Heidenheim “Frühstück bei Tiffany“ feierte Premiere

Heidenheim / Joelle Reimer 18.06.2018
Am Ende bleibt die Hoffnung: Das Sommerstück „Frühstück bei Tiffany“ feierte Premiere – eine interessante Inszenierung am Naturtheater, die über drei Stunden aber etwas zu langatmig ausfiel.

Es ist Premierenabend im Heidenheimer Naturtheater. Gut 70 Minuten sind schon gespielt. Das Partygirl Holly Golightly und ihr Nachbar, der Schriftsteller Paul, der sie an ihren Bruder erinnert und den sie deswegen standhaft nur Fred nennt, haben sich mit ihrer ausgelassenen Unbekümmertheit und der sogleich gnadenlosen Direktheit bereits in die Herzen einiger Zuschauer geschlichen.

Dann, es ist kurz vor der Pause und die Handlung plätschert gerade so dahin, wie es Hollys unverschämter Charme den ganzen Abend über tut, ja genau dann ändert sich plötzlich die Stimmung. Die Bühne erstrahlt in blau-grünem Licht, ganz vorne kommen zwei Schmuckvitrinen zum Vorschein – und auf Hollys Gesicht schleicht sich ein verzücktes Lächeln, das fast ein echtes sein könnte. Da ist es schließlich: Das Schmuckgeschäft Tiffany's, namensgebend für den 1958 veröffentlichten Kurzroman von Truman Capote, der als Vorlage für das diesjährige Sommerstück „Frühstück bei Tiffany“ am Naturtheater diente.

Viele Facetten treten in diesem Stück zutage; so viele, dass der Zuschauer, lässt er auch nur für den Bruchteil einer Sekunde seine Aufmerksamkeit schweifen, fast den Überblick verliert, welcher neue Liebhaber nun schon wieder an Hollys Seite steht. „Frühstück bei Tiffany“, das ist ihre Geschichte – die Geschichte des exzentrischen Partygirls Holly Golightly, gespielt von Anna-Marie Barth, das sich auf faszinierende Art und Weise im New York der 1960er Jahre über Wasser hält. Es ist eine Geschichte, die Fassaden einstürzen lässt, die Hoffnungen schürt und sie im gleichen Moment wieder nimmt.

Doch vor allem und an erster Stelle ist es die Geschichte des Schriftstellers Fred – die des jungen Fred, mit überzeugend viel Elan gespielt von Julius Ferstl, und auch die des alten Fred (Manuel Meiswinkel). Dieser alte Fred, der in der insgesamt doch etwas langatmig geratenen Inszenierung wohl den längsten Atem benötigt, weil er fast non-stop auf der Bühne präsent ist – dieser Fred war richtig gut. Und zwar von dem Moment an, als er im Dunst der Brooklyn-Bridge, begleitet von Musik der 50er Jahre, die Bühne als Erster betrat, bis zum Ende, als er genau dort nach drei Stunden als Letzter wieder in der Dunkelheit verschwand. Parallel zum Geschehen auf der Bühne berichtet der alte Fred den Abend über rückblickend, was sein jüngeres Ich damals erlebt hat.

Mit dieser Art der Inszenierung ist den beiden Regisseurinnen Kerstin Keppler und Regine Czichon ein spannendes Wechselspiel zwischen den Zeiten gelungen; der alte Fred gibt den Szenen Halt und rahmt sie ein ins große Ganze – einziges Manko: Wer Überraschungen liebt, dürfte arg enttäuscht gewesen sein, denn schon zu Beginn wird das Verschwinden Hollys und gleichzeitig Freds Hoffnung angedeutet, sie irgendwann wieder zu sehen.

Die Rolle des alten Fred war alles andere als überflüssig und dazu auch noch so souverän gespielt – immerhin musste er sich die meiste Zeit dezent im Hintergrund halten, ohne aber gelangweilt herumzusitzen – dass er allein die etwas schleppende erste Hälfte fast wieder wett machte. Fast. Denn hier gab es immer wieder überflüssige Szenen, die zwar zwecks Wiedererkennung den ein oder anderen Film-Fan gefreut haben dürften, letztlich aber die Handlung unnötig in die Länge gezogen haben – woraufhin diese mitunter an Vielschichtigkeit verlor und stellenweise etwas flach wirkte.

