Hintergrund "United Tribuns" und "Black Jackets": Brüder bis in den Tod

Silja Kummer 23.06.2016
Rocker und rockerähnliche Gruppen gibt es im Kreis Heidenheim seit mehr als 30 Jahren. Ihre Aktivitäten blieben der Öffentlichkeit meist verborgen. Nach einer Schießerei in Heidenheim, bei der ein Mann starb, fragen sich viele, was hinter den „United Tribuns“ oder „Black Jackets“ steckt.
Fast 100 Männer in schwarzen Kutten mit einer Bulldogge und der Aufschrift „Black Jackets“ posieren vor dem Heidenheimer Rathaus. Weitere Fotos von der Gruppe folgen, an anderen Plätzen in der Innenstadt, dazu läuft deutscher Rap. „Heidenheim ist und bleibt schwarz-weiß“, „Eure Städte gehören uns“, aber auch diese Zeile, die heute Gänsehaut macht: „Black Jackets – Brüder bis in den Tod“. Das Video wurde im Februar auf Youtube im Internet veröffentlicht. Zwei Monate später ist tatsächlich jemand tot, der Heidenheimer Celal B., ein Mitglied der „United Tribuns“. Der mutmaßliche Täter, ein 25-jähriges Black-Jackets-Mitglied aus Giengen, sitzt in Untersuchungshaft.

Baseball-Cap, schwarzer Kinnbart, Goldkette und ein Kampfhund, so stellte sich der junge Mann auf seiner Facebook-Seite dar, die kurze Zeit nach der Schießerei auf offener Straße aus dem Netz genommen wird. Seinen letzten Post, wenige Tage zuvor, hat er in Heilbronn getätigt – er war in der Justizvollzugsanstalt, „Bruder besuchen“, so der Text. Nun sitzt er selbst.

Warum brennen immer wieder Autos?

Das Video auf Youtube enthält eine schriftliche Botschaft: „Auch wenn Ihr Euch hinter Euren Freunden von der Polizei versteckt . . . wir bleiben hier. Egal, ob mit 1000 oder mit zwei Mann – wir warten.“ Jetzt, im Rückblick, scheint diese Botschaft an die „United Tribuns“ gerichtet zu sein, die seit März 2015 in den Raum Heidenheim, das angestammte Gründungsland der „Black Jackets“, drängen.

Die „Tribuns“ eröffnen das Chapter Ulm/Heidenheim, sie prügeln sich mit Mitgliedern der „Black Jackets“, sie veranstalten ein öffentliches Treffen, bei dem über 300 Mitglieder aus ganz Süddeutschland zusammen kommen.

Im Gegenzug brennen Autos von Mitgliedern der „United Tribuns“, immer wieder, und immer nach demselben Schema in Brand gesetzt. Was zuvor nur von Insidern zur Kenntnis genommen wurde, wird mit der Schießerei am 7. April in der Heidenheimer Clichystraße öffentlich – es ist ein Bandenkrieg. Aber wer steckt dahinter und welche Interessen verfolgen die Gruppierungen?

Ein Mitglied der ersten Stunde erzählt

Die „Black Jackets“ haben einen Gründungsmythos, der von einem der frühen Mitglieder auch bestätigt wird: 1985 tat sich eine Gruppe von jungen Männern rund um den aus Giengen stammenden Türken Sedat K. zusammen. Man traf sich zunächst in einem Heidenheimer Jugendhaus, trug schwarze Bomberjacken – daher der Name „Black Jackets“ – und „hatte zusammen Spaß“.

Ein altes Schwarz-Weiß-Foto auf der Homepage des Clubs zeigt eine Clique von jungen Menschen, auch Mädchen sind dabei. Einer der dort Abgebildeten erzählt, dass es damals noch kein ernsthaftes Aufnahmeritual gab. Gespielt habe man aber damit: „Es gab eine Art Verhör, aber das war ein Jux, nur zur Belustigung.“ 18 Jahre alt war er damals, hatte selbst ausländische Wurzeln, aber auch viele deutsche Freunde.

Er fühlte sich integriert und er blieb auch nicht bei den „Black Jackets“, als diese sich zunehmend radikalisierten: „Wenn einer verprügelt wurde, plante man plötzlich Racheakte“, erinnert er sich. Schon da wurde ihm klar, dass er diesen Weg nicht mitgehen wollte. Sein Lebensweg führte ihn in eine ganz andere Richtung, jahrelang hatte er nichts mehr mit den alten Freunden zu tun – bis er in den Medien mitbekam, dass aus seiner Jugendclique eine riesige Organisation geworden war. „Ich hatte ein Ziel im Leben“, sagt er im Nachhinein, „das hat anderen wohl gefehlt.“

Aus den schwarzen Bomberjacken wurden Kutten nach dem Vorbild amerikanischer Rockerorganisationen wie den „Hell's Angels“. Auch die hierarchischen Strukturen wurden übernommen, Sedat K. hieß jetzt „Worldpresident“, die einzelnen Chapter bekamen Präsidenten, Vize-Präsidenten, einen Secretary und einen Sergant at Arms. Wer Mitglied werden will, muss erst eine Zeit lang Prospect, also Anwärter, sein und sich bewähren. „Die hierarchischen Strukturen ermöglichen eine bessere Steuerung der Gruppe“, erläutert Bernd Ziehfreund, stellvertretender Leiter der Kriminalpolizeidirektion in Ulm.

