Gerd B. geht vor dem Beginn der Verhandlung durch den Saal, begrüßt freundlich Bekannte in den Zuhörerreihen. Der 68-jährige Rentner, ein mittelgroßer Mann mit Brille und kurzen, grauen Haaren, hat völlige Bewegungsfreiheit, obwohl er des Mordes an seiner Ehefrau Lilly B. angeklagt ist. Am 16. Januar hat ihn das Landgericht Hechingen nach einem halben Jahr aus der Untersuchungshaft entlassen und den Haftbefehl aufgehoben. Mit der Begründung, es fehle dafür am notwendigen dringenden Tatverdacht (siehe Info). Gleichwohl geht die Kammer von einem hinreichenden Tatverdacht aus und eröffnete das Hauptverfahren.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 68-jährigen Mann vor, am 15. Juli 2012, einem Sonntag, morgens zwischen 9 und 9.55 Uhr seine Ehefrau bei ihrer Joggingtour im Pfullendorfer Freizeitgelände Fuchshalde abgepasst zu haben. Er habe die völlig Ahnungslose mit einem Hammer niedergeschlagen und dann zwölf Mal mit dem Messer auf sie eingestochen.

Doch beim Prozessauftakt im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hechingen wurde deutlich, dass es schwierig ist, Gerd B., der den Mord bestreitet, jedoch kein Alibi hat, die Tat nachzuweisen. Die Ermittler stützen sich lediglich auf Indizien. Weder hat jemand den Mord an der sportlichen Seniorin beobachtet noch wurden die Tatwerkzeuge gefunden. Die Staatsanwaltschaft und die Sonderkommission „Stadion“ stützen sich vor allem auf den Fund einer roten Textilfaser, die am Strumpf des Opfers gefunden wurde und die vom Radhemd des Ehemanns stammt. Aber da die beiden in Pfullendorf zusammenlebten – könnte es da nicht sein, dass die Faser bereits im Haus an den Strumpf gelangt ist?

Beim Tatmotiv ist die Polizei bisher auf Mutmaßungen angewiesen. Danach haben sich die Ehepartner auseinander gelebt. Sie ging oft allein tanzen, er machte ohne sie Radtouren. Bei Gerd B. hätten sich Hassgefühle und Wut jahrelang aufgestaut, die sich dann in der Tat entladen hätten, so die Ermittler. Doch da gibt es eine DNA-Spur, die diese Theorie erschüttern könnte. Die DNA-Spur einer unbekannten weiblichen Person fand das Landeskriminalamt am Leibchen der Leiche. Der gestern befragte Kriminalhauptkommissar sagte, dafür habe die Sonderkommission keine Erklärung. Er persönlich könne sich vorstellen, dass die Spur von der Frau eines Freundes von Lilly B. stammen könnte. Das Motiv dieser unbekannten Frau, Lilly B. zu töten, könnte Eifersucht gewesen sein. Doch auch diese Theorie steht auf wackligen Beinen, weil es keinen Liebhaber gibt.

Der Polizist sprach noch von einem anderen Verdacht. Er richtet sich gegen den Bruder der Getöteten, der seinen Schwager schwer belastet hat. Diesen Belastungseifer bezeichnete der Kripomann als „sehr ungewöhnlich“. Der Verdacht gegen B. erscheint ihm inzwischen „sehr zweifelhaft“.

Der Vorsitzende Richter Herbert Anderer ließ anklingen, dass er die Arbeit der Sonderkommission kritisch sieht. Er sprach handwerkliche Fehler bei der Spurensicherung und bei den Vernehmungen an. So könnte die Faserspur am Strumpf des Opfers möglicherweise schon deswegen wertlos sein, weil das Asservat nicht abgeklebt worden sei. Zeugen seien Suggestivfragen gestellt und Foto-Sequenzen den Zeugen nicht nach den Regeln der Kunst vorgelegt worden. Außerdem wurde Gerd B. möglicherweise zu spät auf seine Rechte als Beschuldigter hingewiesen, so dass Aussagen von ihm, die er als Zeuge gemacht hat, eventuell nicht verwertet werden dürfen. Verteidiger Wolfgang Burkhardt sprach von Mängeln, Fehlern und Unschärfen bei den polizeilichen Ermittlungen, die zu Lasten seines Mandanten gingen. Die Polizei habe sich wohl zu einseitig auf B. als Täter festgelegt.

Die Kammer hat bisher elf Sitzungstage terminiert, 29 Zeugen und vier Sachverständige geladen. Die Zahl der Zeugen wird sich Anderer zufolge erhöhen, um das Verbrechen noch besser auszuleuchten.