Heidenheim / Manfred Allenhöfer  Uhr
Saisonauftakt im Naturtheater: "Die kleine Hexe" ist eine farbenfrohe, lebendige und detailreiche Inszenierung
Es wird geputscht im Naturtheater! Nein, nicht gegen Norbert Pfisterer: Der Vorsitzende des Theatervereins auf dem Schlossberg hat am Sonntag, pünktlich um 15 Uhr, die neue Saison am Salamanderbächle eröffnet (das während der Premiere tatsächlich auch ein bisschen was zu schlucken bekam; zum Wetter aber später).

Ein halbes Jahr lang hätten, so Pfisterers Worte, viele Aktive geprobt, an Kostümen oder am Bühnenbild „gebastelt“. Alle seien froh, „dass es jetzt endlich losgeht. Und wir sind gespannt, wie's ankommt“. Das Ensemble habe große und kleine, alte und junge Mitglieder eingebunden: „Wir haben viele engagierte Amateure.“

Das war nicht zu übersehen; und es war nicht zuletzt die immer mal wieder schiere Masse an quicklebendigen und Spiellust aus allen Poren verströmenden Akteuren, die das Zuschauen der brutto eindreiviertel Stunden langen Inszenierung zur durchgehenden Freude ohne Durchhänger machte.

Gespielt wird, zum mittlerweile vierten Male im Naturtheater, „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler, dessen „Räuber Hotzenplotz“ auch schon drei Mal inszeniert wurde – ein Klassiker, der immer wieder für großen Publikumszuspruch sorgt.

Das Geschehen ist überschaubar und pädagogisch prinzipiell wertvoll und mit positiven Aussagen. Preußlers Bücher und in der Folge die darauf basierenden Stücke atmen den wohltuenden Geist der Auflehnung zugunsten von Menschlich- und Aufrichtigkeit – große Worte, die man aber auch (und vielleicht gerade) kleinen Menschen mit Hingabe übermitteln darf.

Und das, obwohl der Putsch am Ende des Premierenstücks zu einer Mobilitätsblockade und Bücherverbrennung führt: Denn die angestammte Gesellschaft der Hexen, repräsentiert vom ebenso kopfstarken wie farbsatten Hexenrat, wird von einem jungen Ding nachhaltig entmachtet: Sie verbrennt die Flugbesen und das gesammelte Kompendium des Hexenwissens in Form von Hexenbüchern – etwas, was man eigentlich gerade in Deutschland nicht ohne weiteres vorgeführt bekommen möchte

Aber hier macht das eine gute Hexe, die angehalten wurde, eben eine „gute Hexe“ zu sein, aber nicht kapiert hat, dass das bei Hexen eben eine Aufforderung zu ethisch verwerflichem Handeln ist.

„Weil Du immer nur Gutes gehext hast, bist Du eine schlechte Hexe“, wirft die Oberhexe, Oberhaupt des wertemassakrierenden Matriarchats, der jungen Werte-Anarchistin vor: „Pfui, Rattendreck, was bist Du für eine schlechte Hexe!“

Doch die, die bedürftigen Menschenkindern und allerlei notleidendem Volk immer wieder gerne geholfen hat, beschließt da den Aufstand – und verbrennt, zum Auftakt der Walpurgisnacht, dem Höhepunkt im Hexenjahr, eben die Besen und Hexenbücher des bisherigen Establishments.

Eine dreistellige Zahl von Akteuren bewegte sich, in farbenfrohen und mit viel Fantasie geschaffenen Kostümen (Sybille Gänsslen-Zeit) und wunderbaren Masken (Teamleiterin: Inge Eisenschmid), über die riesige Bühne, die zunächst noch feucht war vom Starkregen kurz vor Premierenbeginn. Vor der Pause zeigte der Himmel gelegentlich blaue Flecken; in der Pause, auf die man vielleicht hätte verzichten können, begann der Regen, der aber spielerisch beherrschbar blieb – auch wenn mancher Sprung ins Pfützchen auf der Bühne für ungewollte Effekte sorgte.

Und, der starke Beifall des Publikums im ausverkauften Naturtheater war gerade am Abklingen, da kam prompt die Sonne durch. Was unten in der Stadt auch zahlreiche Sonne- und Halbmondsymbole auf roten Textilien aus rollenden Autos hervorzauberte.

