Heidenheim / Edgar Deibert Für Niklas Dorsch war das Duell beim FC Bayern wohl noch aufregender als für alle anderen. Der 21-Jährige zeigte bei seinem Ex-Verein eine starke Leistung – musste aber frühzeitig vom Platz.

Herr Dorsch, wie gut und wie lange haben Sie in der Nacht nach dem Bayernspiel geschlafen?

Grundsätzlich bin ich ein Typ, der nach Spielen eh nie zur Ruhe kommt. Aber nach so einem Spiel noch weniger. Ich lag noch lange im Bett und habe mir Gedanken gemacht. Wenn du in München 0:5 verlierst, hakst du es schnell ab. Es ist halt umso ärgerlicher, wenn es so einen Verlauf nimmt. So fragst du dich: Was wäre, wenn? Aber es ist ja oft so, dass es dir nicht weiterhilft. Trotz allem bist aber stolz, dass du überhaupt dorthin gekommen bist und bei so einem Spiel auch abgeliefert hast.

Wie voll war Ihr Whatsapp-Eingang?

Klar voll, auch die anderen sozialen Medien. Das ist nach so einem Spiel auch völlig normal, dass du mehr Aufmerksamkeit bekommst als sonst. Auch aufgrund des Verlaufs hat das Spiel mehr Aufsehen erregt – in ganz Deutschland. Und ich habe ja lange in München gelebt. Es waren auch viele Freunde im Stadion. Auch die Familie war größtenteils da.

Für den FCH war es sicherlich ein besonderes Spiel, doch für Sie persönlich war es eine zusätzliche Ausnahmesituation?

Klar, wegen meiner Vergangenheit. In dem Stadion habe ich nicht allzu oft gespielt, ich glaube einmal. Und es hat sich natürlich einiges verändert, die Sitze auf der Tribüne sind jetzt rot. Aber ich kenne die ganzen Jungs, die Betreuer, das ganze Team drumherum. Wenn du sie alle wiedersiehst, ist es natürlich etwas Besonderes. Ich verbinde auch sehr viel Positives mit dem Verein.

Beim Einlaufen zum Warmmachen hallten bereits „Heidenheim, Heidenheim“-Sprechchöre durchs Stadion. Was waren da Ihre Gedanken?

Ich hatte Gänsehaut. Es waren ja brutal viele FCH-Fans da. Aus Heidenheimer Sicht ist es schon Wahnsinn. So viele Auswärtsfans gab es, glaube ich, selten in der Allianz-Arena.

Früh stand es aber 0:1. Was haben Sie da gedacht: Ach, du lieber Gott?

Ach, du lieber Gott trifft es ziemlich gut. Ich dachte: 11. Minute? Die Spielzeit kam mir deutlich länger vor. Da gehen dir sämtliche Szenarien durch den Kopf. Ein paar Wochen zuvor hat Wolfsburg sechs Stück in der Allianz-Arena bekommen, Mainz hat auch sechs Stück bekommen. Du fragst dich natürlich auch: Wie geht das jetzt weiter? Aber wir wussten auch, dass wir zurückkommen können, weil wir dies immer wieder gezeigt haben. Und bereits vor der Roten Karte sind wir sofort ins Pressing gegangen. Das war auch der Plan, mit dem wohl keiner gerechnet hat. Und so haben wir auch die Rote Karte erzwungen.

Dann dreht der FCH das Spiel und führt in München mit 2:1. Fasst man das als Spieler auf dem Platz überhaupt?

Gar nicht, würde ich ehrlich sagen. Es geht alles so schnell. Klar, du freust dich über die Situation. Du weißt aber auch, dass es ein Gegner ist, der Weltklasseniveau hat und der selbst zu zehnt brutal guten Fußball spielt. In der Pause wussten wir, dass es noch mal härter wird.

Waren Sie bei ihrem ehemaligen Verein besonders motiviert?

Ich war anders aufgeregt als sonst. Sinnbildlich steht für mich die 40. Minute, als ich an der Mittellinie in den Zweikampf gehe und die Gelbe Karte sehe. Das war völlig unnötig, das muss ich im Nachhinein auch ehrlich zugeben. Vielleicht war ich auch zu motiviert, es war ein dummes Foul. Bis dahin habe ich aggressiv gespielt, aber so aggressiv, dass ich viele Balleroberungen hatte und nicht zu weit gegangen bin.

Twitterstimmen „Heidengeld gewinnt gegen Heidenheim“

Haben Sie Ihre Auswechslung da bereits geahnt?

Gegen Köln gab es eine ähnliche Situation. Auch da habe ich kurz vor der Pause Gelb gesehen. Ich habe dem Trainer versprochen, dass ich vorsichtig sein werde. In der ersten Aktion nach der Halbzeitpause musste ich aber wieder in den Zweikampf gegen Müller. Es wurde wieder Foul gegen mich gepfiffen. Da bleibt dem Trainer auch nichts anderes übrig, als mich rauszunehmen. Ich war da extrem sauer auf mich selbst. Denn es war eben eine unnötige Gelbe Karte. Wegen so was vom Platz zu müssen, ist besonders ärgerlich. Ich hoffe, dass ich aus solchen Situationen lerne.

Den Rest des Spiels mussten Sie sich von außen ansehen. Fühlten Sie sich etwas machtlos?

Ein wenig vielleicht. Aber ich habe extrem mitgefiebert und wollte auch von außen ein Zeichen setzen. Beim 2:4 wollte ich am liebsten alle packen und sagen, dass es trotzdem weitergeht. Die Reaktion, die wir dann gezeigt haben, war natürlich überragend.

Und beim 4:4 haben Sie sich verwundert die Augen gerieben?

Du schaust auf die Anzeigentafel und denkst dir: Was ist denn hier los? Aber es war ja nicht glücklich oder so, sondern ein offenes Spiel. Es gab Chancen hüben wie drüben. Und wir laufen beim 4:4 aufs Tor zu – da drehst du völlig durch an der Seitenlinie. Im Gegenzug gibt es den Elfmeter gegen uns. Es war ein Auf und Ab. Wirklich Wahnsinn!

Mit der Sensation hat es nicht geklappt. Was haben denn Ihre ehemaligen Mitspieler gesagt?

Die waren sehr froh, dass sie das Ruder noch rumgerissen haben. Ich habe mit Joshua Kimmich und  Thomas Müller kurz gesprochen. Die haben alle durchatmen müssen. Auch der Co-Trainer Peter Hermann meinte, dass wir ein super Spiel gemacht haben. Aber davon können wir uns ja leider nichts kaufen. In erster Linie beschäftigst du dich aber mit dir selbst. Wenn du auf die Art und Weise dieses Spiel verlierst, ist es noch ärgerlicher.

Sie selbst spielen eine starke Saison. Glauben Sie, dass Sie andere Vereine dadurch auf sich aufmerksam gemacht haben?

Das weiß ich nicht, ich habe nichts gehört. Aber mit Sicherheit stehe ich nun anders im Fokus, als wenn ich noch in der Regionalliga spielen würde.

Würden Sie über die Saison hinaus gerne beim FCH bleiben?

Natürlich. Wenn du so eine erfolgreiche Saison spielst, willst du da weitermachen.

Es war ein Spiel, wie man es weder in München noch in Heidenheim für möglich gehalten hätte. Hier Eindrücke aus dem Stadion und die Pressekonferenz nach der Partie im Video.

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