Trotz der äußerlichen Ähnlichkeit zu den Rockern spricht die Polizei – und die etablierten Rocker-Clubs übrigens auch – von rockerähnlichen Gruppierungen, denn das Motorrad als Symbol der Freiheit und des Gesetzlosen fehlt den „Black Jackets“ und den „United Tribuns“. Stattdessen fahren manche von ihnen große Autos und tragen teure Ketten und Uhren, Statussymbole wie man sie auch bei Streetgangs findet. „Identitätsstiftend ist bei den rockerähnlichen Gruppen die Kutte, die Zusammengehörigkeit im Club und die Gewalt, die man ausübt“, sagt Ziehfreund. Während es bei den traditionellen Motorradclubs Spielregeln gebe, würden die rockerähnlichen Gruppen sich über jegliche Tabus hinwegsetzen und alles tun, was dem eigenen Prestige zuträglich sei.

Wer an der Tür steht, kontrolliert

Über die „Black Jackets“ und ihre Geschäfte reden viele Menschen – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand und im Vertrauen. Das Einschüchterungspotenzial einer solchen Gruppe ist groß. Im Internet kursieren diverse Musikvideos mit deutschem Rap und Mitgliedern der „Black Jackets“ als Kulisse. Darin werden gerne mal die Geschäftsfelder der Gruppe genannt: Security für Discos und das Rotlichtmilieu. „Wer an der Tür steht, der kontrolliert auch die Drogengeschäfte in der Disco“, sagt Matthias Wenz, Rockeransprechpartner beim Landeskriminalamt in Stuttgart. Und wer an der Tür steht, das hat ein Diskotheken-Betreiber nicht unbedingt in der Hand: „Wenn der zunächst nicht will, steht man halt in Kutten gegenüber der Disco und erschreckt die Besucher, bis der Betreiber einknickt“, beschreibt Wenz die Drohmechanismen der Gangs.

Während rockerähnliche Gruppen in Ulm und Neu-Ulm tatsächlich selbst Bordelle betreiben, gibt es diesen direkten Einfluss im Heidenheimer Rotlicht-Milieu nicht. „Die Rockerszene steuert auch nicht massiv die Drogenszene, aber es gibt Hinweise darauf, dass einzelne Mitglieder hier eine Rolle spielen“, sagt Kriminaldirektor Ziehfreund.

Sedat K., der Gründer der Black Jackets, ist selbst strafrechtlich nie in Erscheinung getreten. Der Chef der „United Tribuns“ hingegen wird mit internationalem Haftbefehl gesucht: Armin C., genannt Boki, kam als Kriegsflüchtling aus Ex-Jugoslawien nach Deutschland, war in kürzester Zeit Bordellbetreiber in Villingen-Schwenningen und gründete 2004 die rockerähnliche Gruppe, deren Mitglieder zwei muskelbepackte Arme als Symbol auf ihren Kutten tragen – Boki war in Jugoslawien ein erfolgreicher Boxer, das Bodybuilding gehört zum Image der Gruppe. Als Boki einen über 100 000 Euro teuren Ferrari bar bezahlte, begann die Polizei zu ermitteln, es ging um Menschenhandel und Zuhälterei.

Einen Tag vor seiner Verhaftung setzte er sich nach Bosnien ab, ein mittlerweile suspendierter Polizist hatte ihn gewarnt. „In Bosnien sind wir freie Leute“, sagt er in einem Dokumentarfilm, den die Journalistin Ulrike Baur 2011 veröffentlichte. „Der Menschenhändler von nebenan“, so der Titel, fühlt sich in seinem Exil wohl, er muss sich nicht verstecken, denn ausgeliefert wird er nicht.

Der Heidenheimer Cihan O. hat auch geboxt, als Jugendlicher beim HSB. Als er 2015 das Chapter Ulm/Heidenheim der „United Tribuns“ aufmachen will, muss er sich zunächst Verstärkung von anderen Chaptern holen, um auf die erforderliche Zahl von sechs Mitstreitern zu kommen, erzählt Kriminalhauptkommissar Wenz.
Das hat sich mittlerweile geändert, die „Tribuns“ expandieren nicht nur in Heidenheim, im Gegensatz zu den „Black Jackets“: Nur noch acht Chapter in Baden-Württemberg seien übrig, alle befinden sich im Umkreis von Ulm und Heidenheim, sagt die Kriminalpolizei.

Es gibt auch einen Grund dafür: 2012 wurde ein 22-jähriges Black-Jackets-Mitglied in Esslingen erstochen, eine Gruppe der kurdisch geprägten und mittlerweile verbotenen „Red Legions“ hatte die „Black Jackets“ überfallen. „Dafür gab es nie eine Vergeltungsaktion“, sagt Wenz. Sedat K. hatte auf Deeskalierung gesetzt, sich damals auch gegenüber unserer Zeitung von den Vorfällen distanziert. Das könnte bei besonders gewaltaffinen Mitgliedern zu einem enormen Imageverlust der „Black Jackets“ mit entsprechenden Abwanderungen geführt haben, meint der Polizeibeamte.

Präsidenten mit Schreckschusswaffen

Als sich am 15. März 2016 die Präsidenten der „Black Jackets“ und der „United Tribuns“ auf einem Parkplatz in Giengen treffen, zieht der „Tribuns“-Präsident eine Schreckschusswaffe und feuert auf den Chef der anderen Gang. Doch das ist noch nicht die höchste Eskalationsstufe in dem monatelang schwelenden Streit zwischen Mitgliedern der „Black Jackets“ und der „United Tribuns“: Am 7. April schießt ein 25 Jahre altes Black-Jackets-Mitglied aus einer dreiköpfigen Gruppe heraus eine scharfe Waffe auf zwei „United Tribuns“- Mitglieder ab. 

„Nach unseren heutigen Erkenntnissen war es ein zufälliges Aufeinandertreffen“, sagt Bernd Ziehfreund. Umso erschreckender sei es für ihn, dass der Täter eine geladene Schusswaffe bei sich hatte. Nach der Tat sagte Fritz L., „Pressesprecher“ der „United Tribuns“, man wolle es dem Rechtsstaat überlassen, das Recht auszuüben, einen Racheakt werde es nicht geben. „Das sind Phrasen“, ist man sich beim LKA sicher, denn Probleme werden auch bei rockerähnlichen Gruppierungen immer intern ausgetragen.

Und noch eine Entwicklung macht der Kriminalpolizei Sorgen: 2015 wurde wieder eine neue Gruppe auffällig, sie nennt sich Osmanen Germania BC. Die nationaltürkisch geprägte Gruppe suchte die Auseinandersetzung mit den kurdischen „Red Legions“, die Konflikte bekommen einen politischen Hintergrund. BC steht für Box Club, allerdings haben die Osmanen keine Chapter, sondern Charter wie die „Hell's Angels“ und auch die Farben sind dieselben wie beim großen Rockerclub. Weltweit soll es bereits 63 Charter geben und auch in Ulm haben sich die Osmanen niedergelassen.

„Es ist die Frage, wie lange die großen Clubs da noch zuschauen oder ob sie sich irgendwann wehren“, meint Wenz. Seit mehreren Jahren gibt es in Heidenheim einen runden Tisch der etablierten Clubs, so der Ulmer Kriminaldirektor Ziehfreund. Der „Outlaws MC“, der „Gremium MC“ und der „Trust MC“ sowie die „Black Jackets“ treffen sich in regelmäßigen Abständen. An diesem Tisch habe man ebenso wie bei einem ähnlichen Treffen in Ulm eine Art Zweckbündnis gegen die „United Tribuns“ geschmiedet: Dass sie im Raum Ulm und Heidenheim nicht erwünscht sind, zeigten beispielsweise Fotos, auf denen sich die verschiedenen Kuttenträger gemeinsam ablichten ließen, und die im Internet veröffentlicht worden sind.

Konflikte lösen nach eigenen Regeln

Die Ermittlungen im Rockermilieu sind für die Polizei sehr schwierig: „Die Beteiligten haben kein Interesse daran, dass ein Täter ermittelt wird. Sie wollen ihre Konflikte nach eigenen Regeln lösen“, sagt Bernd Ziehfreund. Zeugen haben meist nichts gehört und gesehen – und reden möglichst wenig mit der Polizei. Ähnlich gestaltete sich die Arbeit an diesem Artikel: Keine der rockerähnlichen Gruppierungen und kein Motorradclub wollte sich äußern. Wer redet, weiß meist nicht viel – und wer etwas weiß, redet nicht. Vielleicht wird der Prozess ein wenig Licht in eine Szene bringen, die lieber im Dunkeln bleiben will. Die Staatsanwaltschaft bereitet im Moment die Anklage vor.
 
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