Hechingen Wo die Martinskapelle einst stand

Hechingen / SWP 15.08.2012
Wo befand sich die legendäre Martinskapelle? Gerd Schollian ist sich sicher, ihren einstigen Standort gefunden zu haben - auf einer Wiese unterhalb der Straßengabelung Lindichstraße zum Schützenhaus.

Gerd Schollian befasst sich seit Jahren neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im römischen Freilichtmuseum in Stein mit der Ortsgeschichte Steins, die eng mit der sagenumwobenen Martinskapelle (8 Jh.n.Chr.?) verbunden ist. Inzwischen ist er sich sicher, den exakten Standort gefunden zu haben, nachdem er Deutungen früherer Heimatforscher und Berichten im Detail nachgegangen ist.

Auf einer Wiese unterhalb der Straßengabelung Lindichstraße zum Schützenhaus dürften sich Reste der Friedhofsmauer beziehungsweise der Kirche, die nur wenige Zentimeter unter dem Boden liegen, befinden. Von Schollian gefundene Münzen des 18. Jahrhunderts, Fingerhüte, die einst im Kindbett verstorbenen Frauen mit ins Grab gelegt wurden und wahrscheinlich durch Maulwürfe an die Wiesenoberfläche geschafft wurden, geben einen weiteren eindeutigen Hinweis.

Viele Heimatforscher haben sich in der Vergangenheit mit dem Niederhechinger Kirchlein und Niederhechingen befasst. Der genauen Lage wurde aber nie nachgegangen. So rankt sich bis heute die Legende über eine sagenumwobene Kapelle, die einst dem Heiligen Martin geweiht war und in der Nähe des Martinsberges lag und irgendwann abgebrochen wurde.

Den Abbruch der Niederhechinger Kirche konnte Gerd Schollian bereits 1973 mit dem Auffinden der Originalabbruchsgenehmigung vom 17. April 1806, die die bischöfliche Behörde in Konstanz, erließ, und auf der Bühne des alten Rathauses in Stein neben anderen uralten Akten lag, nachweisen. Die Erlaubnis zum Abbruch wurde damals einem Landwirt namens Josef Kaiser aus der Friedrichstraße erteilt, der die Kirche samt Friedhofsmauer abtrug und auf dem Grundstück eine Obstwiese, die etwa 40 ar groß war, anlegte. Die Nummer der Parzelle jedoch blieb bis heute unbekannt.

So geben etwaige Hinweise über den Standort nur der nicht exakt in die heutige Topografie passende Merianstich und alte Jagdpläne des Mittelalters, die Schollian in Sigmaringen einsehen konnte. Althistoriker Pfarrer Johann Adam Kraus schrieb einst: Das Kirchle stand auf einer Anhöhe, wo heute das Schützenhaus steht, nur wenige Meter nordöstlich von diesem. Auf einer Baumwiese hart am Weg Friedrichstraße- Martinsberg kam vor Jahren Baumaterial zutage.

Die heutigen Flurkarten weisen das Gewann Kirchle jedoch westlich der Straße in Richtung Stein, auf Steiner Gemarkung aus, entlang eines dortigen Feldweges, womit die Kirche also weit nördlich zu suchen gewesen wäre. Oberflächenbeobachtungen von Gerd Schollian ließen jedoch sehr schnell erkennen, dass dort aufgrund fehlender Ziegelreste und Baumaterials das Kirchlein nicht gestanden haben kann.

Wer heute durch die Friedrichstraße in Richtung Martinsberg wandert, dann links zum Schützenhaus abbiegt, kann nach zirka 50 Metern linker Hand einen kleinen Hügel, der dann aber nach Nordosten abfällt, erkennen. Eine zirka 40 ar große Wiese, Parzelle 1307, mit wenigen Obstbäumen, erschließt sich entlang der Umzäunung zur Liegewiese des Hechinger Schwimmbades.

Dort exakt dürfte sich die Friedhofsmauer, an deren Südwestecke das Kirchlein befunden haben. Auf dem Weg zur Friedrichstraße verlief ein kleiner Bachlauf, der von einem Weiher gespeist war, und dortzwei, drei Mühlen mit Wasser versorgte. Der große Weiher, längst verlandet und mit dem Weiherstadion überbaut ist, lag zwischen Kirchlein und dem Starzellauf.

Ein Vergleich Merian-Stich zu alten Flurkarten Hechingens lässt klar erkennen, dass Urhechingen also Niederhechingen zwischen dem Kirchlein und dem "Schafhaus" gelegen haben muss. Viele heute ausgebaute Straßen und Wege von der Schafhausbrücke bis zum Schützenhaus und zum Tennisbereich stimmen mit dem Merian-Stich ziemlich genau überein. Wahrscheinlich wurde beim Bau von Gebäuden, des Schwimmbades in der Neuzeit nie auf archäologische Funde geachtet und so sind genaue Hinweise für immer verloren gegangen.

Alt-Stein, Althechingen, Niederhechingen sind mit der legendären Martinskapelle religiös eng miteinander verbunden. Martinskapellen zählten zu den ältesten Kirchen nach der Einführung der neuen Glaubenslehre. Zuvor verehrten die Alemannen Bäume, Gewässer, Hügel und Höhen. Hinweise hierfür sind heute noch Richtung Lindich zu finden, wo sich eine über 1000-jährige Eiche befindet, die einst selbst verehrt wurde oder einen Ableger einer solchen bildet. Von dort aus öffnet sich das Tal nach Nordwesten und gibt einen einmaligen Ausblick bis in das Heckengäu, Richtung Herrenberg, ein idealer Ort zur Abhaltung der "Things", der Versammlungen der Alemannen. Die neue Glaubenslehre des Christentums dürfte dann gegen Ende des 7., 8.Jahrhunderts Einzug gehalten haben. Die erste Kirche, die Martinskirche, wurde gebaut und sowohl von den Steiner Bürgern und den Niederhechingern zur Ausübung ihres Glaubens genutzt.

Wann exakt das Kirchle gebaut wurde, wird unbekannt bleiben. Erste Hinweise sollen aus dem Kloster St. Gallen stammen, demnach der Bau um 680 nach Christus vollzogen wurde. Sie ist aber offiziell erstmals in dort vorhandenen Urkunden im Jahre 786 namentlich aufgetaucht. Die Martinskapelle gehörte zur Pfarrei Stein. Sie dürfte bis zum Bau der St. Luzenkirche kirchlicher Mittelpunkt für den Nahbereich Hechingen gewesen sein.

Nach und nach verlor sie an Bedeutung. Aus den Jahren des 30-jährigen Krieges wird berichtet: Auch das Martinskirchlein wäre wieder herzurichten, da die Schweden, Württemberger und Franzosen es ausgeraubt und beschädigt haben. 1685 heißt es: Die kirchlichen Gebäude sind ruinös.

Schon um 1798 wird erwähnt: Nahe der Grenze zu Stein steht die dritte Filialkirche Steins in Niederhechingen, geweiht dem Heiligen Martinus, wie auch der Altar darin. Es wurde dort noch Patrozinium und an Bitttagen Gottesdienst gehalten. Nun kann dies nicht mehr geschehen, da Fenster und Türen ausgebrochen, und das Gebäude außen und innen schadhaft ist. Letztendlich wird das Kirchlein zum Abbruch freigegeben.

Vielleicht könnte eine geo-physikalische Vermessung der Baumwiese den endgültigen Beweis des Standorts bringen. Hierfür wären aber rund 1500 Euro aufzubringen. Sondagen oder Grabungen bedürfen einer Genehmigung durch das Amt für Denkmalpflege. Ob sich das alles lohnt, darüber kann sich jeder geschichts- und kulturinteressierte Hechinger sein eigenes Bild machen.

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