Holly: Laut und exzentrisch

Gut gespielt war nicht nur die Rolle des alten Fred, auch der junge Fred und Holly zeigten sich authentisch – beispielsweise dann, wenn sich Holly mit ihrem Nachbarn über sein erstes verkauftes Buch freut, wenn sich die beiden im Abendlicht an der Brooklyn Bridge küssen oder sich im Streit die schlimmsten Dinge an den Kopf werfen. Die laute, exzentrische, forsche Holly – diese Rolle schien Anna-Marie Barth perfekt auszufüllen, doch immer wieder blitzte auch die andere Seite durch: die eines verängstigten, unsicheren Mädchens. Vor allem dann, als ihr Verlobter Doc Golightly (Karsten Tanzmann) auftaucht und sie ihm zum Abschied von Herzen für alles dankt, was er für sie getan hat.

Weiterer Nebenschauplatz der Liebe ist zunächst Rusty (Dieter Stenzel) und anschließend José Ybarra-Jaegar (Günther Herzog), der Holly allerdings verlässt, als sie wegen des Verdachts verhaftet wird, für den Maria-Boss Sally Tomato zu arbeiten, den sie gegen Bezahlung jeden Donnerstag im Sing-Sing-Gefängnis besucht. Ihr selbst gestecktes Ziel, einen reichen Mann in Brasilien zu heiraten, platzt: José möchte in seinem politischen Amt keine Frau an seiner Seite, die öffentlich derart negativ auffällt.

Aus der Traum, und so scheint das New Yorker Partygirl die Quittung bekommen zu haben für ihr Verhalten, das sie bis dahin ausschließlich an Geld und Reichtum ausgelegt hat. Ein Verhalten, bei dem sie ihre Gefühle einem höheren Ziel unterstellt – nämlich dem, einen reichen Mann zu finden, was ein paar Szenen zuvor überdeutlich wird, als sie Fred nach einem Kuss abblitzen lässt mit den Worten: „Männer mit beschränkten Mitteln und unbeschränkten Verwirrtheiten haben in meinem Leben keinen Platz.“

Und so verreist sie alleine und verschwindet aus Freds Leben. Im Laufe all dieser Irrungen und Windungen kommen ständig neue Charaktere hinzu, was die Geschichte leider nicht weniger aufgebläht erscheinen lässt. Einzige Konstante neben dem alten Fred ist da Hollys Kater – Hanna Berroth stolziert in schwarzen Leggins und mit überdimensionalem Katzenkopf elegant über die Bühne.

Abstrakte Kulisse funktioniert

Und auch der Opel Kadett, der die Partygäste vorfährt oder am Ende als Taxi dient, um Holly in ihr neues Leben zu geleiten, war definitiv ein Hingucker in Sachen Requisiten. Apropos Hingucker. Als ein solcher kann auch das Bühnenbild bezeichnet werden. Die mächtige Brooklyn-Bridge auf der einen, Joe's Bar auf der anderen Seite, bestückt mit detaillierten Elementen wie übergroßen Lippenstiften, und dazwischen der Wechsel von Freds zu Hollys Wohnung und wieder zurück. Die vereinfachten, rosafarbenen Hochhäuser, die auf den ersten Blick vielleicht etwas zu abstrakt wirken könnten, haben im Spiel jedoch tadellos funktioniert. Einige feste Elemente trugen das ihrige dazu bei, den Zuschauer zu verorten; so gab es in Hollys Wohnung übergroße Brillen und einmal sogar eine Badewanne (ganz wie im Film), Freds Wohnung wurde durch übergroße Stifte und ein Buch dargestellt.

Und wie das so typisch ist für ein wildes Partygirl, hatte Anna-Marie Barth als Holly in fast keiner Szene dasselbe an. Eben noch im Trenchcoat, stolzierte sie ein paar Sekunden später im Blumenkleid über die Bühne, was in der nächsten Szene schon dem weinroten Abendkleid gewichen war – und so weiter, und so fort. Eine beachtliche Leistung, die unmerklich vonstatten ging.

Als Fazit bleibt: Genau wie Holly, die vom Leben viel und noch mehr will, wollte auch die Inszenierung am Naturtheater viel. Tiefgang, feine Nuancen, nachdenklicher Humor: das alles ist dabei aber etwas zu kurz gekommen.

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