Premiere "Hexenjagd" und "Peter Pan" im Naturtheater

Vor dem „Schandhaus“, links der Galgen: Das Bühnenbild im Naturtheater muss zu Arthur Millers historischer und dennoch zeitlos gültiger „Hexenjagd“ ebenso passen wie zum Kinderstück „Peter Pan“. Links die Regisseure Oliver von Fürich sowie Susanne und Ingo Schneider, dann drei Spielerinnen und der Vereinsvorsitzende Norbert Pfisterer.
Vor dem „Schandhaus“, links der Galgen: Das Bühnenbild im Naturtheater muss zu Arthur Millers historischer und dennoch zeitlos gültiger „Hexenjagd“ ebenso passen wie zum Kinderstück „Peter Pan“. Links die Regisseure Oliver von Fürich sowie Susanne und Ingo Schneider, dann drei Spielerinnen und der Vereinsvorsitzende Norbert Pfisterer. © Foto: Manfred Allenhöfer
Heidenheim / Manfred Allenhöfer 27.05.2015
Das Naturtheater vor der Premiere: Zwei sehr unterschiedliche Stücke auf behutsam variabler Bühne. Was darf man also erwarten?

„Böse Geister sind Realitäten“, zitierte der „Spiegel“ in seiner letzten Ausgabe einen evangelikalen Pastor. Leben wir wirklich in einem aufgeklärten Zeitalter? Zumindest hier, in Mitteleuropa? In Deutschland?

Man darf Zweifel haben. Zumal gerade in Deutschland die letzte große, völkische Geisterbeschwörung, die zu Genozid und millionenfachem Töten geführt hat, lediglich 70 Jahre her ist. Und auch ein Blick umher, in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts, macht rasch klar: Gefährliche Irrationalität und geisterbeschwörende Indoktrination ist nicht aus der Welt. Übrigens auch nicht bei uns.

Das ist dieses Jahr auch Thema im Naturtheater: Als Hauptstück dort hat am 19. Juni Arthur Millers „Hexenjagd“ Premiere, das im amerikanischen Massachusetts des ausgehenden 17. Jahrhunderts spielt.

Und auch das zweite Stück, das bereits am Sonntag, 7. Juni, erstmalig öffentlich aufgeführt wird, ist nicht nur in seiner psychoanalytischen Deutbarkeit, von Irrationalität, von Träumen und womöglich auch Traumata geprägt.

Die erste Premiere hat traditionell das Kinderstück, für dessen Alterspassung Regisseur Oliver von Fürich gleichwohl keine konkreten Angaben machen möchte: „Für Fünfjährige, die den Stoff kennen, gibt's sicher keine Probleme.“

Wenn nicht, schließt er Anspannungen nicht aus: „Aber es gibt ja auch viele Kinder im Ensemble“, sagt von Fürich und nennt die Zahl von „fast 80“ – bei insgesamt doppelt so vielen Mitwirkenden. Und im übrigen stehen ja „einige Identifikationsfiguren“ auf der Bühne oder eine Figur im Strampelanzug, die dem Bösen, also Capt'n Hook, „mächtig Kontra“ gibt. Im übrigen dürfe Theater doch „spannend“ sein – eine gewisse emotionale Anspannung sei deshalb ja nichts Schlechtes.

Von Fürich hat „Peter Pan“ bereits im Jahr 2000 als Saalstück inszeniert – „und mir war bald klar, dass ich das auch mal auf der großen Freilichtbühne realisieren möchte.“ Das sei freilich nicht so einfach – „es gab ein paar Dinge zu klären, deshalb hat das jetzt anderthalb Jahrzehnte gedauert.“

Von Fürich schwärmt von der „unglaublich tollen Geschichte: Da ist ein Junge, der nicht erwachsen werden will.“ Das gefalle ihm sehr, „ich sehe da auch den Peter Pan in mir.“

Auch könne er jetzt das Potenzial des Theatervereins nutzen: „Es gibt die wunderbare Möglichkeit, viele Leute einzubauen“, auch „Kinder massenhaft.“

Er habe sich „so einiges“ einfallen lassen, wobei er immer wieder „auf die Fantasie des Betrachters“ setze. Es gebe ein Piratenschiff, aber, klar: ohne Wasser: „Die Vorbühne hat die Form eines Schiffes.“ Für Kinder in der ersten Reihe könne das schon eine elektrisierende Nähe bedeuten.

Und was für von Fürich auch klar war: „Der Peter Pan soll schon auch einmal fliegen.“ Er verrate aber nicht, wie das funktionieren soll – „auch hier baue ich auf die Fantasie der Zuschauer.“

Was übrigens auch beim Bühnenbild gilt: Peter Pan und das puritanische Salem des 17. Jahrhunderts seien nicht leicht zur Deckung zu bringen bei der szenischen Hardware: „Wie stellt man sich denn Nimmerland vor?“ Das sei nirgends, auch nicht vom Autor James Matthew Barrie, schriftlich fixiert.

Und jedenfalls habe Bühnenbildner Christian Horn sich einiges ausgedacht: „Wir werden auch mit Buchstaben arbeiten“, sagt von Fürich – und verrät, dass diese auch noch eine weitergehende Funktion haben werden.

Im übrigen, weil die erste Szene in London spielt, soll auch ein Oldtimerbus zum Einsatz kommen. In der „Hexenjagd“ wird die Weite des Areals am Salamanderbächle hingegen von einem Gespann mit zwei Schwarzwäldern belebt.

Das Regiepaar Susanne und Ingo Schneider hat Arthur Millers Stück auch schon „ein paar Jahre in der Schublade.“ Den beiden gefällt, „dass das sehr reizvolle Stück auf wahren Begebenheiten beruht“ und auch die „sehr treffende, ausdrucksstarke und bodenständige Sprache, die packt und fesselt“, sowie die „präzis angelegten Rollen“ und dass die „Handlung sich immer wieder neu und stimmig aufbaut.“ Und es sei nie langweilig, „auch nicht nach über 100-maligem Hören und Sehen“.

Die „Hexenjagd“ sei anders als die Hauptstücke der letzten Jahre: „Da waren Dramen nicht so gefragt“, man schwimme jetzt „ganz bewusst ein bisschen gegen den Strom.“

Das sei der Verein auch seiner Geschichte und der Vielfalt seiner Inszenierungen schuldig, meint zustimmend Ulrike Valentin, fürs Künstlerische zuständiges Vorstandsmitglied im Naturtheater.

Und der neue Vereinsvorsitzende Norbert Pfisterer assistiert: Die letzte Saison, mit der Hauptattraktion „Blues Brothers“, habe für 46 000 Besucher gesorgt; wenn's heuer nicht so viele würden, sei das „auch in Ordnung“. Doch er sei überzeugt vom Erfolg: „Die Proben sind viel versprechend.“

Und Marita Kasischke erinnerte an die „Hamlet“-Inszenierung vor bald 20 Jahren: „Die war richtig klasse, ein großer künstlerischer Erfolg und sorgt noch heute für Gesprächsstoff. Aber ein Riesenerfolg an der Theaterkasse war sie nicht.“ Wie also definiere man Erfolg?

Woraufhin Pfisterer ergänzt: „Jetzt muss das Naturtheater halt zeigen, dass es auch anders kann.“ Im Verein gebe es viele Begabungen. Der Vorverkauf jedenfalls, berichtet er, laufe gut.

 

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