Heidenheim Kolyma: Eine Reise entlang der „Straße der Knochen“

Nach der Vorstellung im Kino-Center (von links): Regisseur Stanislaw Mucha, Regieassistentin Dorothea Braun, Kameramann Enno Endlicher und dessen Vater Franz Endlicher, der die Publikumsdiskussion zu „Kolyma“ moderierte.
Nach der Vorstellung im Kino-Center (von links): Regisseur Stanislaw Mucha, Regieassistentin Dorothea Braun, Kameramann Enno Endlicher und dessen Vater Franz Endlicher, der die Publikumsdiskussion zu „Kolyma“ moderierte. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Marita Kasischke 04.08.2018
Aufnahmen aus dem Zentrum des sowjetischen Straflagersystem präsentiert der Heidenheimer Dokumentarfilmer Enno Endlicher in seinem Film „Kolyma“, den er im Kino-Center Heidenheim vorstellte.

Eine Reise entlang der „Straße der Knochen“ in der Kolyma-Region in Sibirien, dem ehemaligen Zentrum des sowjetischen Straflagersystems – das klingt nicht unbedingt nach heiterer Unterhaltung an einem Sommerabend. Dennoch war der Kinosaal Nummer 5 im Kino-Center am Donnerstagabend mit knapp 70 Besuchern fast ausverkauft, als der Dokumentarfilm über die Reise gezeigt wurde.

Der Grund für den Andrang ist sicher derselbe, warum „Kolyma“ – so der Titel des Films – überhaupt dort lief: Der Heidenheimer Enno Endlicher schuf als Kameramann die Bilder für diesen Film, und war selbst an diesem Abend anwesend. Im Saal also viele Freunde und Weggefährten Endlichers – und auf der Leinwand der Gang durchs „Tor zur Hölle“. Harte Kost? Nein.

Keine harte Kost

Unter dem Stichwort „Sibirien“ hat wohl jeder eine ganz eigene Vorstellung entwickelt. Wie sich das Leben heute aber tatsächlich dort gestaltet unter den Nachkommen der seinerzeitigen Strafgefangenen, die dort gezwungen waren, Gold und Diamanten zu schürfen, das bringt der filmische Roadtrip sehr nahe, indem er die Begegnungen mit den Bewohnern an dieser Straße wiedergibt – und so unterschiedlich diese Menschen sind, so unterschiedliche Emotionen lösen sie auch beim Betrachter aus.

Das kann – und dann ist es fast schon die pure Ironie – bis ins Absurde gehen: Wenn etwa ein Tüftler dort eine Verjüngungsmaschine, basierend auf Stromschlägen, bastelt und in naivem Glauben an deren Wirkung diese an seinem Vater ausprobiert, das ist so skurril, dass Lacher nicht ausbleiben. Die ehemalige Strafgefangene dagegen, die nur durch einen Zufall ohne eigenes Verschulden ins Lager verschleppt wurde und dort nur durch Eheschließung entlassen wurde, rührt den Betrachter an, vielleicht gerade weil sie ihre Geschichte so schlicht und sachlich erzählt.

Geschichte in Bildern

Wut und Rechtfertigung, Scham und Bitterkeit, Künstler und Überlebenskünstler – Regisseur Stanislaw Mucha hat mit diesem Film ein Gespür für Typen und für Geschichten bewiesen. Und Enno Endlicher fasst diese in Bilder, die immer wieder neu das Interesse am Film beleben.

Wenn etwa kunstvoll ein Diamant als Eisskulptur geschliffen wird, gleich darauf die geschlachteten Pferdefüße nur so auf den Marktstand knallen, dann wiederum ein Akkordeon ein wehmütiges Lied verströmt, dann entwickelt das eine Wucht auf der Leinwand, die die Begehrlichkeit weckt, noch mehr über noch mehr Typen zu erfahren.

Die Filmemacher ertrugen Temperaturen bis minus 65 Grad

Viel haben Stanislaw Mucha, Enno Endlicher und Dorothea Braun als Regieassistentin für diesen Film in Kauf genommen: Im Winter herrschen dort Temperaturen von bis zu minus 65 Grad.

Obwohl die frostigen Schneelandschaften bei der derzeitigen Rekordhitze, die auch den Kinosaal mächtig aufheizte, nicht ihre ganze Unerträglichkeit entfalten, bedeutet aber dort zu existieren vor allem umdenken: „Wir mussten anders atmen lernen, damit die kalte Luft nicht zu schnell in den Körper dringt“, nennt Enno Endlicher ein Beispiel.

Die Kamera musste warm eingepackt werden

„Teilweise mussten wir mit Temperaturunterschieden bis zu 90 Grad klarkommen – draußen minus 60, in den Wohnungen 30 Grad“, berichtet Dorothea Braun. Auch die Technik hatte da ihre Tücken: „Kameras werden nur bis zu minus 25 Grad auf ihre Leistungsfähigkeit getestet“. Also wurde Endlichers Kamera eingemummt wie ein Baby, damit sie unter diesen Bedingungen einsatzfähig war.

Einblicke in die menschliche Seele

Der Einsatz aller hat sich gelohnt: „Kolyma“ gibt interessante Einblicke in die menschliche Seele, bei dem es gar nicht so sehr darauf ankommt, wo sie denn zu Hause ist, und verzichtet dabei wohltuend auf das, was im Film von einem Bewohner „billige Sentimentalität“ genannt wird: Schließlich könne man über jeden Ort der Welt sagen, dass er mit Leichen gepflastert sei. „Und in Syrien schaut ihr ja auch zu.“

„Kolyma“ in Heidenheim

Noch fünfmal wird „Kolyma“ im Kino-Center in Heidenheim zu sehen sein, und zwar am heutigen Samstag, am Sonntag, am Montag, Dienstag und Mittwoch jeweils ab 18.15 Uhr.

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