Künstler aller Stile, aller Tendenzen legen Wert auf das Unverwechselbare; sie sind entrüstet, wenn das Publikum ihre Einzelheit nicht würdigt. Dünn gesät aber sind Künstler, deren Eigenheit, deren Persönlichkeit zum Programm selber wird: Sie sind die Einzelgänger der Kunst, die den Moden widerstehen und sich selber zum Forum freier Erfindung machen. Der bedeutende lyrische Kabarettist Christof Stählin, der seit 1991 in Hechingen lebte und im vergangenen Jahr am 9. September mit 73 Jahren gestorben ist, war sogar in der kleinen Schar dieser Einzelgänger der Kunst eine Rarität. Von den frühen Tübinger Jahren an war er ein rigoroser Selbsterfinder, ein Akteur der Befindlichkeit, ein Meister des Selbstausdrucks, dem nichts mehr zuwider war als die Anpassung und Verwässerung des eigenen Talents.

 So kam es, dass seine Bühnen-Auftritte je länger je mehr eine Schau der Seele, und zwar der eigenen, darboten. Sein im besten Sinn reizbarer Blick auf die Welt der Tatsachen in ihrer Erbärmlichkeit und Erhabenheit zugleich formte er zu Revuen der ichvermittelten Absurdität. Im Wechselspiel von Songs und Suaden, von träumerischen Balladen und absurd gezackten Sprechspielen zog er das immer von neuem verdutzte Publikum in eine Perspektive, die das Alltagsleben als Hanswursterei anprangerte und zugleich mit dem Unterton eines edlen Ernstes ausstattete. Wer unter den Zuschauern sich seiner Banalität überführt fühlte, wurde im selben Atemzug gleichsam geläutert und darauf hingewiesen, dass er sich doch eines Besseren besinnen könne; in aller Schrägheit und in der meistens zarten Clownerie wirbelten Funken eines stillen Willens zur Weltverbesserung.

Christof Stählin bot auf der Brettlbühne seine Entlarvungen als Verzauberungen dar, und dergestalt verwandelte er methodisch kalkuliert Unbehagen in Wohlgefühl. Die Besucher verließen seine Darbietungen mit einem Behagen, in dem Beunruhigung mitschwang. Der Zeigefinger, den er erhob, war umgemodelt in eine Geste jovialer Zärtlichkeit. Und seine durchaus besessene Individualität inszenierte er als theatralische Verdoppelung: Er selber war die personale liebgewordene zweite Bühne auf der Kabarettbühne.

Es war eine fast scheue Sanftheit um diesen hochgewachsenen, in Gestus und Gebaren wie ein altösterreichischer Aristokrat wirkenden Mann – gerade auch wenn er, in den Pausen nach seinen Tourneen, vom Hechinger Unteren Turm, seinem Atelier, zu einem der Oberstadt-Cafés schlenderte. Auch dann ließ er eine paradoxe Abwesenheit in gleichzeitiger Aufmerksamkeit und Bereitschaft zum Geselligen spüren. Der gebürtige Franke, Sohn eines Theologen und Psychoanalytikers, liebäugelte mit der geistesgeschichtlichen Figur des Dandy aus der Epoche der Exzentriker vom Schlage Baudelaires und Oscar Wildes. Dass er in der ehemaligen Künstlerkolonie am Lindich durchaus bodenständig eine bürgerliche Familie gründete – zwei erwachsene Söhne leben in Bremen – , empfand er wohl kaum als Widerspruch zur ihm so nahen schöpferischen Dekadenz jener verschollenen Boheme der Pariser Dichter und Dandys.

In Wahrheit war der Dandyismus, über den er ein Buch mit Prosa und Poesie veröffentlichte, für ihn eine Maske der Sehnsucht nach einem Arkadien der Befreiung von aller grobkörnigen Stofflichkeit des Trivialen, dem niemand entrinnt. Er empfand sich als Weltflüchtling und erträumte eine Daseinsweise jenseits des Irdischen und diesseits des Himmlischen. Traumverhangen ganz irdisch sein - das war seine geheime Parole und der Quellgrund seiner Kunst. In Lenaus auch heute noch vielgesungenem Zigeunerlied („Drei Zigeuner fand ich einmal“) sah er seine Sehnsucht meisterlich dargestellt. Eine wirklichkeitsenthobene Wirklichkeit schwebte ihm vor. Der Charme einer bewahrten Kindlichkeit gab seiner stattlichen Erscheinung eine versonnene und entrückte Kontur.

Auf der Bühne, im Wechselspiel von romantierendem Gesang, Mandolinenspiel und einem Dadaismus des Vortrags, verwandelte er seine Wehmut in Sprachspiele, die in der Tiefe der Worte ein dunkles Rauschen hörbar zu machen wussten. „In den Schluchten des Alltags“ war eines seiner provokanten Verwirrspiele benannt.

Nicht nur nebenbei war Stählin ein Artist des scharfsinnigen Essays, in dem er Geist und Ungeist der Gegenwart mit funkelndem und schnodderigem Wortwitz paradieren ließ – in den vergangenen Jahren vor allem immer wieder im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung.

Info Der Autor, ein früherer Kulturredakteur, war ein enger Begleiter Christof Stählins. Er kannte den Künstler seit den 70er-Jahren aus dessen Tübinger Zeit und hat ihn nach einer Kontaktpause in Hechingen häufig besucht. Beide waren gern gesehene Gäste in den Cafés der Zollernstadt und führten dort oft auch tiefschürfende philosophische Gespräche.