Heidenheim Alle Träume im Alkohol versenkt

Nicht zum ersten Mal stand ein 42-Jähriger jetzt vor Gericht.
Nicht zum ersten Mal stand ein 42-Jähriger jetzt vor Gericht. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Michael Brendel 22.09.2018
Immer wieder begeht ein 42-jähriger Syrer Diebstähle, um seine Alkoholabhängigkeit zu finanzieren. Jetzt erhält er dafür vor dem Amtsgericht eine Freiheitsstrafe und wird in eine Entziehungsanstalt eingewiesen.

Der mit teilnahmsloser Miene den Gerichtssaal betretende Mann macht einen gepflegten Eindruck: Hemd, Pullover, akkurat gestutzter Bart. Aber etwas zerstört die Fassade der Normalität: Er ist an Händen und Füßen gefesselt wird von zwei Justizbeamten begleitet. Es ist das Spiegelbild eines früh aus den Fugen geratenen Lebens, dessen Tage momentan hinter Gefängnismauern verrinnen.

Und jetzt also das nächste Kapitel in der Vita des Mannes, der seinen Schilderungen zufolge schon in seiner Heimat Syrien den Halt verliert. Zunächst arbeitet er in der Landwirtschaft seines Vaters mit, nach dessen Tod dann auf eigene Rechnung. Während des Militärdienstes beginnt er zu trinken, verliert deshalb seine berufliche Existenz und seine Familie.

Nur betrunken mutig

Als längst der Bürgerkrieg tobt, reist er 2016 seiner Frau und den vier Kindern nach Deutschland hinterher. Ein dauerhafter Kontakt kommt nicht mehr zustande. Stattdessen beginnt ein Kreislauf, dem der 42-Jährige nicht zu entrinnen vermag: Immer wieder versäumt er Termine beim Job-Center, erhält keine Leistungen. Also stiehlt er Alkohol oder zu Versilberndes, um seine Sucht befriedigen zu können. Den Mut dazu bringt er aber nur auf, wenn er zuvor getrunken hat.

Diese Abwärtsspirale mündet direkt in eine Gefängnisstrafe. Und nun muss entschieden werden, wie die rund ein Dutzend Taten zu ahnden sind, die unmittelbar auf den Urteilsspruch von vergangenem Jahr folgen. Zwischen Dezember 2017 und April 2018 schlägt der Mann immer wieder zu. Mal lässt er in einem Modegeschäft eine Jacke mitgehen, mal eine Schachtel Zigaretten oder ein Handy-Ladekabel, mal Pfandflaschen aus dem Abstellraum eines Imbiss beim Bahnhof in großer Zahl.

Der ärgste Schaden entsteht, als er aus dem Lager einer Gaststätte 44 Flaschen Schnaps und aus einem Elektronikgeschäft in der Innenstadt Handys und ein Laptop entwendet. Weil er mehrmals ein Klappmesser bei sich trägt, von dem er aber keinen Gebrauch macht, ist er unter anderem des Diebstahls mit Waffen angeklagt.

Besonders dreist: Als er ein konfisziertes Handy bei der Polizei abholen will, steckt er in einem unbeobachteten Moment eine zuvor bei ihm entdeckte und jetzt dort verwahrte goldene Uhr wieder ein.

Dr. Fabian Lang, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sagt, beim Angeklagten bestehe der Hang, Alkohol im Übermaß zu konsumieren. Den Worten des Gutachters zufolge lässt sich aus dieser Abhängigkeit aber keine Schuldunfähigkeit ableiten. Er begründet das zum einen mit den während der Taten an den Tag gelegten feinmotorischen Fertigkeiten, zum anderen mit den vom 42-Jährigen auch während seiner anhaltenden Alkoholisierung gepflegten sozialen und familiären Beziehungen. Auf der anderen Seite hat der lange Aufenthalt im Trinkermilieu schwere körperliche Schäden hinterlassen, etwa eine Fettleber und ein Magengeschwür.

Eine wesentliche Voraussetzung für eine Langzeittherapie im Maßregelvollzug sieht Lang gegeben: die Motivation des Betroffenen. „Ich möchte gerne das Alkoholproblem hinter mir lassen“, übersetzt der Dolmetscher, weshalb auch die Staatsanwältin diese Sanktion für angeraten hält. Sie plädiert auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, während Verteidiger Dr. Stephan Bauer ein erheblich darunter liegendes Strafmaß als angemessen erachtet.

Umfassendes Geständnis

Bauer betont das umfassende Geständnis seines Mandanten und gibt zu bedenken, dass ohne eine Behandlung der Alkoholabhängigkeit weitere Straftaten erwartet werden müssten. Die Untersuchungshaft und das Verfahren seien „die letzte Chance, vom Alkohol loszukommen“.

Amtsrichter Dr. Christoph Edler verurteilt den Angeklagten schließlich wegen Diebstahls, Diebstahls mit Waffen und Verwahrungsbruchs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Außerdem ordnet er die Unterbringung des 42-Jährigen, der auch die Verfahrenskosten zu tragen hat, in einer Entziehungsanstalt an.

„Seit Beginn Ihres Aufenthalts in Deutschland sind sie ständig strafrechtlich in Erscheinung getreten“, so Edler. „Sie sind ein Intensivtäter, der in kürzester Zeit extrem viele Straftaten begangen, teils erheblichen Schaden verursacht und die Menschen in Heidenheim verunsichert hat.“ Da die Einbrüche verübt worden seien, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Alkoholsucht zu finanzieren, müsse von Gewerbsmäßigkeit ausgegangen werden.

Laut Edler ist ein Klappmesser als gefährlicher Gegenstand einzustufen, die Absicht, es auch wirklich einzusetzen, nicht maßgeblich. Aufgrund der schlechten Sozialprognose sei an eine Bewährungsstrafe nicht zu denken.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel