Heidenheim „Sommerabend“ mit Jutta Speidel: schwaches Stück, gut gespielt

In trauter Zwietracht vereint zeigen sich die Akteure in Gabriel Baryllis „Sommerabend“. Das Theaterstück in der Waldorfschule hatte noch viel Luft nach oben, dafür überzeugte die schauspielerische Leistung – allen voran die von Jutta Speidel.
In trauter Zwietracht vereint zeigen sich die Akteure in Gabriel Baryllis „Sommerabend“. Das Theaterstück in der Waldorfschule hatte noch viel Luft nach oben, dafür überzeugte die schauspielerische Leistung – allen voran die von Jutta Speidel. © Foto: Alvise Predieri
Heidenheim / Marita Kasischke 05.10.2018
In der Waldorfschule wurde „Sommerabend“ mit Jutta Speidel gezeigt, wobei die schauspielerischen Leistungen über das insgesamt eher schwache Stück hinwegsehen ließen.

„Bitterböse, aber mit dem Verdacht einer Hoffnung endend“, so beschreibt Autor Gabriel Barylli sein Stück „Sommerabend“, das von der Komödie im Bayerischen Hof in der Waldorfschule gezeigt wurde. Barylli selbst hat Regie geführt, und er kann in seiner Inszenierung mit bekannten Stars aufwarten: Carin C. Tietze, Daniel Friedrich, Ralf Komorr und allen voran natürlich Jutta Speidel, die wohl die Hauptursache für das Kommen vieler der 270 Zuschauer war.

War es nun bitterböse, was sie erlebten? Der Begriff „alltäglich“ trifft es wohl besser. Gewiss, es gab schon reichlich Schlagabtausch zwischen allen vier Beteiligten; zwei Paare, deren Kinder ineinander verliebt sind. Das erste Treffen also, und wenn man es nicht für gänzlich unwahrscheinlich halten möchte, dass die Fassade bereits beim Kennenlernen komplett einbricht, so muss man zum Schluss kommen, dass es in beiden Beziehungen mächtig und schon lange so brodelt, dass nichts mehr neutral ausgeführt werden kann – nicht einmal vor Dritten.

In Zwietracht vereint

Der Alkohol fließt an diesem Sommerabend in Strömen und mag eine weitere Erklärung für das völlige Loslassen jeden Anstands sein. Spitz ist jeder Kommentar, selbst die scheinbaren Höflichkeiten lassen Verachtung durchschimmern, und keiner ist sich zu schade dafür, den Partner – und damit auch sich selbst – bei jeder sich bietenden Gelegenheit bloßzustellen.

Oder auch sich dem jeweils anderen Partner in Keller oder Schuppen an den Hals zu werfen, was dank hypermodernem Überwachungssystem sofort entdeckt wird – aber auch das kann die in schönster Zwietracht vereinten Paare nicht aus der Ruhe, also in diesem Falle der in genüsslicher Ruhe vollzogenen Hiebverteilung bringen.

Das ist nicht böse, schon gar nicht bitterböse, sondern einfach die völlige Ernüchterung, die da zwischen den Partnern herrscht und in der sie sich wohl ganz gemütlich eingerichtet haben. Dagegen nimmt sich die euphorische Verliebtheit ihrer Kinder geradezu naiv aus, noch mehr ihr Wunsch, auch den Eltern aus der Ehehölle wieder in den siebten Himmel zu verhelfen.

Lebendige Schauspielleistung

Die schauspielerischen Leistungen lassen allerdings die Aufmerksamkeit an dem trotz einiger Pointen unspektakulär dahinplätschernden Stück, das vom oft zum Vergleich herangezogenen „Gott des Gemetzels“ so weit entfernt ist wie die Protagonisten von Harmonie und Ausgeglichenheit, doch nicht abreißen.

Jutta Speidel spielt so lebendig und echt und einfach patent, dass ihr die Sympathie des Publikums stets auch dann sicher ist, wenn sie ihrer Rolle unsympathische Züge geben muss. Daniel Friedrich als ihr Ehemann steht da in nichts nach, und auch Ralf Komorr als schöngeistiger, aber nicht erfolgsverwöhnter Autor kann überzeugen. Großartig ist Carin C. Tietze als „alkoholsüchtige Fernsehschlampe“, die einsteckt und austeilt, ohne mit der Wimper zu zucken oder je die Finger vom Glas zu lassen.

Das junge Paar, gespielt von Sarah Elena Timpe und David Paryla, wirkt in seinem kurzen Liebesglück-Intermezzo wie auf Drogen, in seinen Ratschlägen altklug und am Rand des Geschehens blass. Der Clou des Stücks soll wohl sein, dass das ganze Wortgefecht letztlich dem Autor die Idee für ein neues Werk liefert – „Sommerabend“ soll es heißen.

Na ja, an Originalität ist diese Wendung durchaus zu überbieten, wie auch das Stück durchaus überboten werden kann. Gabriel Barylli hat wahrlich schon Besseres geschrieben. Die guten Schauspieler aber ließen über das schwache Stück hinwegsehen.

Am Ende tauchte tatsächlich die Hoffnung auf; ganz bestimmt aber nicht darauf, dass die beiden Paare nun glücklich bis an ihr Lebensende leben würden. Sondern eher die Hoffnung darauf, noch ein Foto mit Jutta Speidel zu erhaschen.

Weiteres Programm

Am 6. November zeigt das Landestheater Tübingen „Auerhaus“ im Konzerthaus, am 17. Januar folgt dort „Heisenberg“ mit dem Theater der Stadt Aalen.

„Die Känguru-Chroniken“ führt die Burghofbühne Dinslaken am 6. Februar in der Waldorfschule auf, dort folgt am 12. März „Faust I“ mit dem Landestheater Tübingen.

Den Abschluss der Theaterringsaison bildet das Stück „Der talentierte Mr. Ripley“ am 16. Mai, ebenfalls mit dem Landestheater Tübingen.

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