Hechingen Wenn Schnuffi von der Leine geht

Hechingen / MATTHIAS BADURA 02.08.2012
Es ist nicht an der Tagesordnung, aber es kommt durchaus vor, dass Haushunde Wildtiere verfolgen, gar erlegen und zerreißen. Kreisjägermeister Walter Greff appelliert an die Verantwortung der Besitzer.

Wenn Cockerspaniel Archi ein Reh erblickt, guckt er dumm aus der Wäsche. Seit einem frustrierenden Erlebnis als Junghund weiß er nicht recht, wie er sich gegenüber den ihm sonderbar erscheinenden Tieren verhalten soll. Nach kurzem Überlegen tut er regelmäßig einfach so, als wären sie Luft und schnuppert in eine andere Richtung. Das ist gut so. Für die putzige Yorkshire-Mischlingsdame Susi gäbe es dagegen kein Halten. Nicht einmal eine Maus ist vor ihrem Jagdeifer sicher, sie würde selbst einem Elefanten kläffend hinterher setzen.

Wie ein Hund gegenüber einem Reh, einem Frischling, einem Dachs reagiert, kommt auf seinen Charakter an, auf seine Erziehung und darauf, ob er in den ersten Lebensjahren entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Hat er in der Jugend entdeckt, wie viel Spaß es bereitet, dem Urtrieb des Wolfs zu folgen und andere Tiere zu jagen, wird er es immer wieder tun.

Das kann den Bewohnern von Wald und Feld zum tödlichen Verhängnis werden, sagt Kreisjägermeister Walter Greff. Besonders gefährdet ist weibliches Rotwild in den Monaten Mai und Juni, wenn die Muttertiere kurz vor der Niederkunft stehen und nicht mehr flink genug sind, um entkommen zu können. Kritisch auch der Winter, der Kraftaufwand, den die Tiere bei der Flucht im Schnee aufbringen müssen, ist enorm, teils lebensbedrohlich.

Aber auch das restliche Jahr über, sollten Hundebesitzer achtsam sein. Und wenn die Hetzpartie unblutig ausgeht? Auch schlecht. "Das ist Stress für die Tiere, eine Quälerei, die man umgekehrt bei einem Hund auch nicht zulassen würde", meint Greff.

Jäger berichteten, dass in diesem Frühjahr im Raum Burladingen ein Frischling gefunden wurde, der unzweifelhaft von einem Hund tot gebissen wurde. Wie Greff einschränkt, kommen solche Fälle nicht ständig vor (wobei niemand wisse, wie hoch die Dunkelziffer liegt), aber es sei halt doch jedes Mal schlimm derartige Überreste zu finden - ein Schaden für den Geldbeutel, ein noch größerer fürs Herz.

Im Grunde wäre die Sache einfach: Vom Hund bis zum Eichhörnchen und zum Wiesel genießen in Deutschland alle Tiere gesetzlichen Schutz, weiter verstehen sich sowohl Hundehalter wie auch Jäger als Tierfreunde, niemand mag Vierbeiner leiden sehen.

Ein Hund, der eine gute Ausbildung genossen hat, wird an der Seite eines verantwortungsvollen Besitzers kein Reh verfolgen, weil er aufs Wort dem Kommando folgt, das ihm so etwas verbietet. Kann sich der Besitzer nicht auf seinen Liebling verlassen, führt er ihn im Wald und im unübersichtlichen Gelände an der Leine, während er ihn auf offener, gut einsehbarer Fläche tollen und springen lassen kann.

Alles kein Problem? Greff weiß natürlich, die Sache ist komplizierter. Denn es geht nicht allein um Tierschutz, sondern im weiteren Sinne auch um Interessenlagen, um einen Konflikt zwischen Jägern und anderen Gruppen. Unweigerlich gerät jedes Mal eine Fülle von Aspekten in derartige Diskussion hinein: Naherholung, Leinenzwang, Artenschutz, Wildverbiss - man kann ausufernd streiten.

Was Jäger verständlicherweise ärgert, sind Hundebesitzer, die ihren Liebling nicht im Griff haben und die sich, wenn es zu spät ist, nur wundern, was in ihm steckt. "Das hat er noch nie getan."

Umgekehrt ärgert es Spaziergänger wenn sie von Jägern in allzu deutlichen Worten angesprochen werden und diese womöglich eine Autorität hervorkehren, die sie gar nicht besitzen. ( Anders als in anderen Gegenden herrscht in der hiesigen Region außerhalb von Gemeinden, die solches beschlossen haben, kein Leinenzwang. Der Besitzer ist lediglich aufgefordert, seinen Hund unter Kontrolle zu haben - was immer das bedeuten mag.)

Wie das Problem lösen? Was Hundebesitzer angeht, könne er lediglich an deren Verantwortungsbewusstsein appellieren, so Greff. In Richtung seiner Jagdgenossen mahnt er gegenüber Hundehaltern nicht herrisch aufzutreten. Das beste sei es das Gespräch zu suchen, aufzuklären. In seinem Revier habe er damit ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. "Losdonnern bringt gar nichts."

Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob man dieses "losdonnern" auch noch anders verstehen könnte?

Doch Greff wehrt ab: Die Berichte von Jägern, die bei nächster sich bietender Gelegenheit leinenlose Hunde abschießen, seien übertrieben: "Bei uns im Jagdkreis ist so etwas seit zehn Jahren nicht mehr vorgekommen."

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