einer stationären Therapie in den Griff bekommen.