Interview "Stern"-Ressortleiter Oliver Schröm über seine Anfänge in Heidenheim

Heidenheim / 10.07.2015
Zumindest innerhalb der Redaktion erinnert man sich noch gut an sie: Das Duo Oliver Schröm und Stefan Scheytt flog 1989 nach Mexiko, um dort den flüchtigen Busunternehmer Fritz Wahl aufzusuchen. Schröm leitet mittlerweile das Investigativ-Ressort beim Magazin „Stern“ in Hamburg. Seine Anfänge in Heidenheim hat er aber keineswegs vergessen.
Erinnern Sie sich an die Artikel über den Busunternehmer Dr. Fritz Wahl, die Sie zusammen mit Stefan Scheytt 1989 für die HZ geschrieben haben?

Natürlich erinnere ich mich! Das war die tollste und wichtigste Geschichte meines Lebens und auch eine Weggabelung. Anschließend wusste ich, diese Art von Geschichten will ich machen, deshalb bin ich Journalist.

Können Sie für unsere Leser kurz schildern, um was es damals ging?

Stefan Scheytt und ich waren Volontäre bei der HZ. Wahl gehörte damals das größte Busunternehmen in Europa, zudem stellten seine Busse das öffentliche Nahverkehrsnetz in Heidenheim. Er hatte einen betrügerischen Bankrott hingelegt und war ins Ausland verschwunden. Jedes Jahr im Sommerloch kam in der Redaktion die Frage auf: Wo ist Fritz Wahl? Er wurde drei Jahre lang über Interpol gesucht, schließlich wurde er im August 1989 in Mexiko City inhaftiert. In Heidenheim wartete man darauf, dass er nach Deutschland ausgeliefert wird.

Wie kamen Sie auf die Idee, dorthin zu fliegen?

Ich saß mit Stefan Scheytt in der Kneipe, und wir sagten: Wir fahren jetzt nach Mexiko und interviewen ihn. Das war eine vermessene, größenwahnsinnige Idee, aber wir haben gesagt: Das ziehen wir jetzt durch. Der Verleger hielt uns zwar für durchgeknallt, hat aber den Hinflug bezahlt.

Wo haben Sie angefangen zu recherchieren?

In Wahls Heidenheimer Umfeld, wir wollten ein Gespür dafür kriegen, was er für ein Mensch ist. Hat er sich einen Strand gesucht und die Beine hochlegt? Oder wie ein guter Schwabe weitergemacht mit schaffa, schaffa, Häusle bauen? Zweiteres war der Fall, wie sich herausstellte – er hatte in Mexiko schon wieder ein Busunternehmen am Laufen. Schließlich flogen wir nach Mexico City.

Um eine Heidenheimer Familie in der 30-Millionen-Einwohner-Stadt zu suchen?

Wir haben das Telefonbuch von Mexico City gewälzt, das war meterdick – und es stand tatsächlich Fritz Wahl drin. Wir haben den Bus genommen und landeten in einem Villenviertel am Stadtrand.

Was sagt man dann, wenn man bei einem polizeilich gesuchten Straftäter an der Tür klingelt?

Es hat eine Frau aufgemacht, aber es war nicht seine Frau, Lotte Wahl. Wir haben nach ihr gefragt – und wurden hereingebeten. Lotte Wahl saß im Wohnzimmer und hat gesagt: „Ach Gottle, jetzt setzen Sie sich hin, ich erzähle Ihnen alles.“ Später konnten wir noch bei einem mexikanischen Staatsanwalt die Ermittlungsakte einsehen und haben versucht, Fritz Wahl im Gefängnis zu besuchen. Er hat uns aber nicht empfangen. In Heidenheim erschien eine Artikelserie, die wir aus Mexico City in die Redaktion gefaxt haben.

Wie kamen Sie auf die Idee, investigativ für die Heidenheimer Zeitung zu recherchieren?

Ich bin Journalist geworden, weil ich auf Missstände aufmerksam machen und Mauscheleien ans Tageslicht bringen wollte. Ich habe als Schüler für die Aalener Nachrichten eine Geschichte über tote Forellen in der Egau gemacht. Ich habe herausgefunden, dass eine Firma ihr Abwasser dort eingeleitet hatte, das war ein Umweltskandal – und die Reaktionen auf den Artikel haben mir gefallen.

Mittlerweile gehören Sie zu den großen Rechercheuren, Sie leiten das Investigativ-Ressort beim „Stern“. War die Wahl-Geschichte der Türöffner dafür?

Ja, vermutlich schon. Obwohl ich das Arbeiten in der Redaktion der Heidenheimer Zeitung toll fand. Aber Stefan Scheytt und ich haben uns mit der Wahl-Geschichte für ein Stipendium in den USA beworben. In der Jury saß der damalige Redaktionsdirektor der „Zeit“. Wir haben nicht nur das Stipendium bekommen, sondern auch ein Praktikum bei der „Zeit“ in Hamburg. Mit unserem ersten Artikel, den wir für das Zeit-Dossier geschrieben haben, haben wir einen weiteren Preis gewonnen – und dann waren wir im Geschäft.

Halten Sie nach wie vor das Investigative im Lokalen für wichtig und möglich?

Es ist doch viel geiler, in einer kleinen Stadt etwas aufzudecken, da steht die Stadt Kopf und man kann etwas bewirken. Wenn ich schreibe, dass die NSA irgendjemanden abhört, das interessiert die NSA überhaupt nicht. Natürlich hat man im Lokalen auch sofort die Gegenseite am Apparat, die sich beschwert – aber das muss man aushalten können.

Warum wird das dann so selten gemacht?

Der investigative Journalismus hat in Deutschland keine große Tradition. Das habe ich durch das Stipendium in den USA erfahren. Wir waren bei vielen Zeitungen, bei großen und kleinen. Beispielsweise der Commerical Appeal in Memphis hatte selbstverständlich ein Investigativ-Ressort, wie jede amerikanische Zeitung. Und alle Volontäre durchlaufen auch diese Abteilung, da entsteht ein ganz anderes Bewusstsein für diese Art zu arbeiten. Das ist keine Sache von Einzelkämpfern, sondern es gibt Strukturen dafür. Ich habe dann hinterher dem Redaktionsdirektor der „Zeit“ vorgeschlagen, ein solches Ressort zu gründen. Er hat mich angeschaut, als hätte ich vorgeschlagen, auf dem Mond ein Außenbüro zu eröffnen. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren ist dafür ein Bewusstsein entstanden, dass man das Investigative redaktionell verankern muss und es nicht dem Zufall überlassen kann, ob mal einer die Initiative entwickelt, solche Geschichten zu machen.

Könnte das die Rettung sein für Zeitungen, um aus der Glaubwürdigkeits- und Auflagenkrise herauszukommen?

Ich hoffe schon. Die Frage ist, wie finanziert man in Zukunft Qualitätsjournalismus. Die Verkaufspreise werden steigen, weil Anzeigenaufkommen und Auflage sinken. Und um das zu rechtfertigen, muss man auch mehr bieten, vor allem mehr Qualität. Deshalb sollte man in investigativen Recherchejournalismus investieren, das ist gleichzeitig auch die Investition in Qualität.
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