Heidenheim „Auerhaus“: Zeitreise in eine WG in den 1980er Jahren

In „Auerhaus“ trifft der erwachsene Höppner (Oliver Moumouris, links) auf sein jugendliches Ich – und nimmt das Publikum mit auf eine Reise in seine wilde Vergangenheit in eine WG, deren Bewohner sich gemeinsam um den selbstmordgefährdeten Frieder kümmern.
In „Auerhaus“ trifft der erwachsene Höppner (Oliver Moumouris, links) auf sein jugendliches Ich – und nimmt das Publikum mit auf eine Reise in seine wilde Vergangenheit in eine WG, deren Bewohner sich gemeinsam um den selbstmordgefährdeten Frieder kümmern. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Kathrin Schuler 08.11.2018
Freiheit, Freundschaft, Zukunftsängste – und Selbstmordgedanken: Das Theaterstück nach Bov Bjergs Roman schickte das Publikum im Heidenheimer Konzerthaus auf Zeitreise in eine WG in den 1980er Jahren.

Eine Hand voll Zettel, geschrieben vor vielen Jahren, angepinnt an einer Küchenwand, zu einer Zeit, in der alles möglich scheint. Mehr braucht es nicht, um den mittelalten Höppner im Stück „Auerhaus“, das die Württembergische Landesbühne Esslingen am Dienstag bei einer Veranstaltung des Theaterrings im Konzerthaus in Heidenheim präsentierte, wieder zurück in die WG seiner Jugendzeit zu bringen. Die Szenerie führt in die frühen 1980er Jahre, irgendwo auf dem schwäbischen Land. Die Schule ist langweilig, die Zukunft noch weit weg – und Höppners Freund Frieder hat Schlaftabletten geschluckt. Warum? Diese Frage zieht sich durch den Abend und wird doch in den rund zweieinhalb Stunden nie direkt gestellt, geschweige denn beantwortet.

Frieder (Markus Michalik) kommt in die Geschlossene. Dort raten ihm die Ärzte, von zu Hause auszuziehen – und da das Haus des Großvaters („Es riecht nach Gülle und nach altem Mann“) ohnehin leer steht, liegt nichts näher, als dort eine WG zu gründen. Natürlich mit seinem besten Freund Höppner (Daniel Großkämper), dessen Freundin Vera gleich mit einzieht – zusammen mit der Streberin Cäcilia. Später kommen noch die Brandstifterin Pauline, das „wohl schönste Mädchen der Welt“, und der schwule Harry dazu.

Leben ohne Regeln

Zwar ist es der erwachsen gewordene Höppner (Oliver Moumouris), der sich zurückerinnert an die wilde Jugendzeit während dem letzten Jahr in der Oberstufe. Doch die Figuren auf der Bühne erzählen ihre Geschichte gemeinsam, schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Erzählers, ergänzen sich gegenseitig und fallen einander ins Wort. Obwohl Großkämper und Moumouris dieselbe Person verkörpern, sind sie trotzdem nicht immer derselben Meinung. Rückblickend und mit einem Abstand von vielen Jahren sieht man eben manches anders als in der Jugendzeit.

Sie feiern, sie klauen was das Zeug hält, sie führen ein „richtiges Leben“ – frei von allen Regeln, wie es scheint. Im Radio läuft „Our House“ von „Madness“ rauf und runter, wird zur Hymne der WG: Auerhaus – wie Auerhahn und Auerochse eben.

Nichts ist sicher

Doch so unbeschwert und leicht, wie das Leben in der anarchischen WG zu sein scheint, ist es nicht. Nichts ist sicher, wie der junge Höppner bemerkt – seine Beziehung, das Abitur, die Zukunft. Und Frieders Todessehnsucht hängt zudem wie ein Damoklesschwert über dem Auerhaus und seinen Bewohnern – aus den Augen können sie ihn nicht lassen und aus dem Sinn kommt er ihnen schon gar nicht.

„Ich wollte mich nicht umbringen, ich wollte nur nicht mehr leben“, sagt Frieder einmal – ein Unterschied, wie er findet. Und als es mit dem Auerhaus zum Ende der Schulzeit dann endgültig vorbei ist und die Mitbewohner sich auf dem Weg des Erwachsenwerdens verlieren, ist Frieder so alleine wie vorher – nur kennt er jetzt den Unterschied.

So dauert es dann auch nicht lange, bis er wieder Schlaftabletten schluckt, dieses Mal mit Erfolg.

Gescheitert oder nicht?

Nicht nur Höppner reist in „Auerhaus“, inszeniert nach dem 2015 erschienen Erfolgsroman von Bov Bjerg, in die Vergangenheit. Auch das Publikum erinnert sich unweigerlich an diese Zeit zurück: Alle Wege stehen offen, und doch ist das mindestens genauso beunruhigend wie verheißungsvoll.

Trotzdem – in der Inszenierung von „Auerhaus“ scheint nichts verlockender zu sein, als selbst noch einmal so jung zu sein und keine Konsequenzen zu kennen, bis sie einen einholen.

Es geht um die Geschichte selbst, nicht um das Ende

Ist etwas gescheitert, nur weil es irgendwann vorbei ist? Streberin Cäcilia sagt das über die Ehe ihrer Eltern. Doch Höppner sieht das anders: „Wie kann die das denn so sagen? Die waren 20 Jahre lang verheiratet und dann haben sie sich eben scheiden lassen.“ Denn nicht immer ist das Ende auch das Wichtigste – manchmal geht es eben auch vor allem um die Geschichte selbst. So ist es auch bei Frieder. Zwar setzt er seinem Leben bereits mit 18 eigenhändig ein Ende, womit es in dem Moment vorbei ist, in dem es sprichwörtlich erst beginnt. Doch zuvor hat er in vollen Zügen im Auerhaus gelebt, weshalb vom Scheitern nicht die Rede sein kann.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel