Heidenheim Borkenkäfer-Generationen machen sich in den Wäldern breit

Heidenheim / Michael Brendel 08.09.2018
Anhaltend hohe Temperaturen und geringe Niederschlagsmengen führten dazu, dass sich in diesem Jahr drei Borkenkäfer-Generationen in den Wäldern breit machen – mindestens.

Grundsätzlich mag Nachwuchs ein Anlass zur Freude sein, in diesem Fall ist er es nicht. Dr. Hans Untheim jedenfalls, der Leiter des Fachbereichs Wald und Naturschutz im Heidenheimer Landratsamt, bringt die massenhafte Vermehrung der Borkenkäfer in diesem Jahr auf einen unmissverständlichen Nenner: „Im Wald brennt gerade der Kittel.“

Soll heißen: Bezogen auf den Staatswald im Landkreis steht das Jahr mit den ausgeprägtesten Käferschäden seit 2010 ins Haus. Beleg dafür ist eine Auflistung der Forstdirektion Tübingen, die die bisherigen Spitzenwerte von 9323 bzw. 9837 Festmetern Käfer- und Dürrholz für die Jahre 2013 und 2017 verzeichnet. Heuer waren es Ende August bereits 8041 Festmeter, und es folgen ja noch vier Monate. Gleichwohl waren die Folgeschäden nach den Orkanen Wiebke (1990) und Lothar (1999) erheblich stärker.

Lange Hitzeperiode

Macht sich der Borkenkäfer oft dann besonders breit, wenn im Vorjahr Stürme dem Wald zugesetzt haben, wirkt sich Untheim zufolge diesmal ein Zusammenspiel dreier Faktoren aus. Zum einen gab es eine über Wochen hin anhaltende Hitzeperiode. Nach Angaben der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg mit Sitz in Freiburg stehen für den Zeitraum von April bis Juli die größten Abweichungen vom langjährigen Mittelwert seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 zu Buche.

Wenig Niederschlag

Zum anderen fiel außergewöhnlich wenig Regen, sodass die Bäume nur wenig Harz zum Schutz gegen sich einbohrende Käfer bilden konnten. Und schließlich kosteten die Fichte als hauptsächlich vom Borkenkäfer heimgesuchte Baumart eine besonders starke Blüte und die damit zusammenhängende große Zahl an Zapfen viel Kraft.

Das Resultat dieser Rahmenbedingungen ist kreisweit im Forst zu beobachten. „Wir haben tatsächlich die befürchtete dritte Käfergeneration“, sagt Untheim. Wird der September nass und kühl, überwintern die Käfer voraussichtlich in ihrem „Mutterbaum“. Folgen hingegen weitere trockene und warme Tage, ist damit zu rechnen, dass die jungen Insekten noch ausfliegen.

Vierte Generation möglich

Nicht ausschließen mag Untheim sogar eine vierte Käfergeneration, wie sie in Teilen des Südschwarzwalds bereits im Anmarsch ist. Es wäre ein weiteres Mosaiksteinchen in einer heute schon mit vielen Minuszeichen versehenen Bilanz. So waren im Landkreis 21 Prozent von 59 000 bis Anfang September im Staats-, Kommunal- und Privatwald geschlagenen Festmetern als Käferholz einzustufen. Landesweit sieht es nur im Stadtkreis Heilbronn, im Hohenlohekreis und im Kreis Biberach mit jeweils nahezu 30 Prozent, im Stadtkreis Ulm (27 Prozent), in Heidelberg (23 Prozent) und in Schwäbisch Hall (22 Prozent) noch düsterer aus.

Im Landkreis ist der Borkenkäfer zwar in allen Ecken zu finden, allerdings gibt es zwischen dem Wental im Norden und Sontheim an der Brenz im Süden deutliche Unterschiede, was Temperaturen und Niederschläge angeht. Folglich differieren auch die Schäden. Am größten sind sie aktuell eben bei Sontheim sowie im Bereich Dettingen und Gerstetten.

Heidenheim keine Ausnahme

Auch Heidenheim macht keine Ausnahme. Grund: Die erst in der dritten Generation hier zu findenden und zuvor vorwiegend in den Alpen als ihrem natürlichen Verbreitungsraum vorkommenden Fichten stehen oft auf abfallenden und flachgründigen Kalkböden, die nur wenig Wasser speichern können.

Vom Borkenkäfer befallene Bäume sollten schnellstmöglich gefällt und aus dem Wald gebracht werden, um einer weiteren Ausbreitung der nur wenige Millimeter großen Tiere vorzubeugen. Da der eigene Personalbestand dafür nicht ausreicht, sind derzeit in vielen Forstrevieren verstärkt Fremdfirmen im Einsatz. Unterm Strich bedeutet das zusätzliche Kosten, während gleichzeitig die Erlöse fürs Holz sinken. Und das trotz einer florierenden Baukonjunktur und guten Exportzahlen. „Momentan gibt es zwischen 20 und 30 Prozent weniger fürs Holz“, sagt Untheim und liefert auch gleich die Erklärung: Anfang des Jahres legten die beiden Sturmtiefs Burglind und Friederike vor allem in Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen mehr als fünf Millionen Festmeter Holz flach. Dieses drückt jetzt auf den Markt – mit den beschriebenen Folgen.

Handy-App als Hilfe

Ehe Schadholz aufgearbeitet werden kann, muss es natürlich erst einmal entdeckt und genau markiert werden kann. Das ist vor allem dann keine einfache Aufgabe, wenn sich nicht schon von Weitem braun verfärbte Baumkronen, abgeplatzte Rindenstücke oder Bohrmehl ausmachen lassen. Als hilfreich erweist sich deshalb eine Handy-App, mithilfe derer GPS-gestützt der exakte Standort eines befallenen Baumes erfasst und an die Forstarbeiter weitergegeben werden kann. In Baden-Württemberg werden die dafür benötigten mobilen Endgeräte allerdings wahrscheinlich erst im Herbst bereitgestellt, sodass bis auf Weiteres kein Weg vorbei führt, die Fundstellen mit dem Stift auf Papier zu vermerken.

Schwere Schäden

Kupferstecher und Buchdrucker sind die am häufigsten vorkommenden Borkenkäferarten, die sich an der Fichte gütlich tun. Letzterer ist mit rund fünf Millimetern (Bild rechts) deutlich länger. Er sucht sich geschwächte Bäume und liegendes, frisches Holz und bohrt sich durch die Rinde. Dann findet in der Rammelkammer die Paarung statt. In die abgehenden Muttergänge legen die Insekten ihre Eier. Die daraus schlüpfenden Larven fressen Gänge, an deren Ende sie sich verpuppen. Dabei entstehen die typischen Brutbilder. Im Bast zwischen Stamm und Rinde werden Leitungen zerstört, durch die Wasser und Nährstoffe fließen.

Lockstofffallen, im Wald aufgehängte schwarze Kunststoffkästen mit horizontal verlaufenden Öffnungen, dienen nicht dazu, zum Schutz des Waldes Borkenkäfer in größerem Maße zu fangen. Vielmehr sind sie aus Monitoringgründen installiert. Zweck ist die Beobachtung des Verhaltens, wozu der erste Ausflug in der Schwärmphase gehört.

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