Politik 100 Tage im Landtag: Wie positioniert sich Martin Grath?

Der grüne Mister Handwerk: Martin Grath merkt nach 100 Tagen als Regierungs-Abgeordneter, dass Landespolitik erheblich langsamer vonstatten geht als er es als Handwerker gewohnt ist.
Der grüne Mister Handwerk: Martin Grath merkt nach 100 Tagen als Regierungs-Abgeordneter, dass Landespolitik erheblich langsamer vonstatten geht als er es als Handwerker gewohnt ist. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim/Stuttgart / Karin Fuchs 19.07.2016
Erstmals hat der Landkreis einen grünen Regierungsabgeordneten im Stuttgarter Landtag. Ein Gespräch mit Martin Grath nach 100 Tagen im Amt.

Rein äußerlich hat die neue Aufgabe Martin Grath nicht verändert. Er läuft weiterhin in kurzen Hosen, grünem Hemd und Strohhut durch Heidenheim, hält gerne ein Schwätzchen und hat meistens ein breites Grinsen im Gesicht und einen Witz auf den Lippen. Samstags steht er an seinem Marktstand und verkauft Biobrot.

Zweimal im Monat bäckt er am Wochenende in der Bäckerei an der Griegstraße und linst von dort in den Verkaufsraum zu den Kunden. „Die Bürgernähe ist mein Wahlerfolg“, sagt Grath, der trotz oder gerade wegen seines Abgeordnetenmandats die „Bäckerei-Sprechstunde“ nicht aufgeben will. Freilich kommen nicht nur nette Mitmenschen, einige beschimpfen ihn auch. Doch Grath nimmt's leicht, das gehöre dazu. „Ich kann mich gut mir Worten wehren.“ Man glaubt es ihm sofort.

Stolz trägt Grath seinen Handwerksberuf auf der Brust unter all den Lehrern, Beamten und Rechtsanwälten, die im Landtag in der Mehrzahl sind. Und dort in Stuttgart ist auch die Kleiderordnung eine andere. Grath trägt zu Hemd und Jackett Krawatte. Schließlich machen Kleider Leute.

Seinen Spitznamen unter den Fraktionskollegen hat er schon weg: der „grüne Mister Handwerk“. Schließlich ist er der handwerkspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion. Das zeigt sich an Graths Agenda, die stetig wächst. Als einer der ersten Punkte notierte er darauf das „Handwerk 2025“, eine Initiative aus der vorigen Legislaturperiode. Ebenso geht es ihm um Förderprogramme, die von denen die kleinen Betriebe wegen zu hohen bürokratischen Hürden Graths Meinung nach noch zu wenig profitieren.

Hat man denn als Neuer, dazu noch vom ländlichen Raum, ein schweres Standing? Laut Grath mitnichten. „Ich bin jetzt schon bekannt dafür, dass ich vieles von der praktischen Seite her sehe.“ Es freue ihn, dass die Wirtschaftsministerin nach seiner Meinung fragt, auch Ministerpräsident Kretschmann höre sich oft die Meinungen der Abgeordneten an, sei es in der Flüchtlingsfrage oder zu den Handelsabkommen. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Landtagsmandat auch so weit in die internationale Politik hinein reicht.“

Seine Meinung zu Ceta und TTiP? Jedes Handelsabkommen sei ein Friedensabkommen. Doch dürfe es nicht zum Nachteil der Bevölkerung sein, es dürfe keine Paralleljustizen geben und kein Aufweichen der hart erkämpften Verbraucherschutzgesetze. Doch andererseits dürfe ein wirtschaftsorientiertes Land wie Baden-Württemberg Handelsabkommen nie so einfach verwerfen.

Grath hat festgestellt, dass er manches aus anderer Perspektive betrachtet. So sei er nicht immer gleicher Meinung wie das Wirtschaftsministerium. Ein Beispiel? Das Bildungszeitengesetz sieht Grath eher skeptisch. Ehrenamt sei eine allgemeine gesellschaftliche Aufgabe und sollte nicht zu Lasten vor allem der kleinen Betriebe gehen. Doch noch will Grath abwarten, welches Ergebnis die Evaluierung nach zwei Jahren bringt.

Auch bei der Ausweitung der Lkw-Maut auf 3,5 Tonnen ist Grath nicht auf Linie des Wirtschaftsministeriums, das zugunsten der kleinen Betriebe interveniert habe. Gerade weil kleine Handwerksbetriebe eher regional arbeiten, sei die Maut ein Schutz vor günstigen Anbietern aus dem Osten. Obendrein würde es auch der Umwelt nutzen.

Bei einer nutzerorientierten Maut wäre genug Geld vorhanden, um den Erhalt und Ausbau der Autobahnen zu finanzieren – ohne generelle Autobahnmaut für alle. „Denn auch die Grünen brauchen Autobahnen, auch die Elektrofahrzeuge fahren auf Autobahnen“, lacht er. Apropos: Grath will im kommenden Frühjahr selbst E-Auto-Fahrer werden. Wahrscheinlich wird es ein BMW. Warum kein Auto aus dem Ländle? Mercedes hinke seiner Meinung nach hier noch hinterher.

Mindestens zwei Tage in der Woche ist Grath in Stuttgart, am Wochenende reist er zu Festen und Veranstaltungen im Wahlkreis. Ist die Arbeit anstrengender als gedacht? Er könne sich in jede Rolle einfinden, wiegelt Grath ab. Im Moment mache er noch jeden Schritt doppelt, doch auch das werde besser. „Ein guter Parlamentarier hat eine 60-Stunden-Woche mit schlechtem Schaf, weil einem mitten in der Nacht etwas einfällt. Trotzdem ist die Arbeit sensationell.“

Auch wenn Grath an manchen Tagen lieber einen Gang zulegen oder größere Brötchen backen würde. Deshalb ist er wie viele andere Parlamentarier erzürnt über die AfD. „Wir haben wichtigere Arbeit als uns mit einer Partei zu beschäftigen.“ Und jetzt auch noch die Diskussion über die Nebenabsprachen zum Koalitionsvertrag: Die hat Grath selbst erst am Montagabend zu Gesicht bekommen, konnte darin aber nichts Neues entdecken, was nicht schon bekannt gewesen wäre. Grundsätzlich hält er jedes Gemauschel für schlecht: „In der Politik darf das nicht passieren, man muss mit offenen Karten spielen.“ In Heidenheim jedenfalls verspricht er dies zu tun.

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