Heidenheim / Andreas Uitz und Ben Wieland  Uhr
Seit 20 Jahren sitzt Ulrich Grath im Heidenheimer Gemeinderat, seit 15 Jahren ist er Vorsitzender der Freien-Wähler-Fraktion. Bei der Wahl am kommenden Sonntag tritt er nicht mehr an. Im Gespräch redet er über seine Erfahrungen und die Gründe.

Herr Grath, sind Sie arrogant und überheblich oder provozieren Sie nur gern?

Ulrich Grath: Ich würde mich selbst nicht als arrogant und überheblich bezeichnen. Ich weiß sehr gut, wo ich herkomme. Aber ich provoziere gerne, auch indem ich die Dinge manchmal überspitze und witzig formuliere.

Aber Humor liegt immer im Auge des Betrachters.

Das stimmt, und nicht immer finden mich alle witzig.

Sie haben im Gemeinderat sehr häufig konträre Standpunkte bezogen und das mit markigen Sprüchen auch deutlich gemacht. Dabei haben Sie sich oft mit Kleinigkeiten beschäftigt, die andere nicht interessierten. Warum?

Am Ende war mein Tun und Handeln immer aufs Wohl der Stadt Heidenheim ausgerichtet. Aufgrund meines beruflichen Hintergrundes habe ich manches anders gesehen als die Verwaltung. Das ökonomische Prinzip ist in meinem Leben der Maßstab. Immer wenn ich gemerkt habe, dass mit Geld nicht so umgegangen wird, wie ich es mit meinem eigenen Geld tun würde, habe ich die Stimme erhoben.

Denken Sie über kleinere Summen mehr nach als über Millionenbeträge?

Das Runterbrechen auf Details hilft auch, das Große und Ganze richtig zu sehen. Das gilt auch beim Haushalt. Wenn man nicht auch mal kleine Summen aufzeigt, scheitern viele an der Dimension. Die Fokussierung auf den Kauf einer Kipp-Bratpfanne mag für manche lächerlich sein, aber auch dabei kann man zeigen, wie mit Geld umgegangen werden sollte.

Sind Ihre provokativen Äußerungen Ausdruck Ihrer Meinung oder Meinung der Freien Wähler?

Wenn etwas rausschießt, ist das zuallererst mal meine Meinung. Aber irgendwie ist alles auch Fraktionsmeinung, weil es etwas gibt, das die Freien Wähler eint.

Das wäre?

Das Denken in Strukturen wie ein Selbstständiger. Zumindest ansatzweise wird also alles von der Fraktion getragen.

Gibt’s einen Fraktionszwang?

Nein, den gibt es nicht und gab es nie. Natürlich habe ich versucht, meine Sicht der Dinge als Vorgabe zu formulieren, aber es gab immer viele Diskussionen und jeder konnte abstimmen, wie er wollte.

Ihr Vater war auch schon Stadtrat für die Freien Wähler. Hat Sie das geprägt?

Natürlich, das hat die ganze Familie geprägt. In ganz Deutschland gab es keine ähnliche Situation wie die in Heidenheim. Wir hatten eine Konstellation, in der wir eine Familienfraktion hätten gründen können mit meinem Vater, meinem Bruder Martin und mir.

Das Politische liegt in der Familie?

Ja, das war das vom Vater gelebte Ehrenamt. Man merkt irgendwann, man will mitgestalten. Ich habe schon bei den Wirtschaftsjunioren damit angefangen, mich um kommunalpolitische Themen zu kümmern und von 1984 an für den Gemeinderat kandidiert. Erst 1999 wurde ich dann allerdings gewählt. Ich war also 15 Jahre lang kommunalpolitisch engagiert und habe die Welt nicht verstanden: Warum wählt man jemanden, der überhaupt nichts zu sagen hat und ich, der was zu sagen hatte, war außen vor?

Sie sind Immobilienmakler. Haben Sie beruflich davon profitiert, Stadtrat zu sein?

Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich kann nachweisen, dass ich vor 1999 viele Projekte auf Grundstücken der Stadt umgesetzt habe. Danach kein einziges mehr, bis heute. Das kommunalpolitische Ehrenamt hat mich beruflich nicht nur Zeit, sondern auch andere Dinge gekostet. Auch wenn die Leute natürlich das Gegenteil denken.

