Ellwangen Heidenheimer Künstler stellt in der LEA in Ellwangen aus

Oben im Modell 1:10, unten rechts in voller Größe: Der Heidenheimer Künstler Horst Solf (unten links) plant in der LEA in Ellwangen eine Ausstellung zu „70 Jahre Menschenrechtscharta“.
Oben im Modell 1:10, unten rechts in voller Größe: Der Heidenheimer Künstler Horst Solf (unten links) plant in der LEA in Ellwangen eine Ausstellung zu „70 Jahre Menschenrechtscharta“. © Foto: Joelle Reimer
Ellwangen / Joelle Reimer 21.06.2018
70 Jahre Menschenrechtscharta: Dies nimmt der Heidenheimer Künstler Horst Solf zum Anlass für eine Ausstellung besonderen Ausmaßes in der LEA in Ellwangen. Die Vernissage ist am 29. Juni.

Wo vor etwas mehr als zwei Jahren noch an die 4000 Menschen auf engstem Raum untergebracht waren, herrscht heute gähnende Leere. Gerade mal 470 Flüchtlinge sind es derzeit noch, die in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in Ellwangen auf ihren Asylbescheid warten.

Kaum verwunderlich also, dass Halle 101 nicht etwa mit Feldbetten und provisorisch aufgebauten Schränken vollgestellt ist, sondern wie leergefegt wirkt. Auf den ersten Blick erinnert sie sogar vielmehr an ihre ursprüngliche Nutzung: nämlich die als Turnhalle der ehemaligen Kaserne. Doch auch das ist sie heute längst nicht mehr. Nach Sporthalle, Kantine, Küche und Notunterkunft hat sie inzwischen eine ganz neue Funktion: Halle 101 ist im Jahr 2018 zu einem Ausstellungsraum geworden.

Bis fast unter die Decke reichen die Metallstreben, die in einem Stecksystem miteinander verbunden sind. An ihnen befestigt sind große, ja fast schon überdimensionale Leinwände. In der Mitte des Raumes ist ein kleines Modell ebendieser Leinwände aufgebaut – im Maßstab 1:10 wird ersichtlich, dass die fertige Installation die komplette Halle einnehmen soll – und diese erstreckt sich über 45 mal 20 Meter. Angelehnt an die hintere Wand stehen bereits fünf mannshohe Kunstwerke, die auf ihren endgültigen Platz warten.

„Wir sind noch in der Vorbereitung. Die großen Stellwände habe ich erst einmal testweise aufstellen lassen. Ich wollte sehen, ob meine Installation und der Raum überhaupt zueinander passen“, sagt der Heidenheimer Künstler Horst Solf, Jahrgang 1940, der für die Ausstellung in der LEA verantwortlich ist. Horst Solf redet leise. Er ist ein ruhiger Zeitgenosse. Überlegt hier und da ein paar Sekunden, bevor er weiter spricht – und scheint keine Angst vor der Stille zwischen den Sätzen zu haben. In seiner zurückhaltenden Art wird der Respekt davor deutlich, was über der Ausstellung steht: „Friedensfeier“, nennt er das Projekt anlässlich der seit 70 Jahren bestehenden Menschenrechtscharta.

Kunst im Einklang mit dem Ort

„Ich gehöre zu der Generation, die den Krieg noch in Erinnerung hat. Und ich weiß, dass Frieden Anstrengung erfordert. 73 Jahre ohne Krieg, das ist ein Grund, zu feiern“, sagt Solf. Und kein anderer Ort als die LEA, genauer gesagt Halle 101, bietet sich hierfür besser an: „Ich will durch die Kunst Räume der Begegnung schaffen. Die LEA ist ein Ort des Geschehens, ein Ort des Lebens. Ich will meine Kunst nicht überstülpen, sondern diese vielmehr im Einklang mit dem Ort entwickeln“, erklärt Solf. Ende Juli vorigen Jahres hat der Heidenheimer Künstler begonnen, für die „Friedensfeier“ 30 Kunstwerke zu fertigen – angelehnt an die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. „Eine Galerie oder ein Museum würden da nicht passen. Denn genau hier, mitten in der LEA, besteht der unmittelbare Bezug zu Menschen, die eben nicht in Frieden leben können“, so Solf.

Die Ausstellung wird sich in zwei Hälften teilen: Die 30 Kunstwerke werden ringsum in der Halle aufgestellt, einmal auf der linken, einmal auf der rechten Seite, sodass diese nur im dadurch entstehenden Innenraum betrachtet werden können. Links fröhliche, bunte Motive, die für die Hoffnung und Freude im Leben stehen. Rechts düstere, fast schon monotone Kunstwerke, die die Lage der Menschen verkörpern sollen, die wenig Grund zur Freude haben. „Unterhalb der Bilder werden wir auf dem Boden die 30 Artikel der Charta anbringen. Es soll eine subtile Botschaft sein: Nämlich die, dass es schwierig ist, die Menschenrechte nicht mit Füßen zu treten“, sagte Berthold Weiß, Leiter der LEA, der von Solfs Ausstellungsidee sofort begeistert war.

Nachdem auch das Regierungspräsidium sein Okay gegeben hatte, konnte es im Sommer 2017 also losgehen: Zusammen mit Kindern aus allen weiterführenden Ellwanger Schulen machte sich Solf ans Werk. „Die Schüler spielen eine große Rolle und waren von vorn herein Bestandteil des Projekts. Wir haben sie zu ihren Vorstellungen über die Zukunft befragt, und diese Statements werden direkt an den Bildern angebracht“, erklärt der Künstler.

Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 29. Juni, und soll dann zwei Wochen lang zu sehen sein. Zeitdruck? Darüber will Horst Solf nicht nachdenken. „Fertig bin ich noch nicht, aber ich will mir selbst keinen Stress machen. Ich bin noch voll im Arbeitsprozess, und alle Bilder hier sind bislang nur Fragmente.“

Fragmente, die eine ungewöhnliche Ausstellung versprechen. „Als ich voriges Jahr die leere Halle betreten habe, ist mir der Atem gestockt. Die Raumsituation war respekteinflößend“, so Solf über seinen ersten Besuch in der LEA. Respekteinflößend wirken auch seine ausdrucksstarken Bilder. Sie sind ein erster Vorgeschmack, und eines wird dabei schnell klar: Wenn sich die Besucher nächste Woche inmitten seiner Leinwand-Installation in Halle 101 wiederfinden, dürfte ihnen, genau wie einst dem Künstler, der Atem stocken.

Die LEA Ellwangen als Kunstraum

Im April 2015 sind die ersten Flüchtlinge in der LEA in Ellwangen angekommen. Zeitweise waren dort fast 5000 Menschen untergebracht. Heute sind es 470; die meisten kommen aus Afrika, Syrien und der Türkei.

Da die LEA keine offizielle Galerie ist, müssen bestimmte Sicherheitsstandards eingehalten werden. Das Regierungspräsidium und das Innenministerium haben der Ausstellung zugesagt unter der Bedingung, dass ein ungestörter Betrieb der Einrichtung gewährleistet bleibt. Ein Sicherheitskonzept für die Ausstellung wurde ausgearbeitet.

Besucher können die Ausstellung jederzeit von 9 bis 18 Uhr sehen. Sie bekommen am Eingang einen Besucherausweis und werden vom Security-Personal in die Halle 101 geleitet. Auch dort gibt es, ähnlich wie im Museum, einen Sicherheitsdienst, der auf einen reibungslosen Ablauf innerhalb der Ausstellung achtet. Am Ende wird der Besucher dann wieder zum Ausgang begleitet.

Die Ellwanger Schüler beteiligen sich auch während der Ausstellungszeit an dem Projekt. So wird es einen Chor, ein Orchester, einen Tanz, ein Sommerfest, ein Schattentheater und Führungen in mehreren Sprachen geben.

Der Künstler Horst Solf wird während der zweiwöchigen Ausstellung direkt vor Ort in der LEA wohnen.

Nach der Ausstellung sollen die Kunstwerke wandern und in zwei bis drei weiteren Städten in Deutschland zu sehen sein.

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