Heidenheim / Manfred Allenhöfer  Uhr
Die Reaktionen des Publikums bei der Premiere der „Feuerzangenbowle“ im Naturtheater zeigen: Es war ein überwältigender Erfolg, es gab viel Zwischenbeifall. Gelegentlich reichte ein Zitat, der Einstieg in eine Szene, dem Publikum vom Film her geläufig, zur spontanen erkennenden Akklamation.

Ein "Museum für pädagogische Raritäten?" Nein, das sei der vorgestellte "Lehrkörper"; keiner, schrieb Autor Heinrich Spoerl in seinem Roman "Die Feuerzangenbowle", der im Anfangsjahr des düstersten deutschen Jahrdutzends erschienen ist. Ein eher mittelmäßiger Roman ist das, die Literaturgeschichte hat von ihm, zu Recht, weiter keine große Notiz genommen.

Elf Jahre später wurde daraus aber der Film, der mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle zu einem der allergrößten deutschen Kinoerfolge geriet – unvergessen und heißgeliebt zumindest bei den nimmer ganz so jugendfrischen Generationen im Lande.

Doch auch in jungakademischen Kreisen wird in den letzten Jahren der Film wieder hochgeschätzt: Nicht zuletzt ausgelöst durch ein gehöriges Maß Gaudium am Trash wird dieser Film, der dank ausdrücklicher Zustimmung Adolf Hitlers 1944 uraufgeführt werden durfte, insbesondere in der Vorweihnachtszeit gerne als „Kultfilm“ genossen.

Mag auch der Nationalsozialismus nicht mit Knobelbechern durch Buch und Film marschieren – die flotten, die weltaufgeschlossenen Jahre der Weimarer Republik spielen darin keine Rolle. Der gesellschaftliche und politische Aufbruch und nun schon gar das reformpädagogische Voranschreiten in dieser Zeit wird kein bisschen reflektiert. Der Lehrkörper wirkt heute schon spürbar museal – und das ist auch ein großer Teil seines Reizes.

Spoerls Roman und auch der Film spielen im wilhelministischen, im kaiserlichen Deutschland. Und obrigkeitsstaatliches Denken wird regelrecht zelebriert. Man bewegt sich also, bei Buch wie Film sollte man das nicht gänzlich aus den Augen verlieren, auf eigentlich gesellschaftspolitisch vermintem Gelände. Die gezeigte Welt ist von der seit 1968 in Deutschland zunehmend praktizierten Wirklichkeit weit entfernt.

Doch man darf diese Distanz gerne genießen – Spoerls Sujet führt in eine mittlerweile exotisch gewordene Welt.

Ist das Stück denn noch zeitgemäß?

Ist die „Feuerzangenbowle“ also noch ein zeitgemäßes Stück? Wie verständlich ist überhaupt eine Handlung, in deren Mittelpunkt ein „Pennal“ steht und die Inter- und Contraaktionen einer rein männlichen „Oberprima“? Die Reaktionen des Publikums bei der Premiere der „Feuerzangenbowle“ im Naturtheater machen all diese potenziellen Bedenken obsolet: Es war ein überwältigender Erfolg, es gab viel Zwischenbeifall. Gelegentlich reichte ein Zitat, der Einstieg in eine Szene, dem Publikum vom Film her geläufig, zur spontanen erkennenden Akklamation.

Immer mal wieder in den letzten Jahren befürchtete man im Naturtheater, dass prägende Filme oder Inszenierungen sich als lähmend-beständiger Vergleich über die Heidenheimer Amateurszenen legen könnten - hier war das kein Thema: Die Großbühnenfassung sorgt für beständige Heiterkeit. Wiedererkennbarkeit wirft keine Schatten, sondern schafft sinnenfällige Reize.

Und das gilt beileibe nicht nur für das legendäre „Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm“, von der Lehrkraft Bömmel in von Spoerl selber als „niederrheinischem Dialekt“ apostrophierten sprachlichen Originalität problematisiert. Oder bei der von Professor Crey alias „Schnauz“ unnachahmlich zelebrierten Stunde zum Thema „Alkoholische Gärung“ mit selbstgekeltertem Heidelbeerwein: „Jeder nor einen wenzigen Schlock“ – ein Knaller, der erstaunlicherweise schon vor der Pause gezündet wurde.

Im Naturtheater wird eine von historischen Skrupeln freie nostalgische Revue geboten – die mit erkennbarem Spaß, mit Ideenreichtum und Detailfreude in brutto drei Stunden aufgeschäumt wird.

