"In den kommenden Jahren werden wir es sicher nicht mehr oft erleben, dass wir im ländlichen Raum eine neue Praxis für einen Allgemeinarzt einweihen können", freute sich Landrat Thomas Reumann, der sichtlich beeindruckt vom neuen Ärztehaus in Bernloch war. Im Jahr 2009 seien alle 178 im Landkreis Reutlingen niedergelassenen Hausärzte befragt worden, wie es mit ihrer Nachfolgeregelung aussehe. Daraufhin hätte man den Arbeitskreis "Gesunde Gemeinde" ins Leben gerufen und Handlungsempfehlungen gegeben.

Doch damit sei es allein nicht getan. "Wir brauchen eine Bewusstseinsänderung zum Thema medizinische Versorgung und müssen Städte und Gemeinden mit einbeziehen", so Reumann. Die Gemeinde Hohenstein gehe vorbildhaft voran und sei eine von drei Modellgemeinden im Landkreis Reutlingen, die sich zertifizieren lasse. Sie übernehme Verantwortung und setze die medizinische Versorgung in der Wertigkeit gleich hoch an wie Bildung. "Wir müssen zunehmend lernen, nicht mehr in Sektoren sondern in Versorgungsnetzwerken zu denken. Gemeinsam geht es darum nach Lösungen zu suchen, wie die Gesundheitsversorgung insbesondere in ländlichen Regionen sichergestellt werden kann."

Bürgermeister Jochen Zeller blickte noch einmal zurück auf das Jahr 2011, als sich der Gemeinderat mit dem Thema hausärztliche Versorgung in Hohenstein auseinandersetzte. Der niedergelassene Hausarzt Dr. Wolfgang Gottwik hatte angekündigt, seine Praxis im Jahr 2014 zu schließen, da sich die Suche nach einem Nachfolger als sehr schwierig erweise. Die Bürgerschaft war beunruhigt. "Wir haben uns deshalb dem Thema angenommen und es zu unserer Aufgabe gemacht", so Zeller.

Der ländliche Raum sei vom Hausärztemangel stark betroffen, viele noch praktizierende Ärzte im Landkreis hätten eine bestimmte Altersgrenze erreicht und würden sich bald zur Ruhe setzen. Die Frage, was die Gemeinde Hohenstein tun kann, um einem Hausarzt attraktive Bedingungen zu bieten, wurde schließlich mit dem Bau des Ärztehauses beantwortet. In der Firma F+H Massivbau wurde ein Bauträger gefunden, der schließlich die Arztpraxis nach den Vorstellungen der Gemeinde und von Dr. Roland Rauscher, der sein Interesse an der Praxis bekundete, erstellte.

Im Erdgeschoss entstanden rund 215 Quadratmeter Praxisräume, die modern, funktionell und barrierefrei konzipiert und eingerichtet wurden. Etwas über eine halbe Million Euro hat die Gemeinde Hohenstein hierfür investiert, Mittel aus dem Ausgleichsstock gab es keine: "Leider ist die Bereitstellung von Praxisräumen noch nicht als kommunale Aufgabe verankert", bedauerte Zeller. Für Hohenstein sei diese Arztpraxis eine Zukunftssicherung, man sei auf dem Weg, ein kleines Gesundheitszentrum aufzubauen.

So befindet sich in Bernloch schon immer eine Apotheke, Dr. Gottwik beabsichtigt nun doch seine Praxis mit einem Nachfolger weiterzuführen, im neuen Ärztehaus ist im ersten Stock die Ergotherapiepraxis von Daniela Sass untergebracht, außerdem entsteht in der Nachbarschaft eine Logopädiepraxis. Darüber hinaus soll im Ärztehaus eine Lehrpraxis der Uni Tübingen eingerichtet werden.

Für Landrat Thomas Reumann ein Grund zur Freude: "Damit erbringen wir den Nachweis, dass Lehren und Forschen auch im ländlichen Raum erfolgen kann." Finanziert werden soll diese Lehrpraxis über einen Verein.

Allgemeinmediziner Dr. Roland Rauscher eröffnete gestern seine Praxis im Ärztehaus und machte deutlich, dass jeder Mensch - selbst ein Arzt und Politiker - in irgendeiner Form auch einmal Patient ist. Bei diesem Ärztehaus gehe es nicht um eine kleine Arztpraxis, sondern um ein Unternehmen mit Außenwirkung.