Heidenheim Abzockern auf den Leim gegangen

Nicht alle Handwerker sind seriös und liefern gute Arbeit ab.
Nicht alle Handwerker sind seriös und liefern gute Arbeit ab. © Foto: roboriginal - stock.adobe.com
Heidenheim / Manuela Wolf 09.10.2018
Ein Mergelstetter Rentnerpaar wurde von „Dachhaien“ überrumpelt. Nun ist repariert, was gar nicht kaputt war. Wie konnte das passieren?

Jeder hat sie schon mal gehört, die Geschichte von den fiesen Betrügern, die arglosen Rentnern zwischen Tür und Angel das Geld aus der Tasche ziehen. Da steht plötzlich ein Handwerker im Hof, weist auf Mängel an Dach, Fassade oder Fenstern hin, findet bei der Begutachtung einen noch viel größeren Schaden, unterbreitet ein überteuertes Angebot und lässt den Vertrag gleich am Küchentisch unterschreiben. Auch Udo Weber kennt die Story. Dass er sich trotzdem von Dach-Haien überrumpeln ließ, hat ihm mehr als nur eine schlaflose Nacht bereitet.

Es war ein Montag im Mai, es klingelte unerwartet an der Türe, Udo Weber öffnete. Ein fachkundiger Dachdecker hatte angeblich von der Straße aus entdeckt, dass am First der Abschlussdeckel fehlt, der Vögeln und anderen Tieren den Zugang zum Haus verwehren soll. Schon da hätte der Rentner hellhörig werden sollen. Eigentlich ist die Stelle nur vom Garten aus einsehbar. Aber das Mergelstetter Ehepaar geriet in Sorge. Schon einmal hatten sie einen Marder auf dem Dachboden gehabt. Das Verschließen der Öffnung veranschlagte der Mann mit 50 Euro. Er kündigte an, in den nächsten Tagen einen Kollegen vorbeizuschicken.

Schon am folgenden Nachmittag kam erneut ungebetener Besuch. Ein anderer Mitarbeiter der Urbacher Firma schaute auf dem 30 Jahre alten Dach nach Mängeln. Schnell war der Umfang des Schadens ausgemacht: Putz am Kamin abgebröckelt, Abschlussziegel am First locker, mehrere Dachziegel beschädigt. Ein schick gekleideter Vertreter tippte die Eckdaten in den Laptop und präsentierte wenige Minuten später ein Angebot: 4700 Euro, schon am Mittwoch sollten die Arbeiter anrücken.

Ungutes Gefühl

Udo Weber weiß wie gesagt genau, dass man Verträge nicht am Küchentisch unterschreiben soll. Trotzdem griff er zum Kugelschreiber. „Die haben uns überrumpelt“, sagt er. „Als Laie kennt man sich ja nicht aus. Wenn einer sagt, am Dach ist was kaputt, will man, dass das in Ordnung gebracht wird. Außerdem war das eine schwäbische Firma, da habe ich automatisch Vertrauen.“

Kaum waren die Dachdecker gegangen, beschlich den 66-Jährigen trotzdem ein ungutes Gefühl. Er versuchte, die Geschäftsleitung des Betriebs zu erreichen – vergeblich. Er kalkulierte die Kosten übers Internet und kam zu dem Schluss, dass das Angebot überteuert war. Dann las er die Rücktrittsklausel, die eine schriftliche Form vorschrieb. „Ich hatte schlichtweg keine Möglichkeit, vom Vertrag zurückzutreten. Deshalb habe ich kurz überlegt, ob ich die Leute am nächsten Morgen wegschicken soll. Aber wer weiß, wie teuer ich ihnen den Ausfall hätte bezahlen müssen, und ich hätte nicht mal eine Gegenleistung dafür bekommen.“ Also ließ er den Handwerker und dessen Helfer, die tatsächlich in aller Früh anrückten, ihre Arbeit machen. Innerhalb von sieben Stunden war alles erledigt.

Kontrolle durch Fachmann

Weber bat tags drauf einen hiesigen Dachdecker-Spezialisten um Nachkontrolle. Der Fachmann fand keinen Grund zur Beanstandung der erledigten Reparaturen. Allerdings kam er bei seiner großzügigen Kostenschätzung auf lediglich 2900 Euro, außerdem waren einige Arbeiten überflüssig gewesen. Besonders dreist fand er die Art und Weise der Abrechnung. Laufende Meter Dach statt tatsächlich benötigtem Material und mehr als 80 Euro Stundenlohn je Mitarbeiter – völlig unüblich für die Branche.

Der Rentner schrieb also eine Mail an die Firma, listete sämtliche Argumente für eine Kostenminderung auf und bot 2900 Euro plus 250 Euro Bonus an. Ohne Rechtsschutzversicherung, das war ihm klar, würde die Sache sonst auf einen Prozess hinauslaufen. Tatsächlich kam kommentarlos eine neue Rechnung mit der Post: Vorschlag angenommen, bitte überweisen sie 3150 Euro, vielen Dank für ihr Vertrauen!

Webers Frau Klara ist noch immer fassungslos angesichts der Dreistigkeit der Handwerker: „Was sind das nur für Menschen?“ Udo Weber hadert mit etwas ganz anderem: „Eigentlich bin ich ein cleveres Kerlchen“, sagt er. „In meinem ganzen Leben ist mir noch nie so etwas passiert. Und deshalb ärgere ich mich am allermeisten über mich selbst.“

Polizei rät zur Vorsicht

Im vergangenen Vierteljahr wurden bei der Polizei zwei Fälle von überhöhten Handwerkerrechnungen angezeigt, einer in Heidenheim und einer in Herbrechtingen. Die Betroffenen hatten in ihren Briefkästen Werbeflyer einer Dachreinigungsfirma gefunden. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sich das Unternehmen die als Schnäppchen angebotenen Arbeiten sehr teuer hatten bezahlen lassen. Es wird ermittelt.

Um sich vor unseriösen Handwerkern zu schützen, rät die Polizei, nicht auf Werbung in Briefkästen zu reagieren und darauf zu achten, dass der Handwerksbetrieb einen festen Firmensitz hat. In keinem Fall sollte Bargeld zur Besorgung von Material ausgegeben werden, denn in vielen Fällen kehren die Handwerker nie wieder zurück oder beginnen zwar mit den Arbeiten, bringen sie aber nicht zu Ende. Vertreter von nicht bestellten und nicht bekannten Firmen sollten niemals ins Haus gelassen werden. Weitere Informationen rund um das Thema zum Haustürbetrug gibt es auf der Internetseite der Polizei unter www.polizei-beratung.de.

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