Regisseurin Claudia Becker und ihr siebenköpfiges Team, in dem Klaus Zumstein mit seiner „Piroschka“-Erfahrung ein besonders wichtige Rolle gespielt haben dürfte, hat eine Unterhaltungsszenerie gebastelt, die unverstellt der reinen Vergnüglichkeit huldigt.

Auch sprachlich frei von Peinlichkeiten

Dazu ist sie auch in der Lage, weil sie einige vorzügliche Volksschauspieler aufbieten kann, die, zumal wenn jüngeren Alters, diese goutierende Bezeichnung vielleicht gar nicht mehr schätzen wollen: Jacob Hetzner beispielsweise ist ein relativer Schlossberg-Debutant, der seine Rolle als Pfeiffer („mit drei f“) bravourös auszugestalten verstand. Hetzner galt bei Arthur Millers „Hexenjagd“ im vorigen Sommer als ein Darsteller von „stupender darstellerischer Präsenz“ sowie „ein ganz großes Talent, das zu halten dem Naturtheater angelegen sein sollte“. Man hat ihn gehalten – er trägt zum Erfolg der „Feuerzangenbowle“ mit seinem differenzierten Können und der sich wiederum bewahrheitenden „darstellerischen Präsenz“ einen Gutteil bei.

Eigentlich spielt er ja drei Rollen: Den Streiche spielenden Oberprimaner im Pennal der Kleinstadt Babenberg, dann den erfolgreichen und versnobten großstädtischen Autor. Und schließlich imitiert er, in einer Kernszene, den skurrilen Lehrer Schnauz mit seiner eigenwilligen Aussprache, mit der er sich selber zum „größten Flägel der Anstalt“ adelt, ganz ohne „settliche Reife“. Das ist spielerisch wie sprachlich eine reife Leistung.

Das hat die Inszenierung ohnehin sehr sauber und völlig frei von jedweder Peinlichkeit hingekriegt: Sprachliche Eigenheiten, die für den Filmerfolg mit konstitutiv waren, wurden ebenso lustvoll wie gekonnt aufgegriffen. Da ist besagter Schnauz alias Prof. Crey, dem Oliver von Fürich schräge Kontur verleiht. Oder Bömmel („Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter“), den Thomas Jentscher mit augenzwinkernder Souveränität plastisch werden lässt.

Sprachlich weniger stark konturiert, dafür spielerisch wunderbar differenziert und dennoch präsent ist der von Gerald Becker lustvoll verkörperte gymnasiale Direktor.

Noch eine weitere Lehrkraft sei nicht unerwähnt: Günther Herzog spielte den Schülerdurchschauer Bach mit launiger Effektivität.

Ensemble gefällt mit großer Spiellust

Alle Spieler wissen zu gefallen und spielen ihre Rolle zur ununterbrochenen Freude des Publikums. Beispielhaft für ein großes Ensemble seien genannt Marta Munz als Mutter Windscheid, Marianne Teicher als Schulrätin (ein bisschen unzeitgemäß – aber es gibt mancherlei kleinere Anachronismen in dieser Inszenierung, die freilich nicht weiter stören), Anna Barth als Direktorentöchterle oder Anne-Sophie Pfisterer als ihre zickige großstädtische Gegenspielerin.

Es gibt keinen Ausfall; manches wird ein wenig holzschnittartig überzeichnet – aber ausdifferenzierende Charakterdarstellung braucht bei einer so ollen und bewährten komödiantischen Kamelle ja auch nicht primäres inszenatorisches Ziel zu sein.

Die szenischen Übergänge sind fließend und stimmig-nostalgisch musikalisch umrahmt: Dafür haben die Zumsteins gesorgt – Klaus Maria (formerly known as Gröner) und Max. Das Regieteam um Claudia Becker, mit Iris Ostermayer und Lara Tschabrun sowie assistierend Andine Wintermayr-Wöhler, Lara-Sophie Wöhler und Steffen Vogel, haben ganze und das Premierenpublikum vollauf überzeugende Arbeit geleistet.

Diese „Feuerzangenbowle“ hat zwar einen langen Bart, aber allein schon der Untergesichtsschmuck der männlichen Spieler, teils echt, teils angeklebt, war die helle Freude. Ebenso zu loben sind die Masken- wie auch die Kostümbildner – deren Arbeit ist auch gemeint mit der eingangs gelobten Sorgfalt, zu der auch ein Oldtimer gehört und ein immer wieder das Metalltor schließender Pedell.

Das Naturtheater bietet in dieser Saison eine liebevoll gemachte Revue der Nostalgie. Ordnung muss sein, die hier als „strenge Scholzocht“ daherkommt – und ein ordentlicher Schuss Anarchie konterkariert ja den von Spoerl fixierten Autoritarismus auf wrkungsvolle Weise.