Hechingen / Antonia Lezerkoss  Uhr
Mit Stücken des Jazzgiganten Miles Davis im Gewand des 21. Jahrhunderts brillierte der Ausnahmetrompeter Joe Kraus.

Fast ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte hat Miles Davis mitgeschrieben. Vom Cool Jazz über Hard Bop hin zu modalem Jazz und Jazzrock, all diese Richtungen hat der Trompeter maßgeblich beeinflusst. Dieser Stilikone erwies der magnifike Trompeter Joo Kraus in Verein mit Thomas Stabenow am Bass, Peter Lehel am Saxofon, Martin Schrack am Piano und Michael Kersting am Schlagzeug mit „In the Spirit of Miles Davis mit dem Puls des 21. Jahrhunderts“ in der vollbesetzten Alten Synagoge seine Reverenz.

Mit Verve, Entdeckerfreude und  gestalterischem Drang widmeten sich die Musiker ihrem „Davis-Revival“. Dabei ging es nicht darum, Denkmalpflege zu betreiben, sondern Fixiertes mit neuem Leben zu erfüllen und in der Klangsprache des 21. Jahrhunderts zu präsentieren. Extravagante Interpretationen lösten sich von den traditionellen Vorlagen und schlugen den Bogen vom Damals zum Heute. Frisch und modern, in klaren, stringenten Strukturen und schattierungsreichem Kolorit erklangen spontane Improvisationen, mitreißende Inter-pretationen und vielschichtige, ornamentreiche Adaptionen.

Melancholie, Sinnlichkeit, Wildheit, Nachdenklichkeit, tänzerische Leichtfüßigkeit und besonders der vielzitierte Groove fanden sich im Spiel des  traumwanderlisch zusammen musizierenden Ensembles. Reibungsvolle Linien von rhythmischer Komplexität wie in „Half Nelson“ wechselten ab mit wunderbar tiefsinnigen Reflexionen in „The Duke“ oder „Blue in Green“, in dem auch Umwege und Abwege mit viel Spiellust ausgeleuchtet wurden, bevor wieder „Fran Dance“ oder „Autumn leaves“ träumerisch versonnen, sehnsuchtsvolle Farbtupfer setzten.

Was mit herrlichem Groove begann, entwickelte sich im Lauf der Stücke zu einem vielschichtigen, luftig melodischen Klangkosmos, der ein Gleichgewicht herstellte zwischen Harmonien, Improvisationen, Solisten und Rhythmus. Geschmeidig und brillant von melodiös und zart bis zum  wahnwitzig flinkem Martellato gestaltete Martin Schrack sein Pianospiel. Meisterhaft bediente Thomas Stabenow sein warmtönendes Vollkörperholzinstrument und fügte seinem überlegtem Spiel genau die richtige Dosis Attacke hinzu, mit der sich rhythmische Spannung herrlich verdichten lässt. Mit seinem variantenreichen, kreativen Schlagzeugspiel gab Michael Kersting  Rhythmus und Tempo vor.

Als unbestrittene Meister ihres Instrumentes erwiesen sich Joo Kraus und  Peter Lehel. Joo Kraus gehört zu der halben Handvoll Ausnahme-trompetern aus Deutschland, die es auch international zu Ansehen gebracht haben. Sein souveränes Musizieren vereint technische Makellosigkeit und die ganze Vielfalt der Trompetenklänge mit intensiver Dichte und Wärme. Peter Lehel, der die Klangmöglichkeiten seiner Saxophone bis aufs Äußerste ausreizte, überzeugte mit virtuosen solistischen Einlagen, musikalischem Witz und mitreißenden Passagen. Am Ende stand ein Gesamtkunstwerk, bei dem Ambiente, Präsentation und Musik ein gelungenes Ganzes ergaben.

Mit einem rasanten „Stable Mates“ bedankten sich die Musiker für den nicht enden wollenden Applaus.

Der Mythos in Musik, Wort und Bild

Einleitung „Blues war sein Leben“: Dies verdeutlichte der gefällige, musikalisch-literarische Prolog des Konzerts mit dem Titel „Miles and more“. Damit entwarfen Dr. Jürgen Lehmannam Klavier und  Dr. Rita Ziebach als Sprecherin, illustriert von einer reichhaltigen Bildprojektion, ein anschauliches Lebens- und Schaffensbild des „Mythos Miles Davis“ (Technik und Ausführung: Mark Müller).