Drogen Abhängige wollte Fentanyl aus Heidenheimer Apotheke besorgen

Fentanylpflaster aus der Apotheke: In der Drogenszene wird ein Rezept für ein solches Medikament mit rund 100 Euro gehandelt.
Fentanylpflaster aus der Apotheke: In der Drogenszene wird ein Rezept für ein solches Medikament mit rund 100 Euro gehandelt. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Erwin Bachmann 24.04.2017
Immer wieder erschwindeln sich Drogensüchtige Rezepte für das Fentanyl-Schmerzpflaster. In einer Heidenheimer Apotheke ist man stutzig geworden.

Das Handlungsmuster ist immer das gleiche: Sie täuschen Schmerzen vor und lassen sich von Ärzten spezielle, nur gegen Rezept erhältliche Schmerzpflaster verschreiben. Doch statt diese auf den Körper zu kleben, kochen die zumeist heroinabhängigen Rauschgiftsüchtigen die Textilträger aus, um dann die morphiumhaltigen Dämpfe zu inhalieren oder sich den starken Wirkstoff zu injizieren. Die Folgen sind nicht selten tödlich: Die Wirkung von Fentanyl ist etwa 300mal stärker als die von Morphin.

Schwerpunkt war der Ostalbkreis

Vor fünf Jahren hatten sich die Fälle in der Region gehäuft. Ein Schwerpunkt dieses ganz speziellen Geschehens war der Ostalbkreis, wo seinerzeit 17 Drogentote zu verzeichnen waren. Immer wieder waren auch arglos agierende Ärzte in die juristische Grauzone geraten. 2013 saß ein damals 30-Jähriger auf der Anklagebank des Amtsgerichts Heidenheim, dem vorgeworfen worden war, sich bei elf Ärzten Rezepte für Fentanyl-Pflaster besorgt zu haben, was in solchen Prozessen angesichts der nur simulierten Schmerzen als Betrug gewertet wird.

Später hatte sich der Fentanyl-Missbrauch in ostwürttembergischen Gefilden merklich beruhigt, was von Seiten der Ermittler auf die Strafverfahren und das damit verbundene mediale Echo zurückgeführt worden ist. Verschwunden ist die Fentanyl-Szene indes nicht, was der jüngste vorm Amtsgericht Ellwangen verhandelte Fall einer 42-jährigen Frau aus Bopfingen zeigt, die zu einer zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, weil sie das opiumartige Medikament in großem Stil erschwindelt hat.

Einer der Tatorte war auch Heidenheim. Hier war sie in einer Apotheke vorstellig geworden und hatte versucht, nahezu gleichzeitig sechs Rezepte für das Medikament Fentanyl auf ihren Vater einzulösen – was misstrauisch machte. In einer Aalener Notfallpraxis agierte die Frau ähnlich, kam gleich zweimal hintereinander wegen einer Verordnung vorbei – was am Ende die Polizei auf den Plan rief. Die nahm umfangreiche Ermittlungen auf, was in der Konsequenz zu einer umfangreichen Anklageschrift mit insgesamt 57 aufgelisteten Einzelfällen geführt hat. Die Methode, derer sich die Frau bedient hatte, war nach Darstellung der „Schwäbischen Post“ ebenso simpel wie wirkungsvoll.

Mit dem Versichertenkärtchen der künftigen Schwiegereltern suchte sie diverse Arztpraxen zwischen Donauwörth und Stuttgart sowie Schwäbisch Hall und Heidenheim auf, die sie zuvor über das Internet „ausgegoogelt“ hatte. Dort erzählte sie ein immer gleichlautendes Märchen: Man sei gerade zugezogen, habe noch keinen festen Hausarzt, und der Vater bzw. die Mutter hätten chronische, therapieresistente Schmerzen nach einem Bandscheibenvorfall, litten unter Arthritis und Dickdarmkrebs. Die Nachfragen der Ärzte wurden zumeist damit abgetan, der Patient sei derzeit nicht transportfähig, wünsche aber auch keine Hausbesuche oder halte sich im Ausland auf.

Schwiegereltern als Vorwand

Die Menge der so erschwindelten Fentanyl-Pflaster hätte den beiden alten Leuten nach Einschätzung von Ellwangens Amtsgerichtsdirektor Norbert Strecker gut und gerne fünf Jahre ausgereicht. Allein mit Vorratshaltung ließen sich die Aktivitäten der Frau nicht begründen. Aus Sicht des Ersten Staatsanwalts Armin Burger waren die erkrankten Schwiegereltern nur ein Vorwand, um mit dem so ergaunerten Schmerzpflaster letztlich Geschäfte machen zu können.

Nach seiner Einschätzung verbirgt sich hinter diesem Verfahren kein Einzelfall. „ Man weiß, dass es dieses Phänomen gibt,“ sagt er und weist darauf hin, dass sich diese Spielart der Kriminalität im Verborgenen abspielt und es schwer ist, „den Deckel zu lupfen“. Gelinge es, das zeige die Erfahrung, sei die Chance allemal hoch, fündig zu werden. Häufig komme man dem Missbrauch über Hinweise aufmerksamer Ärzte und Apotheker auf die Spur.