Heidenheim / Manfred Allenhöfer  Uhr
Es geht um nicht weniger als die Rettung der Welt – aber das wird auf eine sehr skurrile, ja verrückte Weise abgehandelt: Das Herbststück des Naturtheaters handelt nicht von James Bond, sondern von „Hase Hase“.

„Hase Hase“ ist eine schräge Komödie, die 1986 als erstes Bühnenstück der 1947 in Paris geborenen Autorin entstand und insbesondere in den 90er Jahren oft gespielt wurde. Es weist einen guten Schuss Anarchismus auf – und hat zugleich, vielleicht ist diese Doppelausrichtung Grundlage des seinerzeitigen Erfolgs, ein eigentlich ziemlich wertkonservatives Fundament: Alles ist möglich, wenn die Familie funktioniert. Und dann auch noch ein Quäntchen Feminismus: Erst recht, wenn man denn die Frauen entscheiden und handeln lässt.

Regisseur des Stücks, das am 26. Oktober im Theatersaal des Naturtheaters Premiere hat, ist Thomas Jentscher, der vor vielleicht fünf Jahren erstmals auf diesen Stoff stieß. Er hat ihn im Hinterkopf immer wieder gedreht und gewendet, hat sich ein wenig eingearbeitet, dann auch aufmerksam das Skript gelesen. Und sich schließlich entschlossen: „Das will ich machen.“

Der 48-jährige Steinheimer, Sportredakteur der Heidenheimer Zeitung, ist im Naturtheater engagiert seit 1987; und in den letzten beiden Jahrzehnten gab es so gut wie keine Spielzeit, an der er nicht als Akteur und oft genug auch mit weiteren Aufgaben beteiligt war.

Zweimal hat er bei einem großen Sommerstück Regie geführt (jeweils im Team), viermal im Saal. Und er bewarb sich mit seinem Vorschlag „Hase Hase“ für den Herbst 2013 (im ersten Jahr, in dem er in keinem Sommerstück eine Rolle auszufüllen hatte) – und konnte sich durchsetzen.

Seit September probt er mit seinem 14-köpfigen Team; bei der Regiearbeit assistieren ihm Daniela Fickel und Katrin Strang. Für das Bühnenbild zuständig ist der erfahrene Christian Horn. Und der, im Hauptberuf tätig am Staatstheater Stuttgart, kann sich das Urteil erlauben: „Ihr habt ja weniger Probenzeit als Profis.“

Freilich ist der Zeitaufwand dennoch riesig: Die letzten Wochen wurde so gut wie jeden Abend geprobt.

Worum geht's bei „Hase Hase“? Jentscher: „Der Inhalt ist bei diesem Stück ganz schwer in wenigen Sätzen zusammenzufassen.“ Und er will natürlich von den überraschenden Pointen nicht allzuviele verraten. Doch er rechnet maßgeblich zur Qualität des Stückes, „dass sein Fortgang nicht auszurechnen ist“.

Im Mittelpunkt steht jedenfalls eine siebenköpfige Familie, die zwar nicht dem Prekariat zuzurechnen ist, aber ausgesprochen mittellos leben muss: Die Eltern leben mit sieben Kindern in einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung.

Als das Spiel einsetzt, haben drei Kinder die Wohnung bereits verlassen; vom Ältesten nimmt man sogar an, dass er es geschafft hat, Medizin zu studieren und ein gutbürgerliches Leben zu starten. Aber natürlich kommt es im Lauf des etwa eindreiviertel Stunden langen Stücks ganz anders – die Kinder, die weg schienen, kommen wieder. Und weitere zwei Personen drängeln sich schließlich in anderthalb Zimmern. Und abschließend werden noch weitere Bewohner angekündigt. Eng wird's also – und ziemlich turbulent.

Den ganzen Laden managt und hält zusammen Mutter Hase, ohne die nichts geht. Ohne die, und da ist man wieder bei dem (herrlich ironisierten) großen Anspruch vom ersten Satz, würde die Welt genauso auseinanderbrechen wie die Familie. Es kommt aber anders – Autorin Serreau selber versteht ihr Stück denn auch als „lustvolle Aufforderung, weiter zu kämpfen“, Mama kriegt's hin, mit weiterer weiblicher Unterstützung: Regisseur Jentscher weiß den „feministischen Ansatz“ des Stückes durchaus zu schätzen.

Titelgebend als „Hase Hase“ ist das jüngste Kind der vielköpfigen Familie, das mit kosmischen Kontakten seinen Beitrag zur Rettung von Welt und Familie leistet – und Jentscher hat daraus auch eine weibliche Rolle gemacht, die Anna Törke spielt. Die Hauptrolle, die Mama Hase, hat Anja Bäuerle inne, langjähriger künstlerischer Vorstand im Naturtheater, die berufs- und familienbedingt in den letzten Jahren wenig zum Spielen kam. Und Papa Hase, der's nicht so bringt und im Stück dann auch noch arbeitslos wird, ist der erfahrene Alwis Michalk. 13 Spieler weist das Ensemble insgesamt auf; in kurzen Rollen kommen auch der Spielleiter und seine Assistentin Katrin Strang auf die Bühne.

„Dass in diesem Stück eine ganze Reihe weiblicher Rollen zu besetzen war“, sei für ihn auch mitentscheidend gewesen für „Hase Hase“. Schließlich seien, schätzt Jentscher, vielleicht zwei Drittel der Naturtheater-Mitglieder weiblichen Geschlechts: „Und in der Literatur ist das Verhältnis eher umgekehrt.“

„Voll angespannter Vorfreude“ sei die Atmosphäre bei den Proben, wobei für das „Durchspielen“ einer Fünf-Minuten-Sequenz im Stück „schon mal mehr als eine Stunde verwandt werden kann“, berichtet Jentscher von der oft nervenanspannenden Probenarbeit. Und es seien auch einige szenische und dramaturgische Kniffligkeiten zu lösen gewesen – zum Beispiel die (kosmisch veranlasste) Wandlung einiger Soldaten, die daraufhin für ein friedlicheres Miteinander stehen, nachdem zuvor auch noch ein drohender politischer Umsturz im Stück angedeutet wurde. Und so tritt auch ein (freilich nicht ganz eindeutiger) „Ministerpräsident“ auf.

Viele Ideen fanden ihren Niederschlag in der Inszenierung, die am Samstag (26. Oktober, 20 Uhr) Premiere hat. Sechs weitere Aufführungen sind dann angesetzt bis zum 10. November.

„Man kann alles schaffen, wenn man sich nur richtig einsetzt“: Das ist die Botschaft des Stückes, die vom Ensemble und den weiteren Mitwirkenden für acht intensive Wochen gerne auch fürs eigene Tun adaptiert wurde.

Der Premiere am 26. Oktober folgen sechs weitere Aufführungen – am Donnerstag (31. Oktober, 20 Uhr), dann am 2./3. und 8./9./10. November (20 Uhr, sonntags 18 Uhr). Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses, Tel. 07321.347-139.