Apropos die Leute: Wie werden Sie als Stadtrat und Fraktionschef denn so wahrgenommen?

40 Prozent der Bevölkerung wissen gar nicht, wer man ist. Es gibt aber auch durchaus welche, die einen in Diskussionen verstricken. Das liebe ich. Jeder, der mir einen Brief geschrieben hat, hat Antwort bekommen. Ich will mit den Menschen in Dialog treten, auch wenn es mich manchmal aufgeregt hat. Aber dann konnte ich deutlich machen, wofür ich stehe.

Und was ist das?

Für die Entwicklung Heidenheims, eine klare Berechenbarkeit, für gesunden Menschenverstand, für Ökonomie, aber auch für Ökologie.

Für Ökologie?

Ich war im Gemeinderat ganz sicher einer der Ökologischsten außerhalb der Grünen. Aber das sehen die völlig anders.

Und warum treten Sie bei der Wahl am Sonntag nicht mehr an?

Ich habe irgendwann festgestellt, dass das nicht mehr meine Welt ist.

Inwiefern?

Als ich kommunalpolitisch aktiv wurde, vor 35 Jahren, hatte ich klare Vorstellungen, was ich verändern will. Zum Schluss musste ich feststellen, dass sich Dinge, für die ich mich mal verkämpft habe, zurückentwickeln und dass Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Und dass mein Sachverstand keinen Menschen mehr interessiert.

Was meinen Sie konkret?

Ich denke, dass ich mich nach 35 Jahren Berufserfahrung beim Thema Wohnen auskenne. Wenn ich mir dann aber von anderen die Welt des Wohnens erklären lassen muss, dann ist das nicht mehr meine Welt. Und bevor ich ausraste, ist es an der Zeit, aufzuhören.

Sie meinen den kommunalen Wohnungsbau?

Zum Beispiel. Ich bin immer noch der Meinung, dass eine Stadt keine Wohnungen bauen muss. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten, Menschen, die es wirklich nötig haben, in der jeweiligen Situation zu unterstützen.

Sie sagen, einiges hat sich zurückentwickelt. Aber was hat sich in den vergangenen 20 Jahren positiv verändert?

Die Stadt hat sich insgesamt sehr positiv entwickelt. Es gibt viele Leuchttürme. Das hört man vor allen Dingen von Menschen, die lange nicht mehr hier waren. Wir hatten durch den Verkauf der GBH-Anteile aber auch das finanzielle Potenzial. Was die Schulen und Kindergärten betrifft, ist da, wo wir stehen, vorne. Aber wir haben ein Defizit bei der Jugend, das sage ich ganz klar. Das war schon immer ein Thema der Freien Wähler, aber wir sind damit immer durchgefallen.

Was meinen Sie konkret?

Die Idee der Eislaufbahn, der stehenden Welle und viele andere Ideen. Allerdings muss man auch sagen, dass wir im sportlichen Bereich sehr viel getan haben, und das kommt ja auch der Jugend zugute. Aber das Freizeitangebot reicht nicht. Es nutzt nichts, wenn man eine Generation von Kindern und Kleinkindern gut versorgt und ihnen dann ab 14 nichts mehr bietet. Denn in der Zeit zwischen 14 und 18 werden die Kinder geprägt, da entsteht Heimatgefühl.

Was wünschen Sie sich denn für die kommenden Jahre?

Ich hoffe, dass wir unsere strukturellen Probleme lösen können. Das sehe ich darin, dass es nach wie vor kaum eine Chance gibt, dass Menschen hier nach ihren eigenen Wünschen bauen und wohnen können. In der Zeit, die es gebraucht hat, den Bebauungsplan für die Reutenen auf den Weg zu bringen, wurden in Nattheim und Umgebung 150 Häuser gebaut. Dort sind die Familien hingezogen, die uns heute bei der Einkommenssteuer-Umlage fehlen, für die wir aber mit mehr als 50 Prozent durch die Kreisumlage den Transport in unsere Schulen finanzieren.

Werden Sie sich auch in Zukunft für Heidenheim engagieren?

Natürlich. Ich will nicht graue Eminenz werden, aber ich denke, dass der Rat eines Menschen, der in vielen Bereichen sehr viel Erfahrung gesammelt hat, immer mal wieder gefragt ist. Ich werde mich noch einbringen, aber eben anders.

Wie stellen Sie sich das vor?

In einem Stadtratsleben gibt es einige frustrierende Situationen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte. Aber auch durch Reaktionen der Leute und durch Leserbriefe. Ich habe zu Hause einen Ordner auf dem steht: „Briefe, die ich dann doch nicht abgeschickt habe.“ Der wird keine weiteren Blätter bekommen!

Das heißt, Sie werden die Briefe abschicken?

Ja. Oder zumindest werde ich viele Dinge nicht mehr kommentarlos hinnehmen. Wenn ich was zu sagen habe, werde ich mich äußern. Die Aufgaben gehen mir nicht aus und auch nicht das Interesse an den wichtigen Themen. Dem Grath wird man auch in Zukunft den Mund nicht verbieten können.

Alle Stadträte in Ihrer Fraktion sind selbstständig. Wie sehen Sie da Ihre Rolle? Als Anwalt und Vertreter der Selbstständigen oder aller Bürger?

Eine ganz spannende Frage, die mich immer wieder beschäftigt hat. Ich bin ein unheimlich sozialer Mensch. Ich denke, dass nicht derjenige der Sozialste ist, der anderer Leuten Geld verteilt, sondern der, der danach schaut, dass Geld zum Verteilen da ist. Deshalb sehe ich mich schon als Fürsprecher der Selbstständigen, aber eben auch aller Bürger. Ich komme aus einer Bäckerei, aus einem Handwerksbetrieb. Ich habe nicht studiert, sondern war auf der Hauptschule und habe Mittlere Reife. Deshalb habe ich für mich immer in Anspruch genommen, dass ich die Denke des normalen Bürgers nachvollziehen kann.

Konnten Sie das auch umsetzen?

Ich denke, das ging lange. Aber es wird immer schwieriger.

Warum?

Die Diskussionen haben sich sehr stark ins Ideologische gewandelt. Zum Beispiel beim Rinderberg und beim Interkommunalen Gewerbegebiet Königsbronn. Wenn Leute verkennen, wo die Region ihre Stärken und ihren Ursprung hat, ist bei mir Ende. Das ist nicht mehr meine Welt. Und wenn man eine Welt nicht mehr versteht, muss man raus. Sonst macht man sich selber kaputt. Ja, es gibt die Welt des Ulrich Grath, und vielleicht wird man im Alter auch sturer.

Ist das auch ein Grund dafür, dass Sie aufhören?

Vielleicht war ich bei der Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren, auch von der Erkenntnis geleitet, dass es viel mehr gibt, die zu spät aufhören, als welche, die zu früh aufhören. Ich habe in den 20 Jahren in einer einzigen Sitzung gefehlt, ich habe mein Leben, meine berufliche Tätigkeit, meinen Urlaub, nach dem Gemeinderat ausgerichtet. Aber das tut man nur dann, wenn das deine Welt ist. Künftig priorisiere ich anders.

Das klingt auch frustriert. Sind Sie das?

Von der Kommunalpolitik? In letzter Zeit immer wieder. Und auf Dauer macht „meistens verlieren“ halt keinen Spaß, macht frustig.

Haben Sie noch Wünsche für die Stadt?

Ich wünsche den künftigen Mitgliedern des Gemeinderats und der Stadtverwaltung eine glückliche Hand, immer genug Geld, um die Dinge zu verwirklichen, die wichtig sind. Und dass sie Heidenheim immer im Fokus behalten und Berlin und Stuttgart dort lassen, wo sie sind. Familie, Straße, Stadt sind die wichtigsten Dinge im normalen Leben und Umfeld.

Zur Person

Ulrich Grath ist 61 Jahre und verheiratet. Er ist Vater vierer Kinder und zweifacher Opa.

Seit vielen Jahren ist er als Immobilienmakler selbstständig. Grath ist gelernter Industriekaufmann und Immobilienwirt. Seit 1999 ist er als Freier Wähler Mitglied des Heidenheimer Gemeinderats, seit 2005 Vorsitzender der Fraktion. Darüber hinaus sitzt er für die Freien Wähler auch im Kreistag. Auch für dieses Gremium kandidiert er bei der Wahl am Sonntag nicht mehr. ui