Die Massenszenen, egal ob Hexenvolk oder im Menschendorf, waren gebunden auch in wirkungsvollen Tanzszenen, deren bezaubernde Choreographien von Gabriele Schulz stammten.

Regisseur Stephan Fritz, ein erfahrener Stückeeinrichter im Naturtheater, und seine Assistenten Kerstin Keppler und Ulrike Valentin hatten für ein beschwingtes und flottes Spiel gesorgt, bei dem die geballt auftretenden ebenso wie die solistisch, sprich: textlich in Erscheinung auftretenden Akteure gleichermaßen gefielen

Das Bühnenbild war stimmig; und eine Vielzahl von Requisiten, sorgsam durchdacht und bühnen- und stückwirksam platziert, sorgten für großes Vergnügen.

Viele Einfälle waren da realisiert worden – und die gibt die Vorlage nur zum Teil vor. Eine winterliche Marktszene etwa, mit Kindern, die (auf echten Kufen!) Schlittschuh fahren, auf rollenbestückten Schlitten den rechten Bühnenrand herunterspitzeln oder sich eine Schneeballschlacht liefern, geraten so zum opulenten, doch nie aufdringlichen Guckspaß. Dass daneben auch noch ein Schneemann gebaut wird, sieht nun wiederum Preußler vor, denn der agiert, dankt der zauberspruch-evozierten Prägung durch die kleine Hexe, als Strafmaschine für Lausbuben, die andere Kinder nur ärgern wollen.

Und die kopfstarken Hexenhaufen (die Regie prägte für den vernehmbaren Teil den wunderbaren Namen der „Texthexen“!) sorgen immer wieder für ein großes Gezeter und mitreißende, farbige Frauenpower.

Dafür steht nun die kleine Hexe nicht unbedingt, die bei der Premiere gespielt wurde von der jungen Frida Reichert. Die war aber eine, im doppelten Wortsinn, bezaubernde Verfechterin nutzenbringenden und werteschaffenden Tuns. Textsicher brachte sie das Geschehen voran – und am Schluss, als alles, letztlich souverän, geschafft war, schien sie vor Erleichterung über dem Boden zu schweben.

Tatkräftig unterstützt wurde sie von ihrem Werteberater Abraxas, sicher und nett, krah, gespielt vom noch jüngeren Arjann Härtner.

Sehr gut gefallen konnte Ayse Michalk als gut-böse Muhme Rumpumpel, die der kleinen Hexe als verschlagene Hexenreeporterin ein Jahr lang hinterher spioniert, um ihr falsches Tun zu dokumentieren

Und ebenso eine Marke für sich ist die Oberhexe, die von der erfahrenen Martha Munz als weißbemähnte und beherzte Löwin statt als falsche Schlange plastisch gemacht wird.

Eine ganze Reihe weiterer Sprechrollen sieht die Besetzungsliste vor; und auch da gab es keinerlei Peinlichkeiten, sondern große Hingabe an die märchenhaften und natürlich ein bisschen holzschnittartigen Figuren.

Auch die Pyrotechnik leistet ihren Beitrag zum Gelingen einer guten, rundum gefallenden Inszenierung, die allenfalls mit einigen punktuellen Knallern und lautem Rufen nahe des Publikums das eine oder andere Kind ein wenig erschreckt haben mag. Warnungen muss man da aber keine aussprechen.

Zu loben gibt es eine sorgsam gemachte Inszenierung, bei der es wenig auszusetzen gibt. Man muss die Makel suchen – etwa wenn, zur Belegung der Rumpumpelschen Vorwürfe gegen das wertemäßig falsch gepolte Tun der kleinen Hexe große Tücher im Mittelhaus, mit Belegfotos bedruckt, gezeigt werden – mit einigen Akteuren, die bei der Premiere gar nicht auf der Bühne standen.

Liebe zum Detail und Einfallsreichtum sind die Merkmale einer farbigen und lebendigen Inszenierung, die zu Recht schon im Vorverkauf zum Publikumsrenner wurde. Selbst ein Tornado, mitsamt einiger Kugelblitze, ist im Naturtheater zu erleben. Das Zuschauen macht Freude von der ersten Szene an, bei der die Hexen aufmarschieren und sich zum flotten Tanz formieren: Sie lassen die Hüften kreisen, zeigen Bein, schwingen die Besen – zu einer ausgesprochen groovenden Musik.