Heidenheim / Thomas Grüninger Am Tag nach dem Neun-Tore-Spektakel bei Bayern München würdigt Frank Schmidt vor allem den Charakter seiner Mannschaft, die sich in keiner Phase aufgab.

Verlierer erhalten im Regelfall keine Glückwünsche. Doch am Mittwoch nach dem 4:5 des 1. FC Heidenheim bei Bayern München war das ganz anders. Während sich der Fußball-Gigant von der Isar als Pflichtsieger im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen einen Zweitligisten öffentlicher Kritik stellen musste, kassierte der FCH Lob und Anerkennung wie noch nie.

Auch gestern empfing Frank Schmidt noch reihenweise Nachrichten auf seinem Handy, „selbst von Personen, von denen ich nicht mal weiß, woher sie meine Nummer haben“, wie der Trainer einräumte. Ausnahmsloser Tenor der Grußbotschaften: Glückwünsche für eine grandiose Leistung, der aus Heidenheimer Sicht letztlich nur eines fehlte: das Happy End.

Selbst Prominenz, die aus Funk und Fernsehen bekannt ist, meldete sich beim FCH-Trainer und zog symbolisch den Hut vor dem Underdog von der Ostalb, der dem Verein und der Stadt Ehre machte wie noch nie. Zum Schutz der Privatsphäre wollte Schmidt allerdings keine Namen nennen.

Zweimal zurückgekommen

Auch gestern noch war es schwer, das Geschehen dieser turbulenten 90 Pokalminuten in Worte zu fassen und irgendwie einzuordnen. „Hätte jemand vorausgesagt, dass neun Tore fallen würden, dann wären viele vielleicht von einem 8:1 für Bayern ausgegangen, maximal noch von einem 7:2“, gab Schmidt die allgemeine Erwartungshaltung vor der Partie wieder. Doch es kam ganz anders.

Gleich zweimal fand der FCH von einem Rückstand ins Spiel zurück: dem 0:1 folgte noch vor der Pause die 2:1-Führung, und selbst ein 2:4 bei den Rekord-Bayern markierte nicht das Ende der Heidenheimer Pokalträume. „Nach dem 4:4 war mir klar, jetzt drehen wir das Spiel. Und wir hatten ja auch den Matchball durch die Chance von Denis Thomalla. Aber kein Vorwurf an ihn, Sven Ulreich hat in diesem Moment hervorragend reagiert“, sagte Schmidt.

Es war ein Spiel, wie man es weder in München noch in Heidenheim für möglich gehalten hätte. Hier Eindrücke aus dem Stadion und die Pressekonferenz nach der Partie im Video.

So kassierte der FCH in der 84. Minute doch noch den K.-o.-Schlag – bezeichnenderweise durch einen Handelfmeter, den viele als umstritten sahen, den Schmidt aber in die Kategorie „kann man geben“ einordnete. Entscheidend sei dabei der Einsatz von Robert Lewandowski gewesen, der Marnon Busch in die Position brachte, in der er für einen Moment „die Koordination verlor“.  Der im Luftduell attackierte FCH-Verteidiger konnte nicht vermeiden, dass Ball und Ellbogen im Moment des Abdrehens irgendwie in Berührung kamen.

Handelfmeter vertretbar

Die Einwechslung des kränkelnden Bayern-Torjägers Lewandowski zur Halbzeit, der am Ende zwei Tore erzielte und eines vorbereitete, war ein wesentlicher Faktor des Münchner Sieges. „Das war schon eine Wucht, wie die Bayern zu Beginn der zweiten Halbzeit unser Tor berannt haben. Coman und Lewandowski haben nicht nur selbst gewirbelt, sondern auch ihre Mitspieler in ganz neue Positionen gebracht. Gegen eine solche Qualität hatten wir noch nie zu bestehen“, sagte Schmidt.

Doch auf der anderen Seite gab es auch einen, der nicht zu halten war: Robert Glatzel, dreifacher Torschütze gegen Bayern München. Ein Gütesiegel, das wohl einzigartig ist für einen Zweitliga-Stürmer. Schmidt attestierte dem gebürtigen Münchner „herausragende Form“ und eine ganz starke Weiterentwicklung in der laufenden Spielzeit, sowohl was die sportliche Qualität betrifft als auch in Bezug auf dessen Persönlichkeit.

Die außergewöhnliche Saison, die der FCH 2018/19 absolviert, hat allerdings auch den Nebeneffekt, dass solche Entwicklungen von der höherklassigen Konkurrenz interessiert verfolgt werden. Spieler wie Glatzel, Dovedan oder Dorsch haben sich längst bei Bundesligisten in den Fokus gespielt. „Das ist normal, das ist uns bewusst und nicht aufzuhalten“, sagt der FCH-Trainer. Wenn es so käme, dass jemand gehen würde, dann müsse man sich neu ausrichten, neue Ideen kreieren und wieder Spielern helfen, sich zu entwickeln, analysiert Schmidt nüchtern.

Jetzt wartet Köln

Auch wenn das aus Heidenheimer Sicht nichts Neues wäre – extrem schade wäre es schon, wenn diese starke Mannschaft, die auch im Umgang miteinander, wie Schmidt betont, von außergewöhnlicher gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist, auseinanderbrechen sollte. Trotz der verpassten Sensation von München hat sie am Mittwochabend Geschichte geschrieben, den Trainer sowohl traurig (wegen des bitteren Endes) als auch stolz gemacht. „Ich hätte es der Mannschaft und unseren tollen Fans so extrem gegönnt“, sagt Schmidt.

„Diese Emotionen treiben mich an“, betont er andererseits nach einem der turbulentesten Spiele seiner Karriere. Und richtet dann den Blick auf das nächste Highlight: das Duell mit Zweitliga-Spitzenreiter 1. FC Köln am Sonntag (13.30 Uhr): „Das wird nochmals ein richtiger Kraftakt für uns – auch in mentaler Hinsicht.“

Auf Twitter wurde das verrückte DFB-Pokalspiel FCB - FCH umfangreich kommentiert. Hier eine Auswahl der besten Tweets.

Für Niklas Dorsch war das Duell beim FC Bayern wohl noch aufregender als für alle anderen. Der 21-Jährige zeigte bei seinem Ex-Verein eine starke Leistung – musste aber frühzeitig vom Platz.