Heidenheim „Entjudung“ Heidenheims: Als die Nachbarn zu Feinden wurden

Aus dem Archiv in ein dunkles Kapitel der Heimatgeschichte: Alfred Hoffmann hat seinen Band über die „Entjudung“ Heidenheims neu herausgegeben – inklusive manch neuen Materials.
Aus dem Archiv in ein dunkles Kapitel der Heimatgeschichte: Alfred Hoffmann hat seinen Band über die „Entjudung“ Heidenheims neu herausgegeben – inklusive manch neuen Materials. © Foto: hr/Archiv
Heidenheim / Von Hendrik Rupp 28.07.2018
Alfred Hoffmanns Buch „Keine Volksgenossen“ widmet sich der „Entjudung“ Heidenheims unter den Nazis.

Das Kaufhaus Wohlwert hatte keine Chance: Kaum vier Jahre nach seiner Eröffnung musste es den Eigentümer wechseln, die Nachfolger warben damit, dass man „jetzt rein arisch“ einkaufen könne. Aus Wohlwert wurde Kämper und ab 1941 trug das Warenhaus den Namen eines Kaufmanns aus Düsseldorf: Steingaß. Das Kaufhaus Frank&Klau am Jaekle-Platz war da schon längst „arisiert“: Es zog ab 1936 Hakenkreuzfahnen auf und trug den Namen seines neuen Eigners: Haux.

Doppelt so dick

Enteignet und verdrängt, verjagt und verhaftet: Auch in Heidenheim hatte die jüdische Bevölkerung im Nationalsozialismus keine Chance. 1998 dokumentierte der Historiker Alfred Hoffmann das erstmals in seinem Band „Keine Volksgenossen – zur ,Entjudung‘ Heidenheims in der Zeit des Nationalsozialismus“. 1999 gab es eine zweite Auflage, die rasch vergriffen war. Nun hat Hoffmann den Band neu herausgegeben – und er ist rund doppelt so dick wie das Heftchen aus dem Jahre 1998.

„Ich wollte es nicht nur einfach neu auflegen, sondern das einarbeiten, was ich in den vergangenen 20 Jahren noch zu dem Thema fand“, so Hoffmann. Fündig wurde er meistens auswärts: „Es ist immer wieder erstaunlich, wo neue Unterlagen zu einem relativ eng begrenzten Heidenheimer Thema zu finden sind“, so Stadtarchivar Dr. Alexander Usler, dessen eigene Bestände kaum etwas zu dem Thema hergeben. Fündig wurde und wird Hoffmann in den Staatsarchiven – und immer wieder in alten Bänden des „Grenzboten“, dem Vorgänger der Heidenheimer Zeitung.

Eben jener „Grenzbote“ spielte eine sehr entscheidende Rolle bei der Diffamierung der Heidenheimer Juden. Da man ihnen keine finsteren Machenschaften anhängen konnte (derartige Lügen wären in der kleinen Stadt aufgefallen), bemühte man Schauermärchen aus alten Zeiten oder fernen Orten – nicht selten las man im Lokalteil in großer Aufmachung, was Juden sich in Berlin wieder geleistet hätten.

Aber wie antijüdisch war Heidenheim tatsächlich? „Nicht mehr und nicht weniger als andere Städte“, so Alfred Hoffmanns Fazit. Scharfe Nazis habe es auch hier im Ort gegeben, aber auch den Versuch, die Kirche im Dorf zu lassen. Landrat Dr. Hermann Ebner zum Beispiel gab den Befehl zum Tragen des „Judensterns“ 1941 erstmal einfach nicht in die Kreisgemeinden weiter. Ist Heidenheims Haltung zu jenen Jahren inzwischen gelassener als vor 20 Jahren? Hoffmann ist sich nicht sicher.

Auch aufgrund seiner Veröffentlichungen in der HZ erhält er bis heute anonyme Briefe, die ihm vorhalten, er sei ein „Israelfreund“. Hoffmann: „Ich bin überhaupt nicht damit einverstanden, was heute in Israel geschieht, aber hier geht es doch um etwas ganz anderes.“

Bis heute anonyme Briefe

Usler begeistern vor allem die Quellen und abgedruckten Originaldokumente: „Der interessierte Leser ist damit häufig selbst hautnah am Thema.“ Und in Vergessenheit geraten sollte dieses Kapitel Heidenheimer Geschichte nicht.

Das Buch „Keine Volksgenossen“ ist im Eigenverlag erschienen. Erhältlich ist es beim Autor Alfred Hoffmann oder in der Buchhandlung Konold.

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