Ein eisiger Wind weht an diesem Sonntagvormittag über den Kirchplatz. Die Aktivistinnen der Hechinger Gruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) haben alle Mühe, ihre Protestplakate am Bauzaun vor der Stiftskirche zu befestigen und die Unterschriftenlisten zu sichern, die sie auf Tischen ausgelegt haben. „Da müssen wir jetzt durch“, sagt Pastoralreferentin Ulrike Stoll-Dyma. „Bei so einem Wetter zeigt sich der wahre Kampfgeist.“

Die einzige hauptamtliche Kirchenfrau unter den 14 Hechinger KFD-Frauen, die an diesem Morgen ihre Kirchenstreikwoche eröffnen, muss ihre Mitstreiterinnen aber nicht zum Durchhalten animieren. Allesamt sind sie entschlossen, ihren Aufstand durchzuziehen, endlich ein Zeichen zu setzen für die konsequente juristische Verfolgung von Missbrauchstätern und deren Mitwisser in der katholischen Kirche, für den Zugang von Frauen zu allen Ämtern der Kirche, für die Aufhebung des Pflichtzölibats und für die Ausrichtung der kirchlichen Sexualmoral an der Lebenswelt der Menschen.

Diesen Forderungskatalog, den die Hechinger Streikenden in einem Brief an Erzbischof Stephan Burger und an Dekan Alexander Halter ausformuliert haben, haben am vergangenen Wochenende schon zahlreiche Kirchgänger in allen Gemeinden der Seelsorgeeinheit St. Luzius unterschrieben. Auch im kalten Wind vor der Stiftskirche segeln die streikenden Ehrenamtlichen, die eine Woche lang keine Kirche betreten wollen, auf einer Welle der Solidarität. „Frauen sollen in der Kirche nicht nur Putzfrauen sein, sondern mehr Rechte bekommen“, sagt Kirchgängerin Inge Horn, die mit ihrer Unterschrift keine Sekunde zögert. „Ich fordere das schon lange, und ich hoffe, dass noch viel mehr dazukommen.“

„Ich überlege immer mal wieder, aus der Kirche auszutreten“, sagt Ulrike Reuss. „Diese Aktion ist für mich ein Anlass drinzubleiben.“ Durch Austritte, meint die Hechingerin, erreiche man letztlich nichts. Aktiv werden müssten die Frauen, um nicht länger „als Dienstboten behandelt“ zu werden. So sieht das auch Sigrid Häusel: „Man soll auftreten und nicht austreten.“ Eine tolle Sache sei die Aktion, die sie gerne mit ihrer Unterschrift unterstütze.

Solidarisch äußern und zeigen sich auch viele Männer. Walter Wadehn, als langjähriger Gewerkschaftssekretär streikerfahren, beobachtete die Protestaktion der Kirchenfrauen mit leuchtenden Augen: „Ohne Frauen“, gab er zu bedenken, „wäre die katholische Kirche tot. Sie sind die eigentlichen Stützen der Kirche. Sie machen die Arbeit im Hintergrund.“ Und überhaupt: Wer habe denn Jesus am Kreuz beweint? Petrus? Nein, der habe ihn dreimal verraten. Maria Magdalena sei es gewesen, eine Frau, eine Jüngerin.

Aus Solidarität mit ihren streikenden Frauen gar aktiv mit Hand angelegt haben am Sonntagvormittag vor der Stiftskirche zwei Ehemänner: Erich Lieb und Wolfgang Nägele. Lieb sagte: „Wir Männer müssen zeigen, dass es ein Problem aller ist, dass Frauen keinen Zugang zu wichtigen Kirchenämtern haben.“ Und Nägele, selber Protestant, erinnerte daran, wie „wahnsinnig schwer“ sich seine evangelische Kirche einst mit dem Frauenordinariat tat. Längst sei es ein großer Segen. Und deshalb fände er es „wunderbar“, wenn die Bewegung in der katholischen Kirche Erfolg hätte.

Auf dem Weg zum Dienst kam auch Stadtpfarrer Michael Knaus vorbei, den Messkelch unterm Arm und freundliche Grüße hinüberwinkend. Nach dem Gottesdienst zeigte er sich mit dem Protestbutton am Revers und sagte: „Ich unterstütze diese Aktion komplett.“ Viele der streikenden Frauen seien die größten Aktivposten in der Gemeine. Er verstehe ihre Wut vollkommen. Zu bedenken gibt der Geistliche freilich auch, dass ein nationaler Alleingang undenkbar sei. Kein deutscher Bischof dürfe Frauen einfach zu Priesterinnen weihen.

Es bleibt also spannend. Niemand kann abschätzen, wohin die eben erst angelaufene Protestaktion „Maria 2.0“ führt. Die junge Generation trägt sie in Hechingen jedenfalls mit. Auch die Ministrantinnen verweigerten an diesem Sonntag den üblichen Dienst am Stiftskirchenaltar – und trafen sich stattdessen zum Streikfrühstück im Gemeindehaus. Ob für sie ein Priesteramt in Frage kommt, wenn sie dereinst erwachsen sind?

Morgen: Maiandacht außerhalb der Kirche


So geht’s weiter in der Streikwoche: Am morgigen Dienstag, 14. Mai, findet um 18.30 Uhr eine Maiandacht von Frauen für Frauen im Stettener Klostergarten statt. Die Andacht steht unter dem Motto „Maria 2.0“ und ist Teil des bundesweiten Frauenaufstandes. Auch bei schlechtem Wetter geht’s nicht unters Kirchendach, sondern in den Johannessaal.