Hechingen Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg spricht in der Alten Synagoge

Barbara Traub referierte über den Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod im Judentum.
Barbara Traub referierte über den Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod im Judentum. © Foto: Diana Maute
Hechingen / DIANA MAUTE 20.09.2016
So individuell der Lebensweg eines jeden Menschen auch ist, am Ende steht immer der Tod. Der jüdische Umgang mit dem Abschied vom Leben war am Sonntag Thema in der Alten Synagoge.

Im Rahmen der Reihe „Das Stuttgarter Lehrhaus – interreligiöser Dialog an Lernorten in Baden-Württemberg“ referierte Barbara Traub, Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, bei der Initiative Hechinger Synagoge über den Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod im Judentum.

Vor der Beschäftigung mit dem Lebensende gewährte die Referentin, die als Psychotherapeutin tätig ist, einen Einblick in das jüdische Verständnis von Körper und Seele. „Nach jüdischer Auffassung hat der Mensch Sorge um den eigenen Körper und die Seele zu tragen“, erläuterte sie.

Verschiedene Gebete, in denen der Allmächtige als Arzt und Heiler bezeichnet werde, zeigten, dass Leben erhalten, geachtet und geschützt werden müsse. „Der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen“, einerseits durch seine Seele mit Gott verbunden, andererseits Teil der materiellen Welt. Während der Körper im Laufe des Lebens an Kraft verliere, sei die Seele befähigt, sich immer weiter zu entfalten. „Beide sind nicht Eigentum des Menschen, sondern von Gott geliehen“, unterstrich Traub. Nach den jüdischen Religionsgesetzen sei es verboten, sie wissentlich zu schädigen.

Diese „Fürsorgepflicht“ beschränke sich nicht nur auf sich selbst, sondern gelte auch gegenüber anderen: „Gerade im Judentum steht der alte und schwache Mensch im Zentrum und verdient Fürsorge und Achtung“, erläuterte die Expertin. Es sei eine Mitzwa, eine heilige Pflicht, jedem Lebewesen Gerechtigkeit und Würde angedeihen zu lasse. Dies erkläre, warum die Kranken- und Altenpflege ein essenzieller Teil der jüdischen Sozialarbeit sei. Die Tradition des ehrenamtlichen Krankenbesuchsdienstes, des „Bikur cholim“, sei deshalb äußerst wichtig.

Führen Krankheit und Alter zum Tod, kümmert sich eine „Chewra Kadischa“, die Beerdigungsgesellschaft jüdischer Gemeinden, um Totenwäsche und Beerdigung. Die Bestattungsriten dienten mehreren Zwecken: „Der Verstorbene wird geachtet, Krankheiten werden von der Gemeinde abgehalten, und die Seele des Toten wird vom Körper befreit, damit sie aufsteigen kann zu Gott“, so die Referentin. In der ein Jahr dauernden Trauerphase werde den Familien Zeit eingeräumt, ihren Verlust zu verarbeiten. „Ein Riss in der Kleidung symbolisiert aber, dass dennoch ein Riss im Herzen bestehen bleibt.“ Besonders bedeutsam seien die Todestage, denn „die Toten dürfen nicht vergessen werden“, unterstrich Barbara Traub.

Den musikalischen Teil des Abends in der Alten Synagoge oblag dem Trimum-Chor-Labor aus Stuttgart, dessen jüdische, christliche und muslimische Sänger sich der kreativen Auseinandersetzung mit interreligiöser Musik verschrieben haben.

Entsprechend klangvoll gestaltete sich ihr Auftritt, denn passend zum Thema des Abends wurden vor allem Lieder aus der jüdischen Trauertradition zum Vortrag gebracht. Berührende Psalmverse, die Bestandteil des jüdischen Seelengedächtnisses sind, wurden gefühlvoll und fein nuanciert vorgetragen. Als Solist glänzte Nikola David, Kantor der liberalen jüdischen Gemeinden in München und Stuttgart, dessen ausdrucksstarke Stimme die besondere Atmosphäre in der Alten Synagoge unterstrich. Besonders berührend war auch ein alevitisches Lied, in dem das Leben als schmaler, langer Weg beschrieben wird. Eine Liedcollage aus „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“, erinnerte noch einmal daran, dass alles irdische Leben vergänglich ist.

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