Heidenheim Einleuchten im Naturtheater

Im Naturtheater fand nun das Einleuchten für die Spielzeit 2018 statt.
Im Naturtheater fand nun das Einleuchten für die Spielzeit 2018 statt. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Joelle Reimer 06.06.2018
In den Wochen vor der Premiere machen die Mitglieder des Heidenheimer Naturtheaters die Nacht zum Tag und stellen stundenlang die Scheinwerfer ein.

Blitzschnell bewegt sich ein Schatten über die sanft ausgeleuchtete Kulisse. Die kleine Fledermaus fliegt quer von Joe's Bar an den Wolkenkratzern und der Brooklyn Bridge vorbei, ehe sie wieder vom Dunkel der Nacht verschluckt wird. Dass sie für einen Moment durch Lower Manhattan geflattert ist, hat sie überhaupt nicht mitbekommen.

Es ist Freitag, 22.50 Uhr. Ein lauer Sommerabend. In Heidenheim ist das Wochenende angebrochen. Während unten in der Stadt auf dem Volksfest die Feuerwerkskörper in die Luft gefeuert werden, ist man oben auf dem Schlossberg bei Szene zwei angelangt. Im Naturtheater wird eingeleuchtet – und das bedeutet, dass sich Regie, Lichttechnik und einige Schauspieler die Nacht um die Ohren schlagen werden.

„Ist der Abgang im Dunkeln okay?“, fragt Jonathan Bass. Er sitzt gemeinsam mit Steffen Vogel in der obersten Reihe vor einem großen Lichtsteuerpult. Ein paar Meter weiter unten blicken die Regisseurinnen Kerstin Keppler und Regine Czichon auf die Bühne und beratschlagen. Neben ihnen Manuel Meiswinkel, der für den Entwurf und den Bau des Bühnenbildes mit zuständig war. „Ja, das geht“, tönt es aus der Regie zurück.

Ein kurzer Vermerk im Textbuch, dann schalten die Lichttechniker zur nächsten Szene. „Turm unten, Mitte, oben. Brücke. Joe's Bar. Fenster. Fenster. Tür.“ Mit jedem Wort leuchtet ein anderer Bereich auf der Bühne auf. Diese ist in 20 Felder eingeteilt und hängt zusätzlich als Zeichnung im Büro der Licht- und Tontechniker. „Zuallererst entsteht das Licht hier bei uns auf Papier“, erklärt Tobias Vetter, Vorsitzender im Bereich Technik. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er deutet auf die Zeichnung an der Wand: Jedes Oval steht für ein Beleuchtungsfeld auf der Bühne. Neben dem Plan hängt ein 3-D-Ausdruck, der darüber hinaus noch die Abstrahlwinkel berücksichtigt.

Ein Blick nach vorn, und das Papiermodell wird Wirklichkeit. Insgesamt 200 Scheinwerfer sind es, die Bass und Vogel ansteuern können. Auf dem Boden, an der Decke, neben der Bühne und hinter den Fenstern und Türen der Kulisse. So entsteht ein rasantes Wechselspiel von Lichtstärke, -farbe und -form; ein ganz eigenes Spektakel, bei dem Schauspieler, geschweige denn Handlungen überhaupt nicht vonnöten zu sein scheinen.

Weit gefehlt. „Wir müssen uns ganz streng an das Stück halten, da die Lichteinstellungen ja gespeichert und im Textbuch an der jeweiligen Stelle vermerkt werden“, so Vetter. Für „Frühstück bei Tiffany“ bedeutet das: 35 Szenen, die die Techniker in 150 bis 200 Lichtszenen einteilen. In der Lichttechnik ist Vorbereitung Gold wert; die meiste Arbeit wird nicht während, sondern vor der Aufführung getan.

Wenn also alles nach Plan läuft, müssen die Techniker bei der Premiere am 15. Juni nur noch da sitzen und zu jedem Szenenwechsel einen Knopf drücken – oder? „Ganz so einfach ist es nicht. Wir müssen mit dem Kopf voll dabei sein, falls wir manuell eingreifen müssen. Es kam schon vor, dass Schauspieler ein paar Seiten im Textbuch übersprungen haben. Da passt dann natürlich nichts mehr“, sagt Vetter.

23.19 Uhr. Szene vier, Beleuchtungsszene 15. Vier Lichtdoubles sind an diesem Abend auf dem Schlossberg. Einer von ihnen steht auf der Bühne. Es ist Manuel Meiswinkel, der im Hauptstück den alten „Fred“ spielt und seinen Platz neben der Regie inzwischen verlassen hat. Er verhält sich wie eine Marionette. Macht einen Schritt nach links, einen nach vorne. Dann wieder zurück. „Halt, doch wieder ein Stück vor!“ Die harsche Regieanweisung durchbricht die nächtliche Stille.

23.41 Uhr. Szene vier, Beleuchtungsszene 16. Eine halbe Stunde ist vergangen; im Textbuch wurde gerade mal eine Seite weitergeblättert. Das Lichtdouble hält die Hand nach oben – es ist ein Test, wie die Scheinwerfereinstellung bei größeren Personen wirkt.

Die Techniker sind hoch konzentriert: Sie versuchen, Hollys Zimmer auszuleuchten. „Das muss perfekt werden. Der Wiedererkennungswert spielt eine große Rolle. Wir können hier draußen ja nicht alles aufbauen, deshalb stellen wir viele Szenen und Räume mit Hilfe des Lichtes dar“, erklärt Vetter.

1000 Watt, direkt auf den Kopf

Zwischen Technik und Regie ist eine Diskussion um die richtige Lichtfarbe entbrannt. Das Double auf der Bühne wird immer wieder angestrahlt und kneift die Augen leicht zusammen. „Das Licht blendet die Schauspieler ungemein“, erklärt Vetter. Dazu die Hitze: Ein Scheinwerfer hat 1000 Watt und wird direkt auf den Kopf gerichtet.

Doch beim Einleuchten ist Geduld gefragt, und so lässt sich das Double ganz gelassen weiter blenden. „Halt, so! Die Farbe ist viel besser als der Käse davor!“, ruft Regisseurin Czichon. Keppler ergänzt: „Nur das Gesicht muss anders werden, nicht so schweinchenmäßig“ – und, an das Lichtdouble gerichtet: „Schau doch bitte mal her, zeig dein Gesicht!“ Jonathan Bass dreht am Regler, die Gesichtsfarbe wechselt von schweinchenrosa zu rosig-gesund und alle sind zufrieden.

Zu fortgeschrittener Stunde werden die Augen kleiner und die Konzentration geringer. „Ich bin täglich zwei bis drei Stunden hier. Dazu das Einleuchten. Wenn wir damit fertig sind, sind wir total erledigt“, verrät Vetter. Denn all das passiert ehrenamtlich, und während die Beteiligten nachts die Scheinwerfer einstellen, müssen sie tagsüber ganz normal zur Arbeit gehen. Im Gegensatz zu den Schauspielern, die sich aussuchen können, wann sie wo mitspielen, haben Maske und Technik das ganze Jahr über keine Pause. „Dafür sind wir das Herzstück. Wenn die Vorstellung abends beginnt, kann das Bühnenbild noch so toll sein – ohne Licht geht's nicht“, so Vetter.

Um 3 Uhr nachts ist Schluss. Tag eins von vier ist geschafft. Über die Strapazen, die hinter einer gelungenen Aufführung im Naturtheater stecken, denkt kaum ein Besucher nach. „Und das sollen sie auch nicht. Sie sollen die Vorführung genießen“, sagt Vetter. Doch ist nicht der Job als Techniker der undankbarste im ganzen Theater-Zirkus? Er schüttelt den Kopf. „Wenn die Schauspieler am Ende auf der Bühne stehen, ihren Applaus bekommen und dann nach hinten zur Technik zeigen – das macht alles wieder wett.“

Ein einzelner Lichtkegel eines Moving-Lights wandert über die Bühne und leuchtet den Weg. Als die Scheinwerfer erlöschen, geben nur noch die Sterne etwas Licht. Der Techniker packt seine Sachen, schließt die Tür. Feierabend. Der Letzte macht das Licht aus.

Das Equipment

200 Scheinwerfer sind im Naturtheater angebracht. Es gibt konventionelles Licht, LED-Leuchten und sogenannte Moving-Lights. Nach Möglichkeit sollten die Scheinwerfer stets im 45-Grad-Winkel zu den Schauspielern eingestellt sein.

Mit dem Lichtpult lassen sich alle Scheinwerfer steuern. Dort kann die Beleuchtung verschiedener Bühnenflächen einprogrammiert